tiempo nuevo

Unter „BooksInVienna_stores“ stelle ich euch Wiener Buchhandlungen und deren BesitzerInnen vor. Teil 2 bescjäftigt sich mit der Buchhandlung tiempo nuevo auf der Taborstraße.

Der Zusatz „Genussbuchhandlung“ sorgte anfangs für Verwirrung. „Einmal stand eine Familie mit halbwüchsigen Kindern vor der Tür. Schließlich kam der Vater herein und hat gefragt, ob er die Kinder mit reinbringen kann, weil er dachte, dass es bei uns nur erotische Bücher gibt“, erzählt Alice Bohdal. Andere Kunden dachten, dass es lediglich Kochbücher gibt, weil für diese Genuss lediglich in direkter Verbindung mit Kulinarik stehen konnte. Das ist natürlich nicht ganz falsch, doch was das tiempo nuevo betrifft, geht der Genussbegriff noch viel weiter.

 

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Als Quereinsteigerin eröffnete Bohdal 1998 ihre erste Buchhandlung. „Ich habe in der Schule schon immer gerne gelesen, habe dann Sprachen studiert und schließlich im internationalen Bereich gearbeitet. Es war aber stets der Wunsch da, etwas mit Büchern zu machen. Außerdem hat mir in Wien damals etwas gefehlt, was es in anderen Städten, vor allem im angloamerikanischen Raum, schon längst gab: Eine Buchhandlung, in der man gemütlich in Büchern schmökern und dazu etwas trinken konnte.“ Es folgte ein von der Wirtschaftskammer veranstalteter Crashkurs in Sachen Buchhandlung und eine Gastronomieausbildung. Das Ergebnis all dieser Überlegungen und Anstrengungen war schließlich das tiempo in der Johannesgasse in der Inneren Stadt. „Anfangs waren die Leute total skeptisch, eine Mischung aus Lokal und Buchhandlung kannten die Wiener damals nicht. Die Touristen dagegen kannten überhaupt keine Berührungsängste“, blickt Bohdal siebzehn Jahre später mit einem Lächeln zurück.

Im Dezember 2007 gründete Bohdal zusätzlich zum tiempo in der Johannesgasse das tiempo nuevo in der Taborstraße. „Die Idee dazu, auch in der Leopoldstadt eine Buchhandlung zu eröffnen, war schon früher da. Damals hatte ich mir am Karmeliterplatz ein kleines Lokal angeschaut. Ich konnte mich jedoch nicht mit dem Eigentümer der Immobilie einigen“, erzählt Bohdal. So dauerte es einige Zeit, bis sie eines Tages an einem leerstehenden Erdgeschosslokal in der Taborstraße vorbeikam. „Zu dem Zeitpunkt hatte die Buchhandlung Lhotzky auch schon aufgesperrt, aber ich wollte trotzdem etwas im zweiten Bezirk machen. Es hat sich dann sehr schnell herausgestellt, dass das ein sehr guter Standort für eine Buchhandlung ist, viel besser als im ersten Bezirk.“

Die Standortvorteile führten schließlich dazu, dass Bohdal das tiempo in der Johannesgasse im Jahr 2011 aufgab. „Die Gastro hat dort gut funktioniert, das Buchgeschäft eher weniger, weil es sehr viele Buchhandlungen im ersten Bezirk gibt. Hier wohnen wesentlich mehr Menschen, die uns als Grätzlbuchhandlung wahrnehmen. Die gehen dann nicht gleich in die Stadt, nur weil wir mal ein Buch nicht haben, sondern bestellen es bei uns. In Wahrheit sind wir in dieser Hinsicht ja auch schneller als der Onlinehandel, denn bei Bestellung am Vormittag liegt das Buch in aller Regel am nächsten Tag bei uns im Abholfach“, zählt Bohdal auch gleich noch einen Vorteil gegenüber dem Onlinehandel auf. Früher hatte das tiempo nuevo neben Kaffee und Wein auch noch kleinere Speisen oder Suppen im Angebot, mittlerweile gebe es in der Umgebung aber genug „coole Lokale“, sodass sich das kulinarische Angebot heute auf Kaffee, Wein und hin und wieder einen selbstgebackenen Kuchen beschränkt.

„Das Leben und Lesen genießen“, unter diesem inhaltlichen Leitmotto steht das tiempo nuevo. „Wenn man irgendwohin reist, und sei es nur im Kopf, gibt es bei uns zum jeweiligen Reiseziel passende Romane oder Kochbücher“, beschreibt Bohdal das Konzept. So finden sich im Portugal-Regal neben Reiseführern unter anderem auch Gedichte von Fernando Pessoa oder José Saramango sowie eine Literaturgeschichte der Hauptstadt Lissabon.

Weitere Schwerpunkte in Bohdals Buchhandlung, die auch privat ein großer Lateinamerika-Fan ist, liegen auf Büchern in einer der romanischen Sprachen (vor allem Spanisch und Italienisch) sowie moderner Belletristik. Weiters im Angebot: Werke zur Geschichte der Leopoldstadt sowie zur jüdischen Geschichte Wiens. „Wir haben auch eine eigene Exilabteilung mit Büchern von Autorinnen und Autoren, die, wie zum Beispiel Ruth Klüger, aus Österreich vertrieben worden sind“, sagt Bohdal.

Lesungen von Autoren hat es schon im ersten tiempo in der Johannesgasse gegeben und so setzte die engagierte Buchhändlerin diese Tradition auch am Standort in der Taborstraße fort. „Die Räumlichkeiten sind für solche Veranstaltungen sehr gut geeignet, denn wir können den Raum flexibel aufteilen.“ So wird das tiempo nuevo zweimal im Monat zum Treffpunkt für Buchlieberhaberinnen und -liebhaber, die anschließend bei einem Glas Wein mit dem Autor über sein Werk sprechen können. Berührungsängste mit der „Genussbuchhandlung“, wie sie Alice Bohdal zum Beispiel in Person des um die Unschuld seiner Kinder fürchtenden Familienvaters anfangs erlebt hat, sind so mittlerweile zur Seltenheit geworden.
(Dieser Beitrag erschien in längerer Fassung im Dezember 2015 auf www.polditown.at)

get in contact: tiempo nuevo, Taborstraße 17A – Web: www.tiempo.at – tiempo nuevo auf Facebook – E-Mail: nuevo@tiempo.at

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