ANAchron

Unter „BooksInVienna_people“ stelle ich euch spannende Menschen vor, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise mit Büchern beschäftigen. Den Anfang macht Tamara mit ihrem Label ANAchron. Zu diesem Beitrag verlose ich unter allen Mitgliedern der Facebook-Gruppe Books in Vienna, die das dortige ANAchron-Posting liken, eine von Tamara gestaltete Pixi-Geldbörse.

„Halten Sie die Bücher in Ehren“, gab ihr die Dame auf dem Bücherflohmarkt mit auf den Weg, nachdem Tamara zwei alte Goethe-Ausgaben von ihr erstanden hatte. Man kann darüber spekulieren, ob ihr die Frau die beiden Bücher tatsächlich ausgehändigt hätte, wenn sie gewusst hätte, was Tamara mit den beiden Werken vorhatte: Denn unter ihrem Label ANAchron verwandelt die 33-Jährige Bücher in Umhängetaschen und Geldbörsen.

Tamara Foto„Angefangen hat es damals mit alten Klamotten, die ich umgearbeitet habe. Vor drei Jahren war ich dann mal bei einem Bücherflohmarkt im dritten Bezirk, wo ich eine wunderschöne alte Schiller-Ausgabe mit Wachsprägung gefunden habe. Auf dem Deckel war ein Profil von Schiller eingepresst, das ganze Buch war total aufwendig gestaltet“, erzählt Tamara. Als Draufgabe erhielt sie ein weiteres Schiller-Exemplar, das jedoch fast nur noch aus dem Bucheinband bestand. „Ich habe mich gefragt, was man damit anstellen könnte, denn ich fand es total schade, dass man mit so einem schönen Buch nichts mehr anfangen konnte“, erklärt Tamara. Sie probierte dann ein bisschen herum und schließlich entwickelte sich das Buch mit Schiller-Profil zu einer Geldbörse mit Schiller-Profil.

So wurde aus dem Hobby der studierten Sozialanthropologin mit der Zeit ein zweites berufliches Standbein. „Die ersten Versuche waren natürlich irrsinnig patschert und ich habe ewig gebraucht“, blickt Tamara zurück. „Aber mit der Zeit habe ich meine Fähigkeiten entwickelt und gelernt, ökonomischer zu arbeiten.“ Der Name ihres Labels steht in engem Zusammenhang mit dem, was ihre Tätigkeit für sie ausmacht: Alte Gebrauchsgegenstände aus vergangenen Zeiten, deren Funktion heutzutage nicht mehr gefragt ist, in die Gegenwart zu verpflanzen und aus ihnen wieder alltagstaugliche und moderne Dinge zu machen.

IMG_1221Ihre künftigen Werkstücke findet Tamara in Antiquariaten und auf Bücherflohmärkten, hin und wieder ist sie auch bei einer Wohnungsauflösung dabei. Im Gegensatz zu den meisten Buchinteressierten achtet sie weniger auf den Inhalt des Buches, als vielmehr auf Art und Aussehen des Einbands. „Die Seifenopern aus dem 19. Jahrhundert haben für mich die schönsten und verschnörkelsten Einbände, die sind teilweise richtig kitschig. Das ist dann quasi Gute Zeiten Schlechte Zeiten in Buchform, inklusive aufwändig gestalteter Hülle“, erklärt Tamara. Von Bedeutung ist auch die Größe der Bücher, denn danach richten sich die Weiterverarbeitungsmöglichkeiten. „Aber ich würde ein Buch nicht verschmähen, wenn es nicht die richtige Größe hat. Einband schlägt immer Größe“, betont die Wienerin, die in einem Gemeinschaftsatelier in der Leopoldstadt werkelt. Besondere Freude macht es ihr, wenn sie in den Büchern alte Widmungen oder andere Fundstücke findet. „Einmal habe ich ein altes Familienfoto, wahrscheinlich aus den 1930ern, gefunden. In einem anderen Buch steckte ein gepresstes Edelweiss zwischen den Seiten. Das finde ich toll, solche Sachen geben einem Buch zusätzlich eine persönliche Geschichte und man kann sich dann im Kopf ausmalen, was es mit der Widmung oder einem solchen Fundstück auf sich hat.“ Bei ganz alten Büchern finden sich auch immer wieder andere Papiermaterialien, die zur damaligen Zeit zur Verstärkung des Buchrückens eingearbeitet wurden. „Dafür wurde früher oft Papier aus nicht mehr gebrauchten Büchern verwendet. Solche Funde sind für mich als Wiederverwerterin natürlich auch immer spannend.“

Weniger spannend findet Tamara die Arbeit mit modernen Büchern. „Wenn jemand ein Buch aus den Neunzigern als Auftragsarbeit haben will, mache ich das natürlich auch. Aber ich beschäftige mich eigentlich lieber mit älteren Werken.“ Angst, dass sie mit ihrer Art des Recyclings eine seltene Ausgabe eines Buches für immer zerstört, hat sie dabei nicht. „Mittlerweile habe ich dafür ein ganz gutes Auge entwickelt und im Antiquariat oder auf Flohmärkten merkt man ja schon anhand des Preises, wenn es sich um ein seltenes oder besonderes Exemplar handelt“, erklärt Tamara.

Vorsicht lässt sie walten, wenn zum Beispiel Familienmitglieder dem Sohn oder der Frau Mama eine Freude machen und ein Lieblingsbuch in eine Tasche umwandeln lassen wollen. „Da sollte man lieber zur Sicherheit bei der Person nachfragen oder das Buch nochmal kaufen“, rät Tamara. Auch an anderer Stelle ist sie sehr behutsam: „Ich habe mal ein Märchenbuch eines Autors gefunden, der von den Nazis verfolgt wurde und dessen Bücher damals verbrannt worden sind, sodass es heutzutage nicht mehr viele Exemplare gibt. So ein Buch belasse ich natürlich auch in seinem ursprünglichen Zustand.“

IMG_1184-2Ihre Tätigkeit bringt es mit sich, dass sie vor dem Auseinandernehmen natürlich auch immer wieder einen Blick in die Bücher wirft. „Die Seifenopern aus dem vorvergangenen Jahrhundert eignen sich perfekt als Frühstücks- oder Sommerlektüre. Man kommt immer wieder sehr gut rein und kann auch mal zwischendurch in der Mitte anfangen zu lesen, weil diese Bücher inhaltlich immer gleich aufgebaut sind.“ Tamaras Motto lautet dabei stets Je älter desto spannender. „Die Bücher von damals behandeln im Grunde die gleichen Probleme, mit denen wir uns auch heute auseinandersetzen. Es ist lustig, wenn man liest, wie Teenager damals in ihrer Jugendsprache gegen die Eltern rebellierten und für einen selbst sind sowohl Teenager- als auch Elternsprache von damals total überholt. Auch die einstmals etablierten gesellschaftlichen Normen regen zum Nachdenken an“, erklärt Tamara, die zu den Büchern auch gerne mal die gesellschaftlichen Hintergründe recherchiert. „In einem Buch geht es zum Beispiel um ein Mädchen, das bei einer Schulaufführung ein langes Kleid tragen will. Die Eltern bestehen jedoch auf einem kurzen Kleid. Heutzutage wäre das wohl genau umgekehrt. Doch damals bedeutete ein langes Kleid, dass ein Mädchen in der Gesellschaft endlich als Frau angesehen wurde. Es war also ein wichtiger Schritt in der Entwicklung einer jungen Frau. Daran merkt man, wie sich Dinge kulturell verändern können und es relativiert den Blick auf Vieles, mit dem wir uns heutzutage beschäftigen.“

Die eingangs erwähnten Goethe-Ausgaben vom Flohmarkt hat Tamara übrigens letztlich auch in Taschen umgewandelt. „Natürlich habe ich mich anfangs gefragt, ob ich sie mit gutem Gewissen verarbeiten kann. Aber im Endeffekt habe ich die beiden Werke durch meine Tätigkeit in Ehren gehalten. Halt nur auf meine eigene Art.“

get in contact: Ihre Produkte vertreibt Tamara zum Großteil auf Märkten und Veranstaltungen in Wien. „Ich komme gerne mit den zukünftigen Besitzern ins Gespräch und ich finde es wichtig, dass man meine Produkte vor dem Kauf in die Hand nehmen und ein Gefühl dafür bekommen kann.“ Per E-Mail steht sie auch für individuelle Anfragen zur Verfügung. Eine Übersicht, wo ihr ANAchron-Produkte kaufen könnt sowie aktuelle Termine, bei denen ihr Tamara mit ihren Produkten persönlich antreffen könnt (zum Beispiel bei der Steampunkrevue/Viktorianische Ballnacht am 20. Februar 2016 im Weberknecht), findet ihr auf ihrer Website www.ana-chron.atANAchron auf Facebook: www.facebook.com/anachron.wien

Foto-Copyright: ANAchron (2), Books in Vienna (1)

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