Edition Atelier

Unter „BooksInVienna_publish“ stelle ich euch Wiener Verlage vor. Für Teil 1 habe ich mich mit Sarah Legler, Jorghi Poll und Sebastian Reiner von der Edition Atelier getroffen. Zu diesem Beitrag verlose ich unter allen Mitgliedern der Facebook-Gruppe Books in Vienna, die das dortige Edition Atelier-Posting liken, ein Exemplar von Eva Schörkhubers „Die Blickfängerin“ sowie von Margit Mössmers „Die Sprachlosigkeit der Fische“ (die Auslosung findet am 11. Februar 2016 statt).

Es gab Zeiten, da verbanden Leserinnen und Leser mit der Edition Atelier vor allem einen Namen: Jörg Mauthe. Der Schriftsteller und Kulturpolitiker, der vor fast genau dreißig Jahren verstarb, hatte den Verlag gegründet, zahlreiche seiner Bücher wurden hier veröffentlicht. Dass die Edition Atelier mittlerweile für mehr als „nur“ Jörg Mauthe bekannt ist, hat sie den beiden Verlagsleitern Sarah Legler und Jorghi Poll sowie Mitarbeiter Sebastian Reiner zu verdanken, die den Wiener Verlag seit 2011 betreiben.

P1274478 small FBAls die Wiener Zeitung 2011 beschlossen hatte, dass der Verlag nicht mehr in ihr Kerngeschäft passe, trat man an Jorghi Poll heran (im Bild links) und fragte ihn, ob er die Edition Atelier nicht übernehmen wolle. Poll, der bis dahin einen Theaterverlag leitete, sagte zu. Später kamen Literaturwissenschaftlerin Sarah Legler und Sebastian Reiner mit an Bord des Verlags, der heute in der Schwarzspanierstraße im neunten Wiener Gemeindebezirk residiert. „Der damaligen Verlagsleitung ist es darum gegangen, den Verlag engagierten jungen Leuten zu übergeben, die mit viel Idealismus an die Sache herangehen“, blickt Poll auf die Anfangszeit zurück. Als wertvolle Starthilfe erwies es sich, dass der Verlag nicht von Null auf neu aufgebaut werden musste, sondern bereits Auslieferung und Vertreter sowie eine Backlist von etablierten Autorinnen und Autoren vorhanden waren. Darauf konnte das Trio aufbauen, „wir haben damals nur ein bisschen das Profil geschärft“, erzählt Sarah Legler. Heute positioniert sich die Edition Atelier als Verlag für zeitgenössische österreichische Literatur, der jedoch auch immer wieder einen Blick über den (Autoren)-Tellerrand wirft.

Mittlerweile fixer Bestandteil im Autorenpool der Edition Atelier ist zum Beispiel Wolfgang Popp, der die Leserinnen und Leser im soeben erschienen Roman „Wüste Welt“ mit auf einen Roadtrip nach Marokko nimmt (seine Ausstellung „Landschaft mit Vögeln“ ist ab 3. März 2016 im Literaturhaus Wien zu sehen). Sein Roman „Die Verschwundenen“ wurde im Vorjahr auf Anhieb zum bestverkauften Belletristiktitel der Edition Atelier. Ö1-Kulturredakteur Wolfgang Popp ist ein gutes Beispiel für den Typus Autor, der heutzutage gefragt ist. „Es ist ganz wichtig, dass du als Autor dein eigenes Netzwerk mitbringst. Das ist bei großen Verlagen nicht anders als bei uns“, sagt Jorghi Poll. „Dieses klassische Bild vom Autorengenie, das in seinem Elfenbeinturm sitzt, irgendwann ein Manuskript abgibt, das dann auf Anhieb gedruckt wird, gibt es nicht mehr. Das hat vielleicht in den 1950ern und 60ern dank der Kraft und Stärke von Verlagen wie Suhrkamp funktioniert, aber die Branche hat sich nicht zuletzt durch die Digitalisierung sehr stark verändert, was Marketing, Werbung und Unmittelbarkeit betrifft. Es reicht nicht mehr, einen einzelnen Feuilletonisten von einem Buch zu überzeugen und zu hoffen, dass dann auch fünf andere darauf aufmerksam werden“, so Poll weiter.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANeben einzelnen Autorinnen und Autoren führt die Edition Atelier auch einige Reihen. Die „Bibliothek der Nacht“ (herausgegeben von Thomas Ballhausen) bietet Meisterwerke der Phantastischen Literatur, die von Alexander Kluy verantwortete Reihe „Wiener Literaturen“ vereinigt Literatur von und aus Wien (zuletzt erschien „Unvollendete Symphonie“ von Hans Weigel). Die Reihe „Textlicht“ bietet unter dem Schlagwort „Große Literatur im kleinen Format“ AutorInnen wie Eva Schörkhuber, die mit ihren Werken zum Nachdenken anregen.

„Das Einzige, das wir sicher nie machen werden, sind Krimis, Kinder- und Kochbücher“, umreist Sarah die No-Go’s. Schließlich sei das Wichtigste, ergänzt Sebastian Reiner, dass das „Verlagsprogramm in sich schlüssig ist. Wir bekommen viele Manuskripte und da sind einige Sachen dabei, wo man ganz klar sagen muss, dass das bereits genug andere Verlage oder Autoren machen. Aber wenn wir etwas bekommen, dass uns alle vom Sessel haut, wie zum Beispiel eine gute gemachte Graphic Novel, schauen wir uns das natürlich sehr genau an.“

Das Verlagstrio teilt sich die Arbeitsbereiche so gut es geht auf. Sebastian Reiner kümmert sich um Pressekontakte und übernimmt die Vorauswahl der eingelangten Manuskripte. Bei Sarah Legler stehen Programm, Vertrieb, Socialmedia und Veranstaltungen auf der Agenda und Jorghi Poll kümmert sich um Programm und Lektorat. Grundsätzlich sind die Grenzen der Tätigkeiten aber nicht ganz so klar definiert. „Dadurch, dass wir zu dritt in einem Raum sitzen, reden wir ohnehin die ganze Zeit miteinander und es gibt einen engen Austausch“, erklärt Sarah.

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Neben einem guten Kontakt zu den einzelnen Autoren (Legler: „Das ist uns total wichtig“) ist für einen Verlag wie die Edition Atelier auch der Austausch „nach draußen“ von großer Bedeutung. Im Fluc am Praterstern veranstaltet die Edition Atelier seit 2013 einmal pro Monat den Literaturmontag, bei dem Autoren zu einem bestimmten Thema aus ihrem Buch lesen. Special Guests und DJs runden das Programm ab (nächste Veranstaltung: 29. Februar 2016, Eva Schörkhuber liest aus „Quecksilbertage“). Im Museumsquartier bespielt der Verlag gemeinsam mit der Plattform Textfeld Südost die Literaturpassage. Auf der Buch Wien ist der Verlag genauso vertreten wie bei den Kritischen Literaturtagen in der Brunnenpassage (10. bis 12. Juni 2016).

Wenn eingangs davon die Rede war, dass die Edition Atelier jahrelang von den Titeln Jörg Mauthes geprägt wurde, muss dies übrigens insofern eingeschränkt werden, als dass es noch einen weiteren Dauerbrenner im Programm des Verlags gibt, mit dem man so wohl nicht rechnen würde: „Die Strategie des Tarockspielens“ erscheint mittlerweile in vierter Auflage. Im vergangenen Herbst erschien mit der „Kulturgeschichte des Tarockspiels“ eine Erweiterung.

get in contact: Edition Atelier, Schwarzspanierstraße 12/2, 1090 Wien – www.editionatelier.at – Edition Atelier auf Facebook

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2 Comments

  1. Hat dies auf Textlicht rebloggt und kommentierte:
    Wenn man zu seinem Verlag interviewt wird, merkt man wieder mal, wie sehr man ihn liebt. Danke an Philipp Schneider von „Books in Vienna“ fürs Fragenstellen. Auf seinem Blog könnt ihr das schöne Porträt lesen & zudem ein paar Bücher gewinnen:

    Gefällt mir

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