Stefan Slupetzky: „Ich habe mir ein Thema vom Leib geschrieben“

„In wirtschaftlicher Hinsicht bin ich ja ein bisschen ein Trottel“, erklärt Stefan Slupetzky beim Interview in der Pizzeria Billini in der Wiener Porzellangasse, während draußen die Garnituren des D-Wagens vorbeifahren und Passanten durch den grauen Vormittag eilen. Drinnen sitzt der 1962 geborene Autor bei einer Melange und einer Zigarette und gibt Auskunft über das Autorendasein und seinen dieser Tage erscheinenden Roman Der letzte große Trost. Im Hintergrund signalisieren die scheppernden Pizzableche den baldigen Beginn der Mittagszeit.

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Würde er ausschließlich auf seine Finanzen achten, hätte sein neuestes Buch eigentlich wieder von einem Fall des Privatdetektivs Leopold Wallisch, genannt Lemming, handeln müssen. In vier Kriminalfällen hat dieser bisher dem Recht zu seiner Durchsetzung geholfen, doch sein Schöpfer gönnt ihm seit sieben Jahren eine Pause. Eine Pause, die er unter anderem für die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seiner Familiengeschichte genutzt hat. Und wie es sich für einen Autor gehört, hat er sich diesem Thema in Form eines Buchs gestellt. „Mich interessiert schon lange das Spannungsgefühl zwischen der zweiten Nachkriegsgeneration, deren Geschichten und Erlebnisse eigentlich nicht wirklich erzählenswert sind, und ihrer Großelterngeneration, die wirklich große Tragödien erlebt hat“, sagt Slupetzky. Besagtes Spannungsgefühl stülpt Slupetzky in Der letzte große Trost der Buchfigur Daniel Kowalski über, die wohlbehütet in Klosterneuburg und Wien-Josefstadt aufwächst. Seine größten Sorgen drehen sich um die jugendliche Schwärmerei für eine rumänische Kunstturnerin namens Nadia Comăneci sowie eigene Mädchen- und später Frauenbekanntschaften. Erst im Erwachsenenalter beginnt sich der Protagonist mit der ambivalenten Familiengeschichte auseinanderzusetzen, die sowohl nationalsozialistische Täter- als auch jüdische Opfergeschichten zu erzählen weiß. Die Figur Daniel Kowalski trage zu „gut siebzig Prozent“ autobiografische Züge, sagt Slupetzky im Gespräch. „Aber natürlich gibt es auch Figuren und Vorgänge im Buch, die sich so in der Realität nie abgespielt haben. Fiktion und Realität mäandern stets umeinander herum.“

978-3-498-06152-4-2Das dem Roman zugrunde liegende Thema der vermeintlich langweiligen zweiten Nachkriegsgeneration beschäftigt Slupetzky schon seit einiger Zeit. „Ich bin in Wohlstand und Frieden hineingeboren worden und habe in diesem Paradies mein ganzes Leben verbracht.“ Ihn habe daher interessiert, ob er in Buchform beides unter einen Hut bekommen könnte, die großen Dramen der Kriegsgeneration genauso wie die kleinen Dramen eines Menschen in Friedenszeiten. „Sind wir wirklich bessere Menschen, nur weil uns die Zeit, in der wir leben, besser aussehen lässt?“, fragt Vater Kowalski an einer Stelle des Romans seinen Sohn Daniel. Dieser antwortet, dass man heutzutage eben Glück habe, woraufhin der Vater nickt und erklärt: „Wir haben Glück und Autos, Tiefkühltruhen und Fernsehapparate.“ So wie Kowalski Senior nüchtern antwortet, gibt sich auch Slupetzky im Interview keinen Illusionen hin: „Ich bin nicht der Meinung, dass sich viel geändert hat. Wir sind heutzutage nicht bessere Menschen, nur weil wir nicht so viel morden wie damals. Ich glaube, manche Leute wären heute genauso wieder bereit dazu.“

Der Genrewechsel vom Kriminalroman hin zum Roman mit autobiografischem Charakter gestaltete sich für Slupetzky als durchaus herausfordernd. „Ein Krimi funktioniert, wenn man mit den dafür vorgesehenen Mitteln Spannung erzeugt. Beim Schreiben des Romans konnte ich nun schwer abschätzen, wie viel Spannung ein Nicht-Kriminalroman benötigt“, erklärt Slupetzky. Es wäre jedenfalls „ein fürchterlicher Trugschluss“ zu glauben, dass ein Roman keine Spannung brauche. Dass Slupetzky mit Der letzte große Trost nun nach Kinderbüchern und Krimis einen teilweise autobiografischen Roman veröffentlicht, ist seiner steten Suche nach Neuem geschuldet. Er halte sich nun mal nicht gerne mit Dingen auf, die schon erfolgreich waren, sondern behalte sich seine Neugierde auf neue Projekte. Eine Neugierde, die auch von seinem Verlag Rowohlt gefördert wird, wo nicht nur die Lemming-Krimis erschienen sind, sondern auch Polivka hat einen Traum (bei der Rowohlt-Tochter Kindler) und nun eben Der letzte große Trost.

Allen Lemming-Fans sei an dieser Stelle zur Beruhigung gesagt, dass dessen fünfter Fall bereits im Entstehen begriffen ist. „Mit Der letzte große Trost habe ich mir ein Thema vom Leib geschrieben, das mich schon sehr lange beschäftigt hat. Deshalb macht mir das Schreiben des nächsten Krimis gerade eine diebische Freude“, erklärt der Autor mit einem ebensolchen Lächeln im Gesicht. Es habe übrigens viele Leute gegeben, die von seinem Romanvorhaben gehört und gemeint haben, „Na geh, das ist doch blöd, bleib doch lieber bei den Krimis“. Nach der Lektüre von Der letzte große Trost kann man nur dankbar sein, dass Slupetzky diesen Stimmen kein allzu großes Gehör geschenkt hat.

Stefan Slupetzkys derzeitige Leselektüre: Der Fall Mauritius von Jakob Wassermann („ein großartiges Buch“)

Die Buchpräsentation von Der letzte große Trost findet heute Abend (10. März 2016, 19:30 Uhr) im L.E.O. (Ungargasse 18) statt. Am Montag, dem 14. März 2016, liest Slupetzky aus Der letzte große Trost in der Facultas Dombuchhandlung (Stephansplatz 5, 19 Uhr).

get in contact: www.stefanslupetzky.at, Stefan Slupetzky bei Rowohlt

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