„Die Spannung sollte im Zentrum stehen“

mordundmusik_storeDass Krimi- und Phantastikfans heutzutage eine Anlaufstelle in Wien haben, verdanken sie eigentlich dem französischen Schriftsteller Boris Vian. Denn wäre Walter Robotka nach der Matura nicht ein Exemplar von Vians Der Herzausreißer geschenkt worden, wer weiß ob es heute Mord und Musik in der Lindengasse geben würde. „Als mir das Buch geschenkt worden war, habe ich eher widerwillig und pflichtschuldig angefangen zu lesen. Aber dann habe ich es verschlungen und auch andere Bücher von ihm gelesen“, erzählt Robotka. Später stieß Robotka auf die legendäre Phantastische Bibliothek des Suhrkamp Verlags, „ab dann war die Leidenschaft in vollem Gange“, sagt Robotka.

Während die Leidenschaft für Bücher noch einige Zeit als Hobby betrieben wurde, beschäftigte sich der heute 46-Jährige schon während seines Psychologie-Studiums mit seiner zweiten Leidenschaft, der Musik. Mit seiner Plattenfirma Klanggalerie veröffentlichte er bis dato über 300 Alben. Seiner Liebe zur Musik verdankt das seit zwölf Jahren bestehende Mord und Musik auch seinen Namen, denn neben Krimis und Thrillern findet sich hier auch ein Regal mit ausgewählter Musik, die „man sonst in Wien nicht im Laden bekommt“, wie Robotka betont. Das Sortiment umfasst Elektronik, Avantgarde und Industrial, allesamt Sachen, „die ich selber gerne höre“, so Robotka.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

„In der Literatur interessiert mich eher der düstere Bereich, von Phantastik über Horror bis hin zu traditionellen Ghoststories und eben Krimis“, charakterisiert Robotka seinen eigenen Geschmack, der sich auch im Sortiment seines Ladens widerspiegelt. In den Anfängen habe er noch versucht, ein repräsentatives Sortiment zu führen. Es habe sich aber sehr schnell herausgestellt, dass Krimis à la Donna Leon oder Henning Mankell bei ihm nicht nachgefragt werden. Robotka konzentriert sich daher eher auf Geheimtipps oder Bücher von kleineren Verlagen, die es in den Regalen großer Buchhandelsketten eher schwer haben. Nach dem Ende vom Thrill & Chill im sechsten Bezirk ist Robotka wieder der einzige Standort in Wien mit einer derartigen inhaltlichen Ausrichtung. Was durchaus verwundert, denn der Krimi hat sich in den vergangenen Jahren als literarisches Genre etabliert und ist salonfähig geworden. „Früher waren Krimileser mitunter als Schundleser verschrien. Das hat sich definitiv gewandelt, auch weil etablierte Autoren wie T.C. Boyle mittlerweile Krimis veröffentlicht haben“, erklärt Robotka.

In einem „guten“ Krimi muss für Robotka in erster Linie ein spannender Fall gelöst werden. Dass das nicht selbstverständlich ist, würde so manches Werk aus dem derzeitig boomenden Regionalkrimi-Bereich zeigen. „Regionalkrimi-Autoren schreiben oft gewollt lustig über ihr Heimatdorf, wo dann zum Beispiel die Bratwurstverkäuferin erschlagen wird. Das ist oft kein klassischer Krimi, sondern eher eine Entschuldigung für einen Reiseführer“, erklärt Robotka. Doch egal ob Regionalkrimi, Nordeuropa-Krimi mit angehängter Sozialstudie, ein kniffliger Fall aus England oder ein trockener US-amerikanischer Thriller: „Die Spannung und der Fall sollten im Zentrum eines guten Krimis stehen“, so Robotka.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Der klassische österreichische Krimi sei aufgrund seiner Einordnung im deutschsprachigen Buchmarkt von vornherein schon eine Art Regionalkrimi und traditionell eher humoristisch angelegt. „Es gibt sehr wenige österreichische Autoren, die einen harten Thriller schreiben“, sagt Robotka. Dabei gäbe es mit Jürgen Benvenuti einen heimischen Autor, der bereits „düstere und härtere“ Krimis geschrieben habe. Auch ein Stefan Slupetzky steche aufgrund der literarischen Qualität mit seinen Lemming-Krimis sicherlich heraus, „obwohl er auch mit viel Humor arbeitet“. Alfred Komarek habe bei seinen Polt-Krimis mit Erfolg vorgemacht, „dass man nicht über jedes Haus, an dem der Ermittler vorbeigeht, eine Geschichte erzählen muss“. Und dann wäre da natürlich auch noch Wolf Haas, den Robotka als „Phänomen“ bezeichnet.

Um den heimischen Krimi-Nachwuchs macht sich Robotka keine Sorgen, „die Krimischreiberzunft explodiert zur Zeit“. Autoren wie Jennifer Wind (Als Gott schlief), Thomas Raab (Metzger-Reihe) oder Robert Preis (Trost-Reihe) stehen allesamt für qualitativ gute Krimis, zudem spezialisieren sich einige Verlage wie Haymon oder Gmeiner mit Erfolg auf dieses Genre. Weniger rosig schaue es dagegen im Bereich der Phantastik aus. „Die Phantastik-Welle schwappte aus den USA nach England und weiter bis nach Deutschland. Dort ist sie dann leider stehengeblieben“, konzediert Robotka. Der niederösterreichische Autor Andreas Gruber gehöre mit Der Judas-Schrein zu den wenigen Ausnahmen. Für Robotka ist dies „einer der besten österreichischen Horrorromane überhaupt.“

get in contact: Mord und Musik – Lindengasse 22, 1070 Wien – www.mordundmusik.at – Mord und Musik auf Facebook

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s