Jürgen Lagger/°Luftschacht: „Ein Buchverlag hat wenig von einer Rockband“

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Mitten in die Vorbereitung für das Interview mit Verleger Jürgen Lagger platzte die Nachricht, dass eines seiner Bücher, Nowhere Men von Christoph Miler, von Bundeskanzleramt und Hauptverband mit dem Staatspreis 2015 für das schönste Buch in der Kategorie Allgemeine Literatur ausgezeichnet worden war. Einen thematisch schöneren Einstieg in ein Interview kann man sich als Blogger nicht wünschen. „Uns war bewusst, dass es ein schönes Buch ist“, sagt Lagger nicht ohne Stolz über den prämierten Erzählband, der das Schicksal von sechs illegalen Migranten nachzeichnet. Der gelernte Architekt gründete den °Luftschacht-Verlag im Jahr 2001 gemeinsam mit Stefan Buchberger und Gabriel Vollmann, das erste Buch erschien rund zwei Jahre später. Vollmann verließ das Verlagsprojekt bereits nach einigen Jahren wieder. Nach dem Ausstieg von Stefan Buchberger vor zwei Jahren führt Lagger den Verlag nun alleinverantwortlich weiter. Unterstützung erhält er dabei von einem geringfügig Angestellten und einem Praktikanten, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hat er ausgelagert.

dersturmGrundsätzlich besteht das °Luftschacht-Programm aus drei Säulen: Belletristik, Kinderbücher und Comics (Graphic Novels). In der Regel werden pro Jahr vierzehn Titel veröffentlicht, die sich zu gleichen Teilen auf Frühjahr und Herbst verteilen. Als inhaltliche Orientierung dient die Aufteilung „4 Belletristik, 2 Kinderbücher, 1 Comic“ pro Halbjahr. Der neueste Comic aus dem Hause °Luftschacht ist das von Leopold Maurer gezeichnete Shakespeare-Drama Der Sturm (unter allen Mitgliedern der Facebook-Seite Books in Vienna werden drei Exemplare von Der Sturm verlost, Teilnahmeschluss 13. April 2016, 23:59 Uhr).

„So ein Buchverlag hat wenig von einer Rockband“, sagt Lagger. „Man muss sich an Termine halten, es gibt viele vorgegebenen Strukturen, in die man sich eingliedern muss, damit man nicht in der Unsichtbarkeit verschwindet.“ Das gelingt dem °Luftschacht-Verlag von Programm zu Programm besser, in den vergangenen Jahren erzielte der Verlag ein kontinuierliches Wachstum. Auszeichnungen wie für Nowhere Man unterstreichen die Qualität im Programm. Um diese zu gewährleisten, wird naturgemäß viel Zeit in die Sichtung der täglich eintrudelnden Manuskripte sowie in das Lektorat gesteckt. Ersteres erledigt Lagger gerne in Zusammenarbeit mit Praktikanten, die bei einer Erstbesprechung ihre eigene Sichtweise einbringen können und sollen. „Das ist oft recht interessant, weil es auch andere Zugänge an einen Text reinbringt“, sagt Lagger. Dem Verleger, der selbst schon drei Romane veröffentlicht hat, ist es bei Belletristiktiteln wichtig, dass ihn die Texte „auf einer emotionalen Ebene erwischen und etwas mit dem Leben der Leser zu tun haben müssen.“ Bei Kinderbüchern kommt es naturgemäß mehr auf Grafik und Illustration an. „Wenn die gut ist, hat man schon mal gewonnen“, sagt Lagger. Ähnlich verhält es sich bei Comics, „wobei dort der Fokus natürlich schon auch auf den Geschichten liegt“. Das Lektorat erledigt Lagger nach dem Ausscheiden von Stefan Buchberger in Eigenregie. „Leider ist das meist das Erste, was man im stressigen Alltag nach hinten schiebt“, gesteht der Verleger, „denn während sich alle anderen melden weil sie etwas wollen, liegt das Buchmanuskript einfach nur still da und wartet“.

Seit 2013 betreibt Lagger neben dem Verlag auch die Onlineliteraturzeitschrift klischeeanstalt.net, die im monatlichen Wechsel von Autoren bespielt wird. Im März lieferte beispielsweise Slam Poet Elias Hirschl Texte. „Wenn ich morgens ins Büro komme, stelle ich als erstes immer den Text auf die Klischeeanstalt-Seite. Das ist mittlerweile zu einer Art Guten-Morgen-Ritual geworden“, sagt Lagger. Mit dem Onlineportal möchte er vor allem jenen Autoren, die noch nicht viel veröffentlicht haben, eine seriöse Plattform für ihre Texte bieten.

Der Verlagsname °Luftschacht resultiert übrigens aus einem früheren Musikprojekt. Einer der Verlagsgründer spielte zuvor in einer Band, in deren Probekeller ein Luftschacht die einzige Verbindung nach außen war. „Nachdem sich die Band aufgelöst hatte, brachte er den Namen quasi mit ins Verlagsprojekt ein“, erzählt Lagger. Schlägt man das Wort Luftschacht im Duden nach, erhält man folgende Definition: der Belüftung dienender Schacht. Als Stefan Buchberger im Jahr 2014 seinen Ausstieg aus dem °Luftschacht-Verlag verkündete, gab es bei Lagger „eine kurze Überlegung, ob er sich den Verlag alleine antun will.“ Im Sinne der kontinuierlichen Belüftung des Literaturbetriebs muss man froh sein, dass es bei einer kurzen Überlegung blieb.

Für alle °Luftschacht-Fans in Berlin: Am 28. April 2016 liest Thomas Podhostnik in der Volksbühne (Linienstraße 227) aus seinem Roman Der falsche Deutsche (Beginn: 20 Uhr).

get in contact: www.luftschacht.com – Malzgasse 12/2, 1020 Wien – Der °Luftschacht-Verlag auf Facebook – Die Klischeeanstalt auf Twitter

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