Ernst Schmiederer – Geschichtensammler

„Jeder Mensch hat etwas zu erzählen. Vor allem jene Menschen, denen es die Öffentlichkeit am wenigsten zutraut.“ Diesen Personen eine Stimme zu geben, das hat sich der Publizist Ernst Schmiederer zur Aufgabe gemacht. Der gebürtige Salzburger, ehemaliger langjähriger Journalist bei Profil und Format, befüllt seit 2005 auf den Österreich-Seiten der Zeit die Kolumne Drinnen/Draußen. Darin kommen im wöchentlichen Wechsel Menschen zu Wort, die nach Österreich migriert oder aus Österreich ausgewandert sind. Nach fünf Jahren fasste er 240 dieser Geschichten im Buch IMPORT/EXPORT zusammen. „Wenn Menschen Grenzen überschreiten, kann man davon ausgehen, dass sie etwas zu erzählen haben“, erklärt Schmiederer seine Motivation für dieses Thema. Mit IMPORT/EXPORT wollte er die „in Österreich grauenhafte Ausländerdebatte, bei der man impliziert, dass man als Inländer etwas Besseres ist“, mit konstruktivem Material anreichern und zeigen, dass die Integration gar nicht so schlecht funktioniere. Schmiederer fokussiert sich auf die Chancen, die sich aus Migrationsströmen ergeben. Nicht nur für ihn, den Geschichtensammler, sondern auch für die österreichische Gesellschaft und – nicht zuletzt – auch für die heimische Wirtschaft. Denn was in den Migrationsdebatten unserer Zeit gerne unter den Tisch falle, seien die kreativen Potenziale und Fähigkeiten, die mit diesen Menschen nach Österreich kommen.

Aber es sind nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, denen Schmiederer eine Stimme gibt. In WIR. Berichte aus dem neuen Österreich lassen er und sein Team Jugendliche zu Wort kommen, die im Medienalltag – abseits von gescripteten und klischeeüberladenen – Dokusoaps im Privatfernsehen so gut wie nicht präsent sind. Junge Menschen, wie Samedino Ramadanoski: „Wien ist gar nicht schlecht. Ich bin froh, dass ich nicht in Syrien oder Afghanistan lebe. Hier kann ich schlafen, solange ich will. Ich krieg eine gute Bildung. Ein bissl mehr Sport in der Schule wäre gut. Mehr Hochhäuser in der Stadt auch. Ein bisschen moderner könnte alles sein. Ich weiß, dass jetzt die Bildungsbudgets überall gekürzt werden. Und ich hoffe, dass das in zehn Jahren wieder anders sein wird.“ Insgesamt sechs WIR-Berichte sind bisher erschienen, zu haben sind sie in einem praktischen „Six-Pack“. Ist Schmiederer mit dem Echo zufrieden, das er mit den Berichten erzeugt? „Ich mache das seit zehn Jahren. Hätte ich das Gefühl, dass sich keine Sau dafür interessiert, hätte ich wahrscheinlich irgendwann das Handtuch geworfen. Aber natürlich würde ich mich freuen, wenn es mehr Gehör finden würde“, erklärt der Publizist. Dies sei jedoch schwer in einem kleinen Land, ohne dabei gleichzeitig Gefahr zu laufen, von Marketingzwecken instrumentalisiert zu werden. „Ich will Geschichten publizieren, weil sie gute Geschichten sind und nicht, weil sie irgendeinem Unternehmen zur Imagepflege dienen.“

Wer Ernst Schmiederer in seinen Räumlichkeiten in der Fischerstiege besucht, der merkt schnell, dass dieser Mann nicht einfach nur Geschichten sammelt und Bücher schreibt, sondern vom Medium Buch fasziniert ist und dabei auch nicht vor seiner elektronischen Form, dem E-Book, halt macht. Von belletristischen Neuerscheinungen liest er aus Zeitgründen oftmals nur die Voransicht in seinem Kindle. „An einem Abend kann ich auf diese Art drei Bücher lesen, ohne dass ich sie fertig lesen und ins Regal stellen muss“, erklärt Schmiederer. Große Chancen aufs Fertiglesen haben bei ihm Essays über die Welt von heute, Lebensberichte und generell US-amerikanische Literatur („verschlinge ich“). Und: Kochbücher. „Wir sind daheim eine vierköpfige Familie und ich koche nicht ungerne, daher habe ich immer einen guten Vorwand, um ein neues Kochbuch nach Hause zu schleppen.“ Bücher sind für Schmiederer nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch aufgrund ihres Designs von Interesse. Als er eines Tages in einer Buchhandlung auf ein Buch mit 3D-Cover stieß, konnte er nicht daran vorbeigehen, ohne es zu kaufen. Unterschiedliche Formate und Produktionsweisen faszinieren ihn. Ein optischer Einheitsbrei, wie ihn so mancher Verlag herausbringe, ist seine Sache nicht, weshalb er seine Bücher lieber über seine eigene edition import/export publiziert. „Mir ist es nicht so wichtig, dass ich in jeder Buchhandlung liege, sondern dass ich die richtige Schrift und den richtigen Grafiker, das richtige Format und Papier habe.“

Den Journalismus als seinen Hauptberuf, vermisst Schmiederer heute nur noch in geringem Maß. „Es gibt natürlich einige Jobs im Journalismus, aber in den vergangenen zehn Jahren ist mir keiner begegnet, den ich lieber gemacht hätte, als das, was ich jetzt mache.“

Mit den „Berichten aus dem neuen OE“ tourt Ernst Schmiederer bis November 2016 durch Wiener Volkshochschulen. Der nächste Termin am 25. Mai 2016 (18:30 Uhr) steht in der VHS Floridsdorf unter dem Titel „Arm sein“. Informationen zum Programm unter http://importundexport.at.

get in contact: Ernst Schmiederer – es@ernstschmiederer.comwww.ernstschmiederer.comwww.wirberichten.at

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