Der Poetry Slam als „Demokratisierung des Literaturbetriebs“

Was Sigmund Freud von Poetry Slams gehalten hätte, lässt sich im Jahr 2016 schwer diagnostizieren. Diese Form der freien Bühnenliteratur wurde in den 1980ern in den USA entwickelt, zu diesem Zeitpunkt war der Begründer der Psychoanalyse bereits seit gut fünfzig Jahren tot. Später schaffte der Poetry Slam vor allem im deutschsprachigen Raum seinen Durchbruch, mittlerweile hat er sich auch in Österreich als feste Größe im heimischen Literaturbetrieb etabliert.

elias02„Poetry Slams sind eine schöne Möglichkeit, seine Texte auszuprobieren und anschließend direkt Feedback vom Publikum zu bekommen“, erklärt Elias Hirschl den Reiz des Slammens. Der 22-Jährige, der heuer im Frühjahr mit Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt seinen zweiten Roman veröffentlicht hat, slamt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr. „Bei abgedruckten Sachen bekommt man dagegen ein halbes Jahr später vielleicht mal eine Rezension in einer Zeitung.“ Dass es beim Slammen auch schon mal ziemlich spontan zugehen kann, erlebte Hirschl bei der Poetry-Slam-EM in Estland im vergangenen November. Erst vor Ort erfuhr er, dass er seine Texte auf Englisch vortragen musste und er nur drei Minuten Zeit für seinen Auftritt hatte (im deutschsprachigen Bereich sind fünf bis sechs Minuten pro Auftritt üblich). „Ein Freund von mir hat übersetzt, zum Glück haben viele Wortspiele auch im Englischen funktioniert“, erzählt Elias.

Clara 01Für die 30-jährige Clara Felis ist das Slammen eine „Demokratisierung des Literaturbetriebs“. Jeder könne kommen, egal aus welcher Schicht man stamme, wie alt man sei oder welche Bildung man genossen habe. Sie mag besonders jene Events, bei denen es keinen Backstagebereich gibt und „man als Slammer aus dem Publikum die Bühne betritt und nach dem Auftritt wieder dorthin zurückgeht. Es ist ein gemeinsamer Abend und ich trage meinen Teil dazu bei“, erzählt Clara. Die Buchhändlerin slamt seit dem Jahr 2008 regelmäßig, mittlerweile moderiert und veranstaltet sie auch selbst Poetry Slams. In ihren Texten verarbeitet sie oft Dinge, die sie persönlich beschäftigen. „Wenn mich etwas persönlich betrifft und berührt, fällt es mir relativ einfach, aus dieser Emotion heraus zu schreiben.“

SONY DSC

Der Austausch mit dem Publikum spielt auch für Janea Hansen eine besondere Rolle. „Ich bekomme nach den Auftritten sehr viel direktes Feedback, Leute bedanken sich bei mir oder fragen mich, ob sie den Text haben können. Man erreicht natürlich meist nicht das gesamte Publikum, aber jene, die ich erreiche, denen scheinen meine Texte sehr nahe zu gehen“, sagt die gebürtige Deutsche. Im Sommer 2008 hatte sie während der Schulferien nächtliche Poetry-Slam-Übertragungen im WDR gesehen und war total begeistert, was auf einer Poetry-Slam-Bühne alles möglich ist. Der Schreibprozess fällt ihr in der Regel relativ leicht, „wenn ich eine Idee habe, kann es schon mal sein, dass ich den ganzen Text in einem runterschreibe“.

christopher03Ähnlich verhält es sich mit dem Schreiben auch bei Christopher Hütmansberger, wobei der mittlerweile in Wien lebende Linzer seine Texte erst im Kopf ausformuliert, bevor er sie schließlich zu Papier bringt. „Ich schreibe Sachen erst dann auf, wenn ich damit komplett zufrieden bin“, sagt Christopher. Überarbeitet wird das Geschriebene anschließend nicht, „wenn ich nicht zufrieden bin, schreibe ich einen komplett neuen Text.“ Hütmannsberger, der auch als Rapper regelmäßig auf der Bühne steht, schreibt am liebsten außerhalb seiner vier Wände. „Es hat eine Zeit gegeben, da bin ich einen Monat lang jeden Tag von Mitternacht bis 2 Uhr früh im Raymonds in der Liebhartgasse gesessen und habe geschrieben.“ Nach einem Umzug ist mittlerweile das Espresso in der Burggasse sein bevorzugter Schreibort und es ist gut möglich, dass auch sein Text für den heute stattfindenden Poetry Slam Freud euch! im Facultas im NIG dort entstanden ist. Dort sind neben Christopher, Elias, Janea und Clara auch Tom aus Graz sowie Alice Reichmann am Start.

„Kommt vorbei und hört es euch an“, sagt Clara Felis zum Abschluss des Interviews. Und würde Sigmund Freud noch unter uns weilen, es wäre gut möglich, dass auch er beim Freud euch! Poetry Slam vorbeischauen würde. Denn die Veranstaltung im Facultas-Shop im NIG findet nur wenige Gehminuten von seinen ehemaligen Büro- und Wohnräumlichkeiten in der Berggasse entfernt statt.

Poetry Slam Freud euch!: 31. Mai 2016, Beginn 17 Uhr, Facultas im NIG, Universitätsstraße 7 (1010 Wien), Eintritt frei

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s