Milena Verlag: Mit heftigem Pep und Schwung das sinkende Schiff wieder flottgemacht

Von der Aushilfe auf Stundenbasis zur Verlegerin in nur vier Jahren: Vanessa Wieser bezeichnet ihren Werdegang im Milena Verlag als klassische „Arnold-Schwarzenegger-Geschichte“. Als sie 2008 bei Milena vom einfachen Matrosen zum Kapitän befördert wurde, stand der ausschließlich weibliche Autoren publizierende Verlag vor dem finanziellen Aus. Trotzdem empfindet sie die damals an sie gerichtete Frage, ob sie das „sinkende Schiff“ übernehmen wolle, heute als „beste Frage, die mir jemals gestellt wurde“.

ballard_coverWieser machte sich ans Werk und stellte das Verlagsprogramm auf eine breitere Basis, die Fokussierung auf weibliche Autoren war ihr „zu dogmatisch“. Es wurden verschiedene Reihen entwickelt, die dem Verlag mehr Profil und gleichzeitig eine gewisse Breite verschaffen sollten. So konnte Thomas Ballhausen als Herausgeber für eine Horror-Reihe gewonnen werden, die später (ohne Ballhausen) in die heute noch existierende BeastieBooks-Reihe überging. Deren Ausrichtung beschreibt Wieser als „abstruse internationale Literaturreihe“, darin erschienene Werke sind zum Beispiel Iain Banks Die Wespenfabrik oder auch James Graham Ballards Liebe & Napalm. Daneben verfügt der Milena Verlag auch über eine Zeitgeschichte-, eine Comic-, eine Krimi- sowie eine Klassiker-Reihe. „Mir ist es sehr wichtig, dass wir verschiedene Zielgruppen abdecken“, erklärt dazu Vanessa Wieser. So bringt Milena Bücher von jungen Autoren wie Elias Hirschl (Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt) genauso unters Volk wie Klassiker, die „ein älteres Bildungsbürgertum ansprechen, das sich bewusst eine Hardcover-Ausgabe kaufen und sich mit Büchern auseinandersetzen will“.

Reihenübergreifend wird bei Milena auf das Verlegen von Büchern geachtet, für deren Lektüre „man keine akademische Ausbildung braucht. Es muss spannend sein und man muss es wirklich gut lesen können. Literatur-Preisträger mit verschrobenen Sätzen landen eher nicht bei uns“, erklärt Wieser. Dasselbe gilt für zu brave und schönfärbende Werke. „Wir bieten Bücher mit einem gewissen Pep und Schwung, die ruhig auch gesellschaftskritisch sein sollen und ein bisschen heftiger ausfallen können“, erklärt Wieser. Dazu passt auch der Spruch, der einem auf der Website des Verlags direkt ins Auge springt: „Heftige Bücher für heftige Menschen“. Bei Autoren der Gegenwart tendiere sie zu witzigen Büchern, Ausnahmen wie Peter Zimmermanns Aus dem Leben der infamen Menschen (erscheint im August 2016) bestätigen die Regel.

Das Team in den Räumlichkeiten des Milena Verlags besteht aus drei Personen und gemeinsam greift man auch schon mal zu unkonventionellen Aktionen, um die Bücher des Verlags an die/den LeserIn zu bringen. Großen Literaturmessen wie Frankfurt und Leipzig misst Wieser in Zeiten des Internets keine größere Bedeutung für den Verkauf des eigenen Programms mehr zu. Und so bauen die Milena-Damen auch schon mal (gemeinsam mit Kollegen des Luftschacht-Verlags) im Morgengrauen am Karmelitermarkt einen Stand auf. Wie auch bei Literaturmessen üblich, gaben sich die Händler bei dieser Gelegenheit untereinander Kollegenrabatt und so wanderten nicht nur zahlreiche Bücher über den Verkaufstisch, sondern die VerlegerInnen kamen auch in den Genuss ausgezeichneter Mohnstriezerln. Solche Marketingaktionen helfen einem kleinen Verlag wie Milena, sichtbar zu werden, was im heutigen Geschäft mit der Literatur nicht immer leicht fällt. „Viele Menschen in Österreich sind auf die Programme der internationalen Publikumsverlage fixiert. Dabei sind Bücher von einem großen Verlag nicht per se besser als aus einem kleinen Verlag. Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die ihre Nahrungsmittel lieber beim lokalen Anbieter ums Eck als von einem Großkonzern beziehen, das bei Büchern auch öfter mal so handhaben“, sagt Wieser.

Gegen Ende des Gesprächs wird klar: So eine richtige Arnold-Schwarzenegger-Geschichte ist der Milena Verlag (zum Glück) nicht. Und doch findet sich eine kleine Parallele zum Hollywoodstar mit steirischen Wurzeln, der sich für seine Auftritte in sozialen Netzwerken regelmäßig in Sushi-Lokalen ablichten lässt. Denn in einem Regal im Milena-Büro stehen, feinsäuberlich in Reih‘ und Glied, dutzende leere Sojafläschchen. „Ums Eck hat vor ein paar Jahren ein Sushigeschäft aufgemacht, das wir sehr regelmäßig frequentiert haben“, erklärt Wieser. „Wir haben schon überlegt, aus den leeren Fläschchen ein Kunstwerk für die Documenta in Kassel einzureichen oder eine Terracottaarmee nachzubauen.“

Milena-Sommer bei Books in Vienna: Zwischen Juni und August 2016 versorgen wir euch mit Literatur für die Sommerferien. Den Beginn macht J. G. Ballards „Liebe & Napalm“, von dem ihr ein Exemplar gewinnen könnt. Einfach Mitglied der Facebook-Seite Books in Vienna werden und das aktuelle Milena-Posting liken. Zwei weitere Gewinnspiele folgen im Juli bzw. August.

get in contact: Milena Verlag, Wickenburggasse 21 1/ 2, 1080 Wien – www.milena-verlag.atoffice@milena-verlag.at – Milena Verlag bei Facebook

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