Billrothhaus: Per Tauschhandel zur medizinischen Bibliothek

Dort, wo sich heute im Wiener Billrothhaus der Keller mit dem Magazin der Bibliothek befindet, wohnte früher der Portier. „Es war eigentlich nie geplant, dass auch im Keller Bücher eingelagert werden“, erzählt Felix Wahlmüller, einer von zwei Verwaltungsdirektoren der Gesellschaft der Ärzte in Wien. „Weil jedoch immer mehr Bestände hinzugekommen sind, verlor der Portier immer wieder Raum für Raum.“ 1957 hatte die Bibliothek mit ihrem stetigen Ausbreitungsdrang schließlich „obsiegt“, der Portier wurde in eine Wohnung im Dachgeschoss umquartiert.

billrothhaus_saal2Die im Billrothhaus (benannt nach dem Chirurgen Theodor Billroth) befindliche Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte zählt zu den ältesten medizinischen Fachbibliotheken im deutschsprachigen Raum. Seit 1840 versorgt sie die Wiener Medizinerschaft mit Informationen aus aller Welt, die sie begründende Gesellschaft wurde drei Jahre zuvor gegründet. „Man hat schon vor 1837 Bücher und medizinische Literatur gesammelt. Weil es damals noch keinen Platz zur Aufbewahrung gab, hat man die Werke kurzerhand in einen Rundlauf von Mediziner zu Mediziner geschickt“, erzählt Wahlmüller. Die gesammelten Bestände wuchsen rasch an, sodass nicht nur der bereits angesprochene Portier immer wieder Räumlichkeiten abtreten musste, sondern auch ein Innenhof überdacht wurde, um dort Bücher lagern zu können. Mit jedem Baufortschritt wuchsen auch die Räumlichkeiten der Bibliothek im Keller an. Daher sei es heutzutage nicht ganz einfach, sich im dort befindlichen Magazin zurechtzufinden, berichtet Wahlmüller, „es wirkt dort unten wie ein großes Labyrinth.“

billrothhaus_lesesaalZu den Beständen der Bibliothek zählen heute rund 30.000 Bücher sowie 150.000 Bände von gebundenen Zeitschriften. Aus Platzgründen wurden die Bücher, darunter wertvolle Sonderdrucke mit persönlichen Anmerkungen und Widmungen, in den 1970ern in das Josephinum in der Währinger Straße ausgelagert. Ein weiterer Teil der Sammlung befindet sich heute im Bestand der Bibliothek der Medizinischen Universität. Die im Billrothhaus heute noch lagernden Bände umfassen neben Zeitschriften aus dem deutschen Sprachraum sowie dem Gebiet der ehemaligen K.u.k.-Monarchie auch Zeitschriften aus der ganzen Welt. Um ihren Mitgliedern einen möglichst umfassenden Überblick über das globale medizinische Geschehen zu ermöglichen, setzte man im Prä-Internet-Zeitalter auf ein bewährtes Mittel: den Tauschhandel. „Es gab damals ja keine probaten technischen Möglichkeiten. Deshalb hat man die Wiener Klinische Wochenschrift in alle Welt versandt und dafür im Gegenzug Zeitschriften von anderen Institutionen erhalten“, erklärt Wahlmüller das dahinterliegende Prinzip. So kommt es zum Beispiel, das bis heute regelmäßig eine Medizinzeitschrift aus Korea in der Wiener Frankgasse eintrudelt, die dort fein säuberlich archiviert und den Mitgliedern der Gesellschaft der Ärzte zugänglich gemacht wird.

billrothhaus_saal3Das im Keller des Billrothhauses befindliche Labyrinth hindert die Verantwortlichen nicht daran, den Mitgliedern des Vereins sowie Außenstehenden einen umfassenden Rechercheservice anzubieten. Artikel werden auf Anfrage ausgehoben, gescannt und als PDF versendet. Für Mitglieder ist dieser Service kostenlos, bei externen Anfragen wird eine kleine Gebühr fällig. Bisher sei jede Anfrage zur Zufriedenheit beantwortet worden, betont Wahlmüller stolz. Dazu gehört auch jenes Anliegen einer japanischen Delegation, die ein Dermatologie-Buch für den japanischen Markt erstellen wollte und dafür Auszüge aus den Schönlein-Beständen des Josephinums angefragt hatte. „Diese dürfen aufgrund ihres historischen Wertes weder gescannt noch kopiert werden, also haben wir Fotos davon angefertigt. Der abfotografierte Text wurde dann in Japan transkribiert und übersetzt“, erzählt Wahlmüller.

billrothhaus_lesesaal2Die Aufstellung der Bücher in den beiden öffentlich zugänglichen Lesesälen erfolgte früher thematisch, dieses System sei aufgrund des begrenzten Platzes jedoch irgendwann nicht mehr aufrecht zu halten gewesen. Derzeit wird an einem neuen Aufstellungskonzept gearbeitet, für das Kellerlabyrinth ist auf lange Sicht, und sofern es die Finanzen zulassen, ein platzsparendes Kompaktmagazin vorgesehen. Lese- und Bibliothekssäle stehen Studierenden für Lern- und Recherchezwecke zur Verfügung, im großen Bibliothekssaal mit seiner Galerie und der Kellerstiege werden zudem immer wieder Veranstaltungen abgehalten. Und natürlich ist der Katalog mit den archivierten Werken mittlerweile auch online abrufbar.

Bei allen Segnungen, die das digitale Zeitalter auch für eine Bibliothek und deren BenützerInnen mit sich bringt, stellt sich jedoch aufgrund des überall spürbaren Kostendrucks auch im Billrothhaus die Frage, wie es in der Zukunft weitergehen wird. „Es laufen auf der ganzen Welt Diskussionen darüber, wie lange man solche Bestände aufbewahren soll“, sagt Wahlmüller und liefert die Antwort gleich selbst: „Ich bin der Meinung, so lange wie möglich, denn es weiß heutzutage niemand, wie lange digitale Daten halten werden.“ Und so bleibt zu hoffen, dass die Bibliothek nicht langfristig dasselbe Schicksal erleidet wie der Portier des Billrothhauses – denn den gibt es schon lange nicht mehr.

get in contact: Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte in Wien (Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-17 Uhr), Billrothhaus, Frankgasse 8, 1090 Wien – www.billrothhaus.atinfo@billrothhaus.at – Gesellschaft der Ärzte auf Facebook – Gesellschaft der Ärzte auf Instagram

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