Andreas Pittler: Urgestein der Wiener Kriminacht

Man schrieb den 21. November 2002, als im damals noch existierenden Buch & Wein in der Schäffergasse die erste Wiener Kriminacht über die Bühne ging. Österreich befand sich damals mitten in einem Vorwahlkrimi, drei Tage später standen vorgezogene Nationalratswahlen auf dem Programm (aus denen Wolfgang Schüssel samt ÖVP als Sieger hervorgehen sollte). Vierzehn Jahre später sind nicht nur Wahlkämpfe ausufernder geworden, auch die Kriminacht ist gewachsen. Und zwar kräftig: Am 18. Oktober 2016 werden sechsundvierzig Autorinnen und Autoren in vierzig Locations aus ihren Werken lesen.

„Sabina Naber und ich haben uns 2001 zusammengesetzt, weil wir uns als Krimiautoren ziemlich vernachlässigt vorgekommen sind. Wir wollten mit einer Art Werkschau darauf hinweisen, was der österreichische Krimi alles bietet und dass er sehr wohl auch gesellschaftspolitisch und kritisch sein kann“, blickt Krimi-Autor Andreas Pittler zurück. Der Erfinder der Bronstein-Reihe ist mittlerweile der letzte Autor, der bei allen Kriminächten am Start war. Sowohl bei der Erstauflage im Buch & Wein, als auch bei den zwei folgenden inoffiziellen Kriminächten im Bellaria Kino sowie 2004 im Porgy & Bess. Im Jazzclub in der Riemergasse saß damals mit Christian Pöttler auch der Chef des Echo-Medienhauses im Publikum. Ihm gefiel die Idee mit der Krimi-Werkschau dermaßen gut, dass er sie institutionalisierte und nach dem auch heute noch praktizierten dezentralen Kaffeehausprinzip etablierte. In der Folge nahmen nicht nur heimische Krimi-Autoren an dem Leseevent teil, sondern auch internationale Stars der Szene wie Arne Dahl oder Simon Beckett.

Fast genauso lange wie Andreas Pittler ist auch der von ihm kreierte Polizeioberst David Bronstein fester Bestandteil der Wiener Kriminacht. Bronstein war erstmals 2008 in Pittlers Kriminalroman Tacheles mit von der Partie. In sieben Romanen und zwei Spinoffs ermittelte sich Bronstein in der Folge durch die österreichische Geschichte zwischen 1913 und 1955 und erlebte dabei so manches historisches Ereignis aus nächster Nähe. So lässt Pittler seinen Polizisten in Tinnef (2011) rund um die Geheimdienstaffäre Redl des Jahres 1913 ermitteln. Warum der Autor seine Krimis bevorzugt in der Vergangenheit spielen lässt, erklärt er wie folgt: „Ich habe 1985 mein erstes Sachbuch veröffentlicht. Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Sachbücher nur von denen gelesen wurden, die eh schon wussten, wie die Dinge waren. Gleichzeitig war ich darüber erschüttert, dass viele Österreicher so wenig über die Geschichte ihres eigenen Landes wussten.“ Was also lag näher, als das historische Wissen in populäre Krimis zu verpacken und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen?

cover_goodbyeIm Vorjahr erschien mit Goodbye der letzte Bronstein-Krimi. „Ich hatte von Anfang an geplant, Bronstein in den sieben Schlüsseljahren der österreichischen Geschichte zwischen 1913 und 1955 ermitteln zu lassen. Insofern war ich nach Goodbye einfach durch mit dem Stoff“, begründet Pittler das Ende der Krimireihe. „Außerdem hat sich die Figur Bronstein im Laufe der Jahre immer mehr mir selbst angenähert. Insofern war es gut, dass wir jetzt einen Schnitt gemacht haben, sonst wäre er wirklich irgendwann eins zu eins der Andi Pittler geworden“, erzählt der Autor im Gespräch mit Books in Vienna in der Conditorei Sluka. Doch so richtig lassen kann Pittler von seinem Ermittler – oder umgekehrt, dieser von seinem Erschaffer – nicht. Zuletzt war Pittler mit Goodbye auf der Shortlist für den Leo-Perutz-Preis (der schließlich an Racheherbst von Andreas Gruber ging). Und auch in Pittlers im Jänner 2017 erscheinenden neuesten Werk, dem ersten Teil der Trilogie Wiener Kreuzweg, hat Bronstein einen kurzen Gastauftritt. „Er kämpft offensichtlich sehr erfolgreich darum, dass er weiterhin in meinem Gedächtnis haften bleibt“, sagt Pittler.

Im Rahmen der 12. Kriminacht liest Pittler im Café Hummel aus Goodbye, dessen Taschenbuchausgabe in diesem Rahmen präsentiert wird. Eine Location, auf die sich der Autor besonders freut: „Ich wohne in der Josefstadt und bin oft als Gast im Hummel. Das finde ich dann schon witzig, wenn man in seinem Stamm-Kaffeehaus auftritt.“

Die 12. Wiener Kriminacht findet am 18. Oktober 2016 statt. Alle Infos zum Programm gibt es unter www.kriminacht.at sowie auf Facebook.

Fotos: Books in Vienna, echomedia Buchverlag

Advertisements

2 Comments

  1. Na da hätte der Blogschreiber letzte Woche bei der Verleihung des Leo Perutz Krimipreises im Palais Fürstenberg dabei sein müssen, Herr Pittler war nämlich einer der fünf Nominierten und hat auch kurz aus „Goodbye“ gelesen! 😉

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s