Lesezeit Liesing: Buchhandlung mit Bassenafunktion

Manchmal meint es das Schicksal sehr gut mit einem. Es war im Jahr 2008 und Christoph Eckl war gerade erst nach Liesing gezogen, da stolperte er über eine Annonce, in der die Buchhandlung Liesing einen Nachfolger suchte. „Dadurch fahre ich jetzt nur drei Minuten mit dem Rad zu meinem Arbeitsplatz“, erzählt Eckl im Gespräch mit Books in Vienna, „das ist durchaus ein großer Zugewinn an Lebensqualität“. Eckl weiß, wovon er spricht. Denn früher war er auch schon mal siebzig oder achtzig Minuten unterwegs, wenn er von seiner Wohnung in Währing zu seinem Arbeitsplatz in Favoriten fuhr. Dort, „im alten Teil der Per-Albin-Hansson-Siedlung“, hatte er von seiner Tante einen Papier- und Buchhandel übernommen, inklusive Schulbuchlizenz, was für den Basisumsatz nicht ganz unwichtig war, wie Eckl betont. Das Geschäft ermöglichte es dem Quereinsteiger, erste Erfahrungen im Buchhandel zu sammeln. „Das war ein bisschen wie eine geschützte Werkstätte, man war natürlich nicht so gefordert wie in einer Buchhandlung in der Innenstadt.“

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Als Eckl seine Zelte schließlich im 23. Bezirk aufschlug, befanden sich der Liesinger Platz und seine Umgebung gerade mitten im Umbruch. 2006 wurde der majestätische Turm der Liesinger Brauerei abgetragen, auf dem Gelände entstanden vierhundert Wohnungen sowie das Einkaufszentrum Riverside. Die ÖBB hatten zuvor zwölf Millionen Euro in die Umgestaltung des angrenzenden Liesinger Bahnhofs investiert. Der Eigentümerwechsel der in einem Pavillon untergebrachten Buchhandlung erfolgte dagegen fast geräuschlos. Lediglich die Umbenennung des Firmennamens brachte Eckl ungeahnte (und ungewollte) Aufmerksamkeit. „Ich habe den Namen Lesezeit als Marke eintragen lassen, woraufhin sich Rechtsanwälte des Medienkonzerns Die Zeit aus Deutschland bei mir gemeldet haben. Ich musste dann versichern, dass ich die Wortbildmarke immer nur gemeinsam verwenden und das Z niemals groß schreiben werde. Danach haben sie mich wieder in Ruhe gelassen“, erzählt Eckl.

Mit seiner Buchhandlung übernimmt er die klassische Funktion einer Grätzlbuchhandlung, die nicht nur Bücher feilbietet, sondern den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Treffpunkt bietet, an dem man sich im Alltag treffen und ins Gespräch kommen kann. „Diese Bassenafunktion ist die Stärke von inhabergeführten Buchhandlungen und das wird ein Onlineversandhändler wie Amazon niemals erfüllen können“, zeigt sich Eckl überzeugt. Natürlich sei die Konkurrenz durch den Onlineversand nicht zu unterschätzen und dessen Bedeutung werde in Zukunft eher noch steigen. Doch daraus resultierende existenzbedrohende Probleme erwartet Eckl in diesem Zusammenhang eher für die Filialisten, die aufgrund ihrer großen Fläche und der guten Innenstadtlagen hohe Kosten zu verzeichnen hätten, während sie gleichzeitig in ihren Regalen niemals über das Angebot eines Onlinehändlers verfügen könnten. Die kleineren Buchhändler dagegen könnten sich spezialisieren . Nennen sie obendrein auch noch einen Webshop ihr Eigen, gibt es laut Eckl „keinen Grund bei Amazon einzukaufen, denn Amazon ist auch nicht schneller als die heimische Buchlogistik.“

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Die Funktion der Lesezeit Liesing, ihr Standort befindet sich keine fünfhundert Meter von der Grenze zu Niederösterreich entfernt, ist mit einer Landbuchhandlung zu vergleichen, die der Bevölkerung mit einem gutsortierten Grundsortiment als Nahversorger diene. Darunter fallen Geschenk-, Kinder- und Jugendbücher genauso wie die wichtigsten Neuerscheinungen aus den unterschiedlichsten Bereichen. „Die Kunst des Buchhändlers ist es, eine passende Mischung in seinem Sortiment zu haben und aus jedem Segment das Wichtigste anbieten zu können. Wenn sich meine Kunden dann mitunter wundern, was sie alles bei uns finden können, ist das für mich immer eine schöne Bestätigung“, so Eckl.

Die Intuition, einschätzen zu können, was die eigene Kundschaft gerne liest, entwickle sich mit der Zeit, erklärt Eckl. „Man bekommt irgendwann ein Gefühl dafür, welches Buch in welcher Stückzahl funktioniert. Das ist aber natürlich ständiger Veränderung unterworfen. Wenn auf einmal 5.000 Menschen in die neuen Wohnungen auf dem Gelände der Brauerei einziehen, merke ich das natürlich auch in meinem Geschäft.“ Die Umsätze seien durch das neubesiedelte Gebiet zwar nicht sprunghaft angestiegen, auf der anderen Seite mache sich aber auch die neue Konkurrenz eines Filialisten im Einkaufszentrum Riverside nicht negativ bemerkbar, „die Einkaufscenterklientel ist ja auch eine andere als bei mir“, so Eckl. Sehr positiv hingegen wirke sich die Nähe zur Außenstelle der Städtischen Bücherei aus. „Das nehme ich als total befruchtend war“, betont Eckl, der immer wieder Büchertische organisiert, wenn gegenüber in der Bücherei eine Lesung stattfindet. „Und außerdem“, so Eckl, „steht jede Woche jemand bei mir in der Buchhandlung, um ein Buch für die Bücherei nachzukaufen, weil er es während der Leihe verschmissen hat.“

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Für die Leserinnen und Leser von Books in Vienna hat Christoph Eckl drei Leseempfehlungen parat: Am Rand von Hans Platzgumer („straight erzählte Familiengeschichte, hat mich total in den Bann gezogen“), Daldossi von Sabine Gruber („harter Tobak, irrsinnig gut erzählte Kriegsberichterstattung mit feinen Kunstgriffen“) & Der amerikanische Architekt von Amy Waldman („schon 2013 auf Deutsch erschienen, aber auch heute noch sehr aktuell und einfach ein tolles Buch“).

get in contact: Lesezeit Liesing – Breitenfurter Straße 358, 1230 Wien – http://www.lesezeit.atservice@lesezeit.atLesezeit Liesing auf Facebook

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