Ghostletters Vienna: Von einem Koch und seiner Gewürzmadame

Der 21. September war ein aufregender Tag im Leben des Grafikdesigners Tom Koch. Zwei Tage zuvor war die Druckabgabe für das von ihm und den beiden Fotografen Daniel Gerersdorfer und Stephan Doleschal gestaltete Buch Ghostletters Vienna erfolgt, als Koch die Information erhielt, dass auf einer durch einen Hausabriss freigelegten Außenmauer eine riesige Wandreklame freigelegt worden war. „Wir waren noch auf der Suche nach einem passenden Foto für das Cover, denn die meisten der deutschsprachigen Schriftzüge passten nicht wirklich für das Cover eines deutsch- und englischsprachigen Buches“, erzählt Koch während des Gesprächs mit Books in Vienna im Café Westend. „Ich hatte schon zuvor gehört, dass in der Nussdorfer Straße etwas freigelegt wird. Als dann die Info kam, was dort zutage getreten ist, bin ich um acht in der Uhr früh hingefahren.“

ghostlettersvienna_01daniel_gerersdorferZu sehen bekam Koch eine Wandreklame des Gewürzherstellers Kotanyi, die vom Wiener Grafiker August Binder zu einem unbekannten Zeitpunkt entworfen worden war. „Die Bauarbeiter haben sofort gemerkt, dass sie da etwas Besonderes gefunden haben. Sie haben sich bei der Freilegung sehr bemüht und uns anschließend sogar mit dem Kran raufgehoben, damit wir das Wandbild bestmöglich fotografieren konnten“, erzählt Koch. Am Ende der Aktion durfte er sich nicht nur über einen Beitrag im ORF freuen, sondern auch über das gefundene Foto für das Buchcover: die freundlich von der Hauswand winkende Madame Kotanyi. Als Koch diese Anekdote im Dezember 2016 erzählt, wird Madame Kotanyi gerade wieder zugebaut. Doch auf dem Cover von Ghostletters Vienna wird sie der Nachtwelt erhalten bleiben.

Die Idee zu dem Buchprojekt entstand Anfang des Jahres, als Koch Fotos von Schriftzug-Resten aus dem Wiener Stadtbild auf seiner Facebookseite veröffentlicht hatte. „Da habe ich gemerkt, dass es zu diesem Thema ein relativ großes Interesse gab“, so Koch. Der Grafikdesigner wusste zum damaligen Zeitpunkt, dass sich im englischsprachigen Raum Communities mit dem Aufspüren von so genannten Ghostsigns, also verblichenen Werbungen auf Ziegelwänden, beschäftigten. „Ich bin dann draufgekommen, dass es zu verblichenen Abdrücken von 3D-Buchstaben gar nichts gab und so entstand der Begriff Ghostletters“, erklärt Koch.

Gemeinsam mit dem Wien Museum rief Koch via Facebook dazu auf, verblichene Schriftzüge im Wiener Stadtbild zu melden. Mit tatkräftiger Unterstützung der beiden Fotografen wurden die Ghostletters festgehalten. Von den rund sechshundert Einsendungen landeten schließlich einhundert Fotos im Buch, das nach einer erfolgreichen Crowdfundingaktion vor zwei Monaten im Falter Buchverlag erschienen ist. Neben der gebotenen Eile – viele der festgehaltenen Schriftbilder sind seit dem Sommer bereits aus dem Stadtbild verschwunden – stieß das Trio dabei auch auf so manches Ärgernis. „Wir wollten immer das Gesamtensemble, also zum Beispiel auch das Geschäftsportal, abbilden. Gleichzeitig sollte auf den Fotos möglichst kein Auto zu sehen sein, denn wir wollten es den Leuten ermöglichen, dass sie sich den Schriftzug zur Zeit seiner Entstehung vorstellen können. Und damals gab es halt noch keine Autos aus dem Jahr 2016“, so Koch. Dank der Ferienzeit sowie einer geschickten Auswahl der jeweiligen Perspektive gelang es Koch und den beiden Fotografen schließlich, die Schriftzüge autofrei abzulichten. Lediglich der eine oder andere Tag oder ein Graffiti lassen nun auf den Fotos darauf schließen, dass es sich um eine Aufnahme aus der Gegenwart handelt.

ghostlettersvienna_04stephan_doleschalNeben Highlights wie Madame Kotanyi gibt es im Buch auch so manchen Schriftzug, mit dem Autor Tom Koch eine persönliche Geschichte verbindet. Zum Beispiel jenen vom Julius Meinl Bad an der Alten Donau: „Das wurde 1995 geschlossen und verfällt seither. Ich kann mich noch gut an das Bad erinnern, denn ich habe dort während meiner Kindheit viel Zeit verbracht, weil mein Vater mit dem Geschäftsführer vom Meinl am Graben bekannt war.“ Ist es beim Schwimmbad eine persönliche Erinnerung des Autors, so stößt man bei allen verblichenen Schriftzügen auf dahinterliegende Geschichten, die die Entstehung der Stadt Wien dokumentieren. Ein Grund für die Autoren, neben den Fotos der Schriftzüge auch einige dieser Geschichten im Buch zu erzählen. „Wenn ein Geschäft zusperrt, ist es relativ schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden“, sagt Tom Koch. „Durch das Buch erinnern sich aber wieder viele Leute an die Geschäfte und an die Menschen, die mitunter über Jahrzehnte in diesen Geschäften gearbeitet haben.“

Gegen Ende des Gesprächs im Café Westend mischt sich ein bisschen Wehmut in die Begeisterung des Autors für seine Ghostletters, schließlich gilt seine Faszination einer vom Aussterben bedrohten Spezies. „Die heutigen Produktionsmethoden von Schildern und Signs sind nicht gerade auf Langlebigkeit ausgerichtet, 3D-Buchstaben werden überhaupt kaum noch verwendet. Das meiste wird nur noch geklebt und ist schon nach zwei oder drei Jahren unansehnlich. Und das, obwohl es in der Gestaltung heutzutage wesentlich mehr Möglichkeiten gibt, als zum Beispiel vor fünfzig Jahren“, erklärt Koch. Und trotzdem wird die Ghostletter-Generation der fernen Zukunft zumindest einen Trost haben: Denn auf einer verbauten Feuermauer wartet in der Billrothstraße 4 ein Duplikat der Madame Kotanyi weiterhin auf ihre Freilegung.

ghostletters_bookUnter allen Books in Vienna-Fans auf Facebook, die das Ghostletters Vienna-Posting bis zum 27. Dezember (23:59 Uhr) liken, werden ein Exemplar von Ghostletters Vienna sowie drei Postkarten-Sets mit Ghostletters-Sujets verlost.

Ghostletters Vienna
Tom Koch mit Daniel Gerersdorfer und Stephan Doleschal
Erschienen im Falter Verlag, 160 Seiten, 29,90 Euro
Ghostletters Vienna auf Facebook

Fotos: Daniel Gerersdorfer (2), Books in Vienna (1), Stephan Doleschal (1)

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