Librería Utopía: „Die Leute nicht rechts liegen lassen“

Es gibt Menschen, die jammern darüber, dass ihnen im Leben etwas abgeht, belassen es dann aber dabei. Und es gibt Menschen, denen etwas abgeht, die selbst aktiv werden, um etwas an diesem Status zu ändern. Zu letzterer Sorte Mensch gehören Steffi und Pablo. „Wir lesen beide sehr gerne und waren oft auf der Suche nach einem kulturellen Treffpunkt mit einer guten Auswahl an linker politischer Literatur, wo man aber auch gemütlich Kaffee trinken und Veranstaltungen besuchen kann. Das haben wir in der Form in Wien nicht gefunden“, erzählt Steffi im Gespräch mit Books in Vienna.

Also gründeten sie mit der Librería Utopía im Jahr 2013 einfach selbst einen solchen Ort, inklusive ausgezeichnetem Kaffee und grandiosen Cruffins (unbedingte Probierempfehlung!). Die Namensgebung basierte folgerichtig auf dem Wunsch, einen „utopischen“ Ort zu schaffen, den es so zuvor noch nicht in Wien gegeben hat. Beide waren damals Quereinsteiger, Steffi hat Politikwissenschaft studiert, Pablo arbeitete als IT-Sicherheitsberater. Für ihre Buchhandlung, die den Beisatz Radical Bookstore Vienna im Namen trägt, suchten sie eine „buchhandlungsarme Gegend“, die sie schließlich in Neu-Fünfhaus im 15. Bezirk fanden. „Wir wollten ja nicht nur eine linke Buchhandlung aufmachen, sondern auch als Nahversorger für das Grätzl fungieren.“ Die Kombination aus linker Sach- und Fachliteratur sowie literarischer Nahversorgung funktionierte auf Anhieb. „Wir spüren den Rückhalt aus der Nachbarschaft, da merkt man schon, dass die Leute froh sind, dass wir hier sind“, erzählt Steffi. Auf der anderen Seite freuen sich viele Kunden, die extra wegen der linken Fachliteratur in den 15. Bezirk fahren, wenn sie dort auch Belletristik, Kinderbücher oder Graphic Novels finden. „Man kann auch mal schnell bei uns reinhuschen, um ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen“, betont Steffi.

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Der inhaltliche Schwerpunkt liegt aber natürlich auf linker Literatur, das Spektrum reicht vom Anarchismus bis zur Sozialdemokratie, wobei natürlich nicht alles auch dem persönlichen Geschmack der beiden Inhaber entsprechen muss. „Da gibt es so einige Konzepte und Ideen, die ich persönlich nicht unterschreiben würde. Aber ich finde es einfach wichtig, dass man möglichst breit Alternativen aufzeigt“, betont Steffi. Zum Sortiment gehören auch Werke, die die Einordnung der linken Literatur in ihre jeweilige Epoche ermöglichen. „Wir haben zum Beispiel auch den Kant bei uns stehen, der jetzt nicht gerade als Linksradikaler bekannt war“, sagt Pablo. Und auch Bücher von Joseph Schumpeter oder Adam Smith finden sich in den Regalen der Librería Utopía. „Wenn man sich mit linker Ökonomie beschäftigt, braucht man auch Ökonomen und Ökonominnen, die außerhalb der eigenen Bubble gewirkt haben“, betont Steffi die Notwendigkeit, ab und zu auch über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Ein inhaltliches Highlight der besonderen Art ist das Regal mit dem Titel „bizarrer Sozialismus“. „Das ist quasi unsere Schmuddelecke im hinteren Teil des Geschäfts. Aber ganz ohne rotem Vorhang“, erzählt Pablo. Dort finden sich zum Beispiel Werke des nordkoreanischen Diktators Kim Il Sun. Grundsätzlich versuchen die beiden ihren Kunden auch etwas zum Autor oder zum Werk mit auf den Weg zu geben. Interessiert sich zum Beispiel jemand für ein Buch eines Theoretikers, der sich im Lauf der Zeit auch als Sexist oder Antisemit entpuppt hat, macht Pablo durchaus darauf aufmerksam und bietet dazu ergänzende Sekundärliteratur an. „Paternalismus oder ein erhobener Zeigefinger sind sicherlich fehl am Platz, aber wir wollen die Leute natürlich auch nicht rechts liegen lassen“, sagt Pablo.

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Die Librería Utopía ist in Zeiten des allgemein ausgerufenen Buchhandlungssterbens ein gutes Beispiel dafür, dass Buchhandlungen sich auch heutzutage großer Nachfrage erfreuen können. Voraussetzung dafür sind eine fokussierte inhaltliche Ausrichtung sowie die Etablierung als Grätzltreffpunkt. Die Librería Utopía bietet ihre Räumlichkeiten für Veranstaltungen aller Art an, von Filmvorführungen und Fotoausstellungen über Akustikkonzerte und – natürlich – Lesungen. Alle Veranstaltungen werden vom Kulturverein organisiert, den Steffi und Pablo zu diesem Zweck gegründet haben, Neumitglieder und aktives Mittun in der assoziation panda – Verein zur Förderung des kritischen literarischen Diskurses sind ausdrücklich erwünscht.

Am 12. Jänner 2017 (19 Uhr) findet in der Librería Utopía im Rahmen der Panda Lectures ’17 eine Veranstaltung zum BuchdruckerInnenstreik 1913/14 statt, zu dem das Institut für Anarchismusforschung eine Broschüre erstellt hat. Eintritt frei, Spenden erbeten.

get in contact: Librería Utopía – Preysinggasse 26-29, 1150 Wien – http://www.radicalbookstore.cominfo@radicalbookstore.com – Die Librería Utopía auf Facebook

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