Curhausbibliothek: Zeitreise in die Vergangenheit

„Das Ausleihen hat gegen Erlag des Preises des Buches und Unterfertigung eines Scheines zu geschehen, auf welchem genau die Signatur des Buches, der Tag des Ausleihens und das Versprechen ausgedrückt ist, innerhalb zweier Monate, oder wenn es erforderlich sein sollte (…) auf Verlangen sogleich das Buch zurückzustellen“, heißt es in der Einleitung des Alphabetischen Katalogs der Donin’schen Cur-Bibliothek vom 8. November 1877. Hundertvierzig Jahre später hat man beim Betreten der Bibliothek im direkt neben dem Stephansdom gelegenen Curhaus das Gefühl, direkt in das Jahr 1877 zurückzureisen. Man trifft auf einen Originalbestand, gelagert in jenen Bücherschränken, die auch schon vor über hundert Jahren an diesem Ort standen.

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Mit dem Bau des Curhauses wurde 1732 begonnen, der Name des Gebäudes geht auf den lateinischen Ausdruck cura animarum zurück, was soviel wie Seelsorge bedeutet. „Um es ganz einfach zu sagen, ist das Curhaus also der Pfarrhof für jene Priester, die für die Seelsorge im Dom zuständig sind“, erklärt Domarchivar Reinhard Gruber im Gespräch mit Books in Vienna. Die Gründung der Bibliothek im 19. Jahrhundert geht auf den Priester Ludwig Donin zurück. „Er war ein einfacher Kaplan, der hier im Haus gelebt und auch selbst publiziert hat“, erzählt Gruber. Zeit seines Lebens habe er sich geweigert, fotografiert zu werden, „es gibt nur ein einziges Foto von ihm. Das zeigt ihn, wie er im Sarg liegt“, so Gruber.

Donin war es, der im 19. Jahrhundert die alte erzbischöfliche Bibliothek, eine gut ausgestattete theologische Bibliothek sowie seine eigenen Bestände zusammenführte und im 2. Stock des Gebäudes, direkt neben der Kapelle, eine Bibliothek etablierte. „Das Wort Gottes und der Ort der Wissenschaft liegen in unserem Haus also ganz eng beisammen“, sagt Reinhard Gruber. Ein Umstand, der dem Organisten der Kapelle beim Gang zu seinem Arbeitsplatz jedes Mal aufs Neue bewusst wird, denn die Orgel ist ausschließlich über die Bibliothek erreichbar. Letztere befindet sich bei genauerer Betrachtung auch gar nicht in einem eigenen Raum, sondern in einem Gang, über den neben der Orgel auch der Archivspeicher sowie mehrere Wohnungen von Priestern zugänglich sind. „Das passt ganz gut zu ihrem Charakter, denn es ist vielmehr eine Gebrauchsbibliothek als eine Repräsentationsbibliothek, wie man sie aus einem Kloster oder einem Stift kennt“, sagt Gruber.

curhaus01Gebraucht wurde die Bibliothek in früheren Zeiten hauptsächlich von den im Haus ansässigen Priestern sowie (bis zu deren Umzug in die Boltzmanngasse) von den Priesterseminaristen. Für die damalige Benutzergruppe passend gestaltete sich auch der Bestand. Theologische Literatur und Werke zur Geschichte des Stephansdoms finden sich genauso wie Predigtliteratur, Bücher zur Geschichte der Stadt Wien oder die Acta Sanctorum, ein Versuch der wissenschaftlichen Lebensbeschreibung aller Heiligen. Das Vorhandensein von Martin Luthers Tischreden oder eines Werkes mit dem Titel Wider den Pflichtzölibat und wider die Unauflöslichkeit der Ehe überraschen den Besucher, wobei Gruber mit einem Lächeln bemerkt, dass diese Werke „etwas versteckt stehen“. Zu den Lieblingswerken des Domarchivars gehört ein Haushaltungsbuch aus dem 17. Jahrhundert, aus dem man nicht nur erfährt, wie man einen Braten zubereitet, sondern auch wie man Krankheiten heilt oder Ziegen hält.

curhaus02Die Curhausbibliothek zeigt sich dem Besucher und der Besucherin in ihrem heutigen Zustand seit Jahrhunderten unverändert. „Die Bücher werden auch heute noch in den historischen Schränken aufbewahrt“, erklärt Gruber. Die Kästen sind mit einem Schloss gesichert, der Zugang zum Schlüsselkasten führt ausschließlich über den Domarchivar. „Die Bibliothek wurde nie beschädigt oder zerstört, auch den Dombrand 1945, durch den auch das oberste Geschoss des Curhauses in Brand geriet, überstand die Bibliothek ohne Schäden.“ Es stellt sich beim Betreten der Bibliothek daher unweigerlich ein gewisses Zeitreisegefühl ein. „Wenn man hier etwas sucht, läuft man leicht Gefahr, Zeit und Raum vollkommen zu vergessen. Es ist einfach faszinierend zu sehen, wie liebevoll und aufwendig Bücher früher gestaltet wurden. Man hantelt sich dann von einem Buch zum nächsten, findet dauernd etwas Interessantes und eh man sich versieht, ist es draußen schon dunkel“, erklärt Gruber.

Zugänglich ist die Bibliothek heutzutage hauptsächlich für Forscher und Genealogen. Eine Ausleihe ist nicht möglich, ein Onlinekatalog nicht vorhanden. So muss sich der interessierte Nutzer bei der Literaturrecherche mit dem eingangs erwähnten Alphabetischen Katalog aus dem Jahr 1877 begnügen. Die (wahrscheinlich) strenge Handhabung der damaligen Regeln hat immerhin dafür gesorgt, dass die Bestände auch heute noch fast komplett vorhanden sind. „Es fehlt nur noch jemand“, so Gruber abschließend, „der die Bibliothek ein bisschen aus ihrem Dornröschenschlaf wachküsst“.

get in contact: Curhausbibliothek – Stephansplatz 3, 1010 Wien – Website der Dompfarre – Dompfarre St. Stephan auf Facebook

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