ÖGB-Fachbuchhandlung: „Piketty ist unser Harry Potter“

Auf den ersten Blick wirkt die Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags in der Rathausstraße wie ein Relikt vergangener Zeiten, denn früher gab es wesentlich mehr politische Buchhandlungen in Wien. „Da hat es in den letzten Jahren einen ziemlichen Kahlschlag gegeben“, weiß auch Manfred Arthaber, Leiter der Fachbuchhandlung. Die SPÖ-Buchhandlung in der Löwelstraße ist genauso Geschichte wie die Zentralbuchhandlung in der Schulerstraße, gleich hinterm Stephansdom. „Da ist von den traditionellen politischen Buchhandlungen nicht mehr viel übrig“, sagt Arthaber.

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Die Nähe zum Gewerkschaftsbund spiegelt sich auch im Sortiment der Fachbuchhandlung wider. „Bei uns bekommt man alles, was links der Mitte ist. Der Schwerpunkt lag in den letzten Jahren sicherlich auf der Globalisierungskritik sowie der Wirtschaftskrise. Von den Stückzahlen her ist Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty wohl unser Harry Potter“, erzählt Arthaber im Gespräch mit Books in Vienna. Darüber hinaus findet sich – passend zum Standort in unmittelbarer Nähe zu Hauptuniversität und NIG – auch viel sozialwissenschaftliche Literatur im Sortiment. Im hinteren Bereich der Buchhandlung, dessen schallisolierte Wände noch heute vom ehemals hier untergebrachten Tonstudio zeugen, befinden sich dagegen jene klassischen Werke, die man in einer Fachbuchhandlung eines Gewerkschaftsverlags vermuten würde. Schwerpunkt ist das kommentierte Arbeits- und Sozialrecht, vom Leitfaden für Betriebsvereinbarungen bis zum Väterkarenzgesetz oder vermeintlich exotischer Ware wie dem Kommentarband zum heimischen Seilbahnrecht. Abgerundet wird das Sortiment von einem feinen Antiquariat auf der Galerie, dessen optisches Highlight eine wohl auch heute noch einsatzbereite, in Koffer verpackte Wanderbücherei der Arbeiterkammer ist.

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Seit rund zehn Jahren befindet sich die Fachbuchhandlung am Standort Ecke Rathausstraße/Universitätsstraße. Drei Viertel des Umsatzes entfalle mittlerweile aber auf den Onlinehandel, rechnet Arthaber vor. Dieser wird mit zwei verschiedenen Webshops bedient, dem Themenshop Arbeit Recht Soziales sowie besserewelt.at. „Es gibt natürlich inhaltliche Überschneidungen, aber die unterschiedlichen Zielgruppen kann man mit zwei Angeboten einfach wesentlich konkreter ansprechen“, erklärt Arthaber die Doppelstrategie. An den modernen Entwicklungen der Buchbranche kommt also auch die Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags nicht vorbei, „im Grunde läuft das wie bei Amazon, nur auf klein und nett“, erzählt Arthaber. Stichwort Amazon: Die Online-Konkurrenz aus den USA und ihre negativen Auswirkungen auf den stationären Buchhandel werden auch in der Buchhandlung selbst thematisiert. Ein Schild auf der Tür zur Toilette weist freundlich darauf hin, dass es sich hierbei um das WC der ÖGB-Verlagsbuchhandlung handelt. Amazon-Kunden wird empfohlen, doch bitte bei Amazon auf die Toilette zu gehen. „Mit solchen Aktionen wollen wir darauf aufmerksam machen, dass in und von einer Buchhandlung Menschen arbeiten und leben. Uns kann man anrufen und die Buchempfehlungen basieren nicht auf irgendwelchen Rechenprogrammen, sondern auf den Einschätzungen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, betont Arthaber, der seit fünfunddreißig Jahren in der Buchbranche tätig ist und seine Karriere einst bei Freytag & Berndt am Kohlmarkt begonnen hat. „Ich kann also nicht gerade auf eine klassische linke Parteikarriere zurückblicken sondern war immer eher fachspezifisch unterwegs“, erzählt Arthaber.

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Manfred Arthaber ist seit 2002 in der Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags tätig

Es gibt übrigens lediglich eine Buchhandlung dieser Art in ganz Österreich, mit Büchertischen werden aber zum Beispiel auch Veranstaltungen in ganz Ostösterreich oder Linz abgedeckt. Oft bewege man sich auf „einem schmalen Grat zwischen Wirtschaftlichkeit und Ideologie, das passt sicher nicht immer hundert Prozent zusammen“. Doch Arthaber sieht in der Buchhandlung ohnehin mehr als ein reines Wirtschaftsunternehmen. „Ich glaube, dass der ÖGB durchaus davon profitiert, dass wir hier innerstädtisch vertreten sind und mit unserem Team das mitunter verstaubte Image des ÖGB aufreißen. Wir sind hier eine ganz normale Buchhandlung mit normalen Menschen und bieten ein immer wieder sehr junges und modernes Programm, auch bei unseren Veranstaltungen“, betont Arthaber. Ökonomisch helfe natürlich die Anbindung an den ÖGB, zahlreiche Arbeitnehmervertreter, Betriebsräte oder Juristen beziehen ihre Bücher über die Fachbuchhandlung. Aber auch ohne ÖGB, so zeigt sich Arthaber überzeugt, wäre der Standort lebensfähig. „Die Buchhandlung wäre dann wohl nicht so groß, es würde weniger Personal geben. Und natürlich müsste man auch beim Sortiment das eine oder andere ändern“, so Arthaber abschließend. Es würde also auf ein direktes Duell zwischen Thomas Piketty und Harry Potter hinauslaufen – Simmering gegen Kapfenberg wäre nix dagegen.

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Veranstaltungstipp für Kurzentschlossene: Heute (2. März 2017, 18:30 Uhr) findet der Themenabend „Fremdenrecht“ mit u.a. Lisa Grösel (Fremde von Staats wegen) statt. Weitere Veranstaltungen (darunter die Präsentation von How to be Österreich – Der Werteguide für Integrationswillige am 16. März 2017) finden sich auf der Website der Buchhandlung.

get in contact: ÖGB-Verlag Fachbuchhandlung – Rathausstraße 21 (Eingang Universitätsstraße), 1010 Wien – www.diefachbuchhandlung.atfachbuchhandlung@oegbverlag.atbesserewelt.at und der ÖGB-Verlag auf Facebook

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