„Erste Stiftung“ Bibliothek: Von Onkel Dagobert bis Vladimir Zarev

„Die Beantwortung dieser Frage wäre ungerecht“, sagt Jutta Braidt und schüttelt den Kopf. Zwei Stunden nahm sich die Leiterin der Bibliothek der Erste Stiftung Zeit für das Gespräch mit Books in Vienna, Rundgang inklusive. Doch eine Antwort auf die Frage nach zwei oder drei Lieblingswerken oder Lieblingsautoren in den Beständen ihrer Bibliothek, die könne sie unmöglich geben. „Bibliothekare tun sich bei solchen Fragen immer schwer, denn eine solche Frage ist einfach zu groß. Der Sinn der Bibliothek ist es ja, ein eher breites Spektrum abzubilden. Dem wird die Nennung eines einzelnen Titels nicht gerecht.“

Erste-Stiftung-Toni-RappersbergerSeit Dezember 2016 residiert die Bibliothek der Erste Stiftung am wohl prominentesten Ort des neuen Erste Campus in Wien-Favoriten. Belvedere und Schweizer Garten liegen direkt gegenüber, der Wiedner Gürtel sowie zahlreiche Bus- und Straßenbahnstationen sowie die S-Bahn-Station Quartier Belvedere sorgen für zahlreiche Passanten, von denen nicht wenige einen neugierigen Blick durch die raumhohe Glasfassade in die modern eingerichtete Bibliothek werfen. Passend zur transparenten architektonischen Gestaltung lautet auch die inhaltliche Ausrichtung. „Wir verstehen uns als Spezialbibliothek mit öffentlichem Zugang“, sagt Braidt.

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Zehn Jahre ist es her, dass die Bibliothek der Erste Stiftung in einem kleinen Büro in der Milchgasse im ersten Bezirk eingerichtet wurde. „Es ging damals darum, ein Rechercheinstrument für die Mitarbeiter der Stiftung sowie ein Archiv einzurichten“, blickt Braidt zurück in die Anfangszeit. „Aber schon damals hatte ich die Vision, daraus eine öffentliche Institution zu machen.“ 2009 folgte der Umzug in die Friedrichstraße, seit Ende 2016 residiert die Bibliothek in den Räumlichkeiten der Erste Stiftung im neuen Campus der Erste Group beim Belvedere. Als Hauptaktionärin der Erste Group investiert die Stiftung in die gesellschaftliche Entwicklung in Österreich sowie Zentral- und Südosteuropa und unterstützt bzw. entwickelt eigenständig Projekte in den Bereichen Soziales, Kultur und Europa.

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11.000 Medien nennt die Bibliothek ihr Eigen, inhaltlich bespielt Jutta Braidt in erster Linie jene inhaltlichen Bereiche, die auch für die Erste Stiftung von Relevanz sind. „Die Arbeit der Stiftung gibt die Themen vor“, sagt Braidt. Zeitgenössische Kunst aus Zentral- und Südosteuropa ab den 1950ern gehört genauso dazu, wie soziale oder ökonomische Themen. Oft verschwimmen die Bereiche ohnedies, Bücher zu Themen wie Big Data oder Globalisierung lassen sich nicht in eine thematische Schublade stecken. „Unser Schwerpunkt auf zeitgenössische Kunst aus Südosteuropa korrespondiert mit der Kunstsammlung von Erste Group und Erste Stiftung.“ Zu ihren Beständen kommt Braidt dabei auf mitunter verschlungenen Wegen. „An Bücher über Kunst in Rumänien in den 1970ern kommt man zum Beispiel, wenn man jemanden kennt, der jemanden kennt, der zufällig von der Auflösung von Beständen in irgendeiner Galerie oder einem Museum etwas mitbekommt. Solche Bücher strukturell zu besorgen, ist wahnsinnig schwierig“. Auch die wichtigsten Periodika zum politischen und wirtschaftlichen Geschehen in Südosteuropa finden sich in den Regalen der Bibliothek, genauso übrigens wie Comics über Onkel Dagobert & Co, die sich als Teil des Financial Life Parks in einem anderen Gebäudeteil befinden. Daneben war es Braidt auch ein Anliegen, Platz für Belletristik zu schaffen. „Ich glaube, dass kein Sachbuch dieser Welt die Kultur eines Landes wie Albanien so gut vermitteln kann, wie es die Literatur vermag“, betont die Literaturwissenschaftlerin. Folgerichtig hat jedes mittel- und südosteuropäisches Land sein eigenes literarisches Regalfach, im Falle Albaniens stößt man zum Beispiel auf die Autoren Ismail Kadare oder Besnik Mustafaj.

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„Es kommen natürlich auch heute noch sehr viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bank und der Stiftung, um bei uns zu recherchieren. Aber das Publikum ist sonst ganz bunt gemischt“, erzählt Braidt. Studierende, die auf der Suche nach einem ruhigen Arbeitsplatz sind, werden hier genauso fündig wie Wissenschaftler, Journalisten oder Menschen, die einfach nur Interesse an der Region haben. Werke können nach Ausstellung eines kostenlosen Bibliotheksausweises auch ausgeliehen werden. „Wichtig ist für mich, dass wir hier einen offenen und integrativen Raum bieten, mit dem wir zugleich jenes Wissen, das die Stiftung seit Jahren entwickelt, kommunizieren können. Und das nicht nur im Internet, sondern an einem Ort, an dem man sich vor ein Regal stellen und sich mit mitunter abstrakten Themen auseinandersetzen kann“, sagt die Leiterin der Bibliothek.

Und am Ende des Gesprächs fällt Jutta Braidt, die ihre Bibliothekslaufbahn in der Stadtbücherei in Ried im Innkreis begonnen hat, dann doch noch zumindest ein Lieblingsautor ein: „Vladimir Zarev, ein großartiger Schriftsteller aus Bulgarien.“ Wer einen seiner Romane lesen will, die/der ist in der Bibliothek der Erste Stiftung sehr gut aufgehoben: Mit Verfall, Familienbrand, Feuerköpfe und Seelenasche finden sich gleich vier Bücher von ihm im Katalog.

get in contact: Erste Stiftung Bibliothek, Am Belvedere 1, 1100 Wien – Website der Bibliothek – Mail: library@erstestiftung.org – Erste Stiftung auf Facebook

Fotos: Books in Vienna (4), Erste Stiftung/Toni Rappersberger (1, Nachtaufnahme)

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