Ines Häufler: „Wir lachen alle viel zu selten über uns selbst“

Es sind die ungeraden Jahre, in denen Ines Häuflers Kreativität in Bezug auf Lebensmittel ihren jeweiligen Höhepunkt zu erreichen scheint. Zur Weihnachtszeit 2011 lief die Häufler’sche Keksbäckerei gerade auf Hochtouren, als ihr einer der Kekse zerbrach. „Da lag dann also der zerbrochene Keks auf dem Backblech neben einem intakten Keks. Ich habe mir die beiden so angesehen und mich gefragt, was die sich wohl gerade erzählen könnten?“ Ines fotografierte die Szenerie und bastelte daraus einen Cartoon, der sich auf Facebook rasch großer Beliebtheit erfreute. So sehr, dass Ines ein Jahr später gefragt wurde, ob es denn zu Weihnachten 2012 wieder sprechende Kekse geben würde. „Also habe ich zwei oder drei neue Cartoons gemacht, wieder mit selbstgebackenen Keksen. Und dann hat mich jemand gefragt, ob ich daraus nicht mal ein Buch machen will.“

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Seine Ideen auszuprobieren und sich zu trauen, diese auch mit einem größeren Publikum zu teilen – für die gebürtige Salzburgerin, die seit 2004 in Wien lebt, ist das ein zentrales Element im kreativen Prozess. Die Entstehung des Cartoon-Büchleins Talking Cookies, das 2013 bei müry salzmann erschienen ist, steht symptomatisch dafür. „Ich rate allen Leuten immer, dass sie ihren Freunden und Bekannten von ihren eigenen kreativen Ideen erzählen sollen. Hätte ich das damals bei den sprechenden Keksen nicht gemacht und hätte mich der Bekannte damals nicht auf die Idee mit dem Buch angesprochen, wäre es wohl nie erschienen“, erzählt Ines im Gespräch mit Books in Vienna im Café Raimund. „Ich bin ja keine professionelle Cartoonistin, das war eigentlich nur als Privatvergnügen gedacht.“

In Talking Cookies erleben die Kekse Situationen, die auch so manch menschlichem Betrachter vertraut vorkommen dürften. In einem Cartoon führen zum Beispiel Weihnachtsbaumkeks und Palmenkeks eine Beziehung, Konfliktpotenzial ist da vorprogrammiert. Denn die Palme würde im Winter natürlich gerne in den Süden reisen, doch ausgerechnet in dieser Zeit hat der Weihnachtsbaumkeks Urlaubssperre. „Meine Kekse erleben ganz klassische Beziehungskonflikte“, erklärt Ines. Zur Behebung der daraus entstehenden Probleme steht zum Beispiel ein Schaukelpferdkeks als Therapeut zur Verfügung, „zu ihm kommen die anderen Kekse, um sich einen professionellen Rat zu holen“.

Cover Talking CookiesFür die Buchpräsentation 2013 im phil in der Gumpendorfer Straße hat Ines ihre Protagonisten extra nochmal gebacken und zur Verkostung mitgenommen. „Ich esse die Kekse sehr gerne, ich bin da vollkommen skrupellos. Doch ich hatte vor der Präsentation natürlich auch ein bisschen Angst, dass das Publikum sie nicht essen will, weil den Besuchern im Lauf einer solchen Buchpräsentation die Charaktere vielleicht ans Herz gewachsen sind“, blickt Ines zurück. Doch die Sorge war unbegründet, „am Ende des Abends waren alle Kekse aufgegessen“. Die Frage, ob ihre Protagonisten sich vor ihrem schmackhaften Tod fürchten, hat Ines dabei durchaus auch auf einer philosophischen Ebene umgetrieben. Die Antwort fand sie im Jahr 2016, als sie für die Weihnachtskrimi-Anthologie Plätzchen, Punsch und Psychokiller einen Krimi mit ihren Talking Cookies beisteuerte. „Da musste ich mir Gedanken machen, wie das Verhältnis der Kekse zu den Menschen ist. Ich habe für mich dann herausgefunden, dass es ihre Mission ist, den Menschen eine Freude zu machen, indem sie gegessen werden. Für die Kekse ist ihr eigener Tod also total positiv besetzt.“ Auf die fällige kritische Nachfrage von Books in Vienna gibt die Autorin dann aber doch zu, dass diese Theorie auf „jahrelangem fiktionalen Training beruht, damit ich mir das Verspeisen meiner Protagonisten schönlügen kann.“

Eine ähnliche Problematik stellte sich Ines bei ihrem 2015 erschienenen Nachfolgeprojekt Talking Pasta. Auch die Idee zu diesem Buch ist quasi durch Zufall entstanden. „Ich spiele halt immer mit dem Essen, auch wenn wir alle so erzogen worden sind, dass wir das nicht tun sollen. Aber es ist nun mal eine sehr kreative Angelegenheit“, gibt Ines allen Kindern dieser Welt einen indirekten Freibrief zur kreativen Auseinandersetzung mit dem eigenen Essen. „Ich habe mal Pipe Rigate gekocht und diese überdimensionierten Hörnchen sahen für mich im gekochten Zustand aus, wie zwei wütend zusammengekniffene Augen mit einem weit aufgerissenen Mund.“ So war die wütende Pasta geboren. „Ich habe davon dann ein Foto auf Facebook und Instagram hochgeladen, mit dem Untertitel ‚Are you talking to me?‘, in Anlehnung an den Film Taxi Driver. Dann hat jemand ‚Talking Pasta?‘ unter das Foto kommentiert und ich habe mir gedacht, ja, warum denn eigentlich nicht?“

Cover Talking PastaIn der Folge wurden die Pastaregale in Wien auf ihre unterschiedlichsten Bewohner hin abgescannt, es wurde viel mit Pasta gespielt und natürlich auch viel fotografiert. Heraus kam im Frühjahr 2015 Talking Pasta, in dem zum Beispiel unter dem Titel ‚Mondflug‘ zwei Fusilli-Nudeln an einem Basilikum-Fallschirm herabgleiten. „Die Pasta hat mir im Vergleich zu den Keksen ganz neue Möglichkeiten eröffnet, denn aufgrund der fehlenden Köpfe hatte ich nun ganz neue Möglichkeiten, um zum Beispiel mit der Mimik der Nudeln zu spielen“, erzählt Ines.

In den Vorgesprächen mit dem Verlag traten hingegen auch ganz praktische Fragen zu Tage. Denn in einem Land, das zu seinen kulinarischen Spezialitäten Kärntner Kasnudeln und Mohnnudeln zählt, ist das mit der Nudel-Definition so eine Sache. „Es gibt ganz viele Grauzonen und das gefällt mir insofern sehr gut, als dass es ja auch in der Welt, in der wir leben, ganz viele Grauzonen gibt. Da ergeben sich durchaus gesellschaftspolitische Gestaltungsmöglichkeiten, wenn man sich zum Beispiel überlegt, wie die traditionelle Pasta reagieren würde, wenn auf einmal eine Mohnnudel an ihre Tür klopft.“ Die Politik beginnt bekanntlich bereits im Privaten. „Es sind natürlich nur Nudeln und ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass die Cookies oder die Pasta politische Cartoons sind. Aber ich wollte damit schon auch zumindest die Möglichkeit anbieten, zu reflektieren oder auch mal über sich selbst zu lachen. Denn das machen wir alle viel zu selten.“

2011, 2013, 2015 – Eigentlich wäre es heuer wieder Zeit für ein neues kreatives Projekt. „Mich juckt es gerade sehr in den Fingern“, gibt Ines zu. Denn schließlich „gibt es ja noch so viele Geschichten von den unterschiedlichsten Lebensmitteln zu erzählen.“

get in contact: Ines Häufler – www.ineshaeufler.com – Talking Cookies auf Facebook – Talking Pasta auf Facebook

Fotos: Books in Vienna (2), müry salzmann (2)

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