Gefängnisbücherei Simmering: „Wir sind hier ja nicht im Vatikan“

Wenn zwei Protagonistinnen in der Serie Orange Is the New Black die Gefängnisbibliothek aufsuchen, geschieht das meistens, um sich im Schutz von Büchern und Buchregalen ungestört treffen und unterhalten zu können. Doch wie spielt sich das Leben in einer echten Gefängnisbücherei ab? Books in Vienna begab sich auf Lokalaugenschein in der Justizanstalt Simmering.

Egal aus welcher Himmelsrichtung man sich der Justizanstalt Simmering nähert, man lässt ohnehin am Rande Wiens vermutete Orte wie den Hafen Freudenau oder den Zentralfriedhof hinter sich. Im Gegensatz zur innerstädtisch gelegenen Justizanstalt Josefstadt liegt das Pendant in Simmering tatsächlich ziemlich weit draußen. Untergebracht ist das Gefängnis, eine von insgesamt vier Wiener Strafvollzugseinrichtungen, im Schloss Kaiserebersdorf. Vor dem Ersten Weltkrieg residierten hier ein Artillerieregiment sowie die Hoch- und Deutschmeister, im Jahre 1920 wurde eine Jugendstrafanstalt eingerichtet, die in der Nachkriegszeit ob ihrer skandalösen Zustände immer wieder für Schlagzeilen sorgte.

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Die Justizanstalt Simmering ist eine von vier Strafvollzugsanstalten in Wien

Seit 1975 dient das Gebäude der Republik Österreich als Strafvollzugsanstalt und als solche hat sie – so sieht es das Gesetz vor – eine Gefangenenbücherei zu führen. „In jeder Anstalt zum Vollzug von Freiheitsstrafen ist eine Bücherei einzurichten, aus der die Strafgefangenen Bücher und Zeitschriften entlehnen können. Bei der Ausstattung der Büchereien ist auf den Standard öffentlicher Büchereien Bedacht zu nehmen“, heißt es dazu in Praragraph 59 des Strafvollzugsgesetzes. „Bibliotheken gab es immer schon hier im Haus, auch noch in Zeiten der Jugenderziehungsanstalt“, sagt einer, der es wissen muss: Manfred Natowicz. Der Justizwachebeamte ist seit 1997 in Simmering als Freizeitkoordinator tätig und ist in dieser Funktion nicht nur für die Durchführung von (ebenfalls im Gesetz vorgeschriebenen) vierteljährlichen belehrenden, künstlerischen oder unterhaltenden Veranstaltungen zuständig (§65), sondern auch für die Gefängnisbücherei.

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Schon in der Justizanstalt Josefstadt, wo Natowicz 1986 in den Justizwachedienst eingetreten war, tat er sich durch besonderes Engagement hervor und gründete eine aus Häftlingen bestehende Theatergruppe namens Kultoknast. Mit Büchern kam er schon in frühester Kindheit – Stichwort Karl May – in Verbindung. Als er die Stelle des Freizeitkoordinators in Simmering und somit die Verantwortung für die Gefängnisbibliothek übernahm, absolvierte Natowicz die Bibliothekarsausbildung in Strobl am Wolfgangsee. Zwecks Verbesserung der Administration begann er gemeinsam mit einem Häftling („er war Microsoft Certified Trainer und hat sich gut in Visual Basic ausgekannt“), eine eigene Bibliothekssoftware zu entwickeln. „Als der Insasse vor Fertigstellung des Programms entlassen wurde, stand ich vor der Wahl: Entweder kübel ich zwei Jahre Arbeit oder ich lerne das Programmieren selber.“ Natowicz entschied sich für letzteres, heraus kam die heute in dreizehn heimischen Strafvollzugsanstalten installierte Bibliothekssoftware Winlib. „Winlib würde auf einem modernen Betriebssystem heutzutage gar nicht mehr laufen. Aber nachdem wir hier immer noch WindowsXP verwenden und keine Verbindung zum Internet haben, sind wir quasi von der Außenwelt abgeschottet. Und dadurch läuft das Programm heute noch wie am ersten Tag“, sagt Natowicz nicht ohne Stolz.

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Nostalgiker können in den Höhepunkten des Sportjahres 1992 genauso schmökern wie in den gesammelten Merian-Heften des Jahrgangs 1959

Anders als bei Piper Chapman in der eingangs erwähnten Netflix-Serie ist die Gefängnisbücherei in Simmering keine Präsenzbibliothek. Während fast alle Bibliotheken heutzutage über einen Onlinekatalog verfügen, wählen die Insassen in der Justizanstalt Simmering ihre Bücher aus einem gebundenen Katalog aus. Einmal im Monat erhalten sie den bestellten Lesestoff direkt in den Haftraum geliefert, im Gegenzug wandern die ausgelesenen Bücher bei diesem „Buchtauschtag“ retour in die Bibliothek. Bestellt ein Insasse zum ersten Mal bei Natowicz, erhält er maximal vier Bücher. „Das geht sich in einem Monat meistens ganz gut aus. Wer mehr liest, kann natürlich auch mehr bekommen. Es gibt Leute, die lesen pro Monat zwanzig Bücher und mehr, da tausche ich dann schon auch mal dazwischen“, erklärt Natowicz. Die Beschränkung auf einen monatlichen Büchertauschtag hat einen ganz praktischen Hintergrund: „Die bibliothekarische Arbeit erfordert Ruhe, da kann ich nicht jeden Tag Bücher ausliefern gehen.“

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Gesammelte Perry-Rhodan-Werke von Band 1 bis 135

Neben Natowicz sind auch mehrere Insassen in der Bibliothek beschäftigt. „Die bekommen einen Arbeitsverdienst dafür, wie auch in jedem anderen Gefängnisbetrieb“, erzählt Natowicz. Die Mitarbeiter erhalten während ihrer Tätigkeit (Arbeitszeit 7:30 – 14:30 Uhr) eine Grundeinführung in das Bibliothekswesen, die auch außerhalb der Gefängnismauern eine Karriere in einer Bibliothek ermöglichen würde. „Jedes Arbeitsverhältnis im Gefängnis trägt zur Resozialisierung bei“, erklärt Natowicz. „Menschen, die in ihrem Leben einen Weg gegangen sind, den sie im Nachhinein lieber nicht gegangen wären und die dann in eine Haftsituation eintauchen, brauchen eine Struktur, an der sie sich anhalten können. Da hilft so eine Tätigkeit natürlich ungemein.“

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Auch Asterix-Fans kommen in der Gefängnisbücherei Simmering auf ihre Kosten

Auswählen können die Insassen ihren Lesestoff aus einem insgesamt rund 9.000 Werke zählenden Bestand. Dieser teilt sich auf die Hauptbibliothek und auf eine kleine Außenstelle in der Zugangsabteilung auf. Dort landen in der Regel jene Insassen, die frisch ins Gefängnis eingeliefert worden sind. „Die Außenstelle hat den Vorteil, dass wir die neuen Insassen sofort mit Literatur versorgen können und sie auch gleich von meinen Mitarbeitern in das Bestellsystem eingeschult werden können“, so Natowicz.“ Von Lebensratgebern über alte Merian-Reisemagazine bis hin zu Perry Rhodan und fremdsprachiger Literatur reicht das Angebot. Selbst Bücher in exotischen Sprachen wie Urdu finden sich im Bestand. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich „typische Ganovenromane wie Der Minus-Mann von Heinz Sobota und Geschichten, die das Leben von Kriminellen widerspiegeln“, sagt Natowicz. Wie in anderen öffentlichen Büchereien können die Leser der Gefängnisbücherei auch Vorschläge über Neuanschaffungen machen. „Das forciere ich ganz besonders, schließlich will ich ja, dass die Bücher, die wir hier haben, auch gelesen werden“, betont Natowicz. Fremdsprachige Bücher werden via Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags von Dolmetschern auf ihre Inhalte hin geprüft. Islamische Literatur wird vorab vom für Muslime zuständigen Gefängnisseelsorger begutachtet. „Wenn ich einen nicht von ihm zertifizierten Koran in einem Haftraum finde, ziehe ich diesen sofort ein“, erklärt Natowicz. Generell achtet der Bibliothekar mit Argusaugen darauf, dass sich in seinen Beständen keine verhetzende oder gewaltverherrlichende Literatur findet. „Natürlich sind nicht alle Romane gewaltlos, wenn man sich zum Beispiel Ken Follett anschaut. Aber wenn beim Buch schon das Blut unten herausrinnt, das muss natürlich nicht sein“, erklärt Natowicz. Grundsätzlich habe der Leiter einer Gefängnisbücherei einen gewissen Spielraum bei der Auswahl der Bücher, „Index gibt es keinen, wir sind hier ja nicht im Vatikan“. Behandelt ein Insasse ein Buch nicht mit dem nötigen angebrachten Augenmaß, kann Natowicz eine Entlehnsperre auf Zeit verhängen. „Ich habe schon Leute hier gehabt, die haben aufgeschlagene Bücher unter ein Bett gestellt, weil es gewackelt hat. Damit macht man sich beim Bibliothekar natürlich nicht sehr beliebt“, betont Natowicz abschließend.

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2 Comments

  1. Ein wahnsinnig interessanter Beitrag zu einem Thema, über das ich noch überhaupt nicht wirklich nachgedacht habe…vergisst man oft, dass auch in den Gefängnissen Bibliotheken sind. Es ist eine gute Idee, darauf aufmerksam zu machen und einen kleinen Einblick darin zu geben!

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