Edition Atelier: Von literarischer Begeisterung getrieben

Traditionen wollen gepflegt werden und so startet Books in Vienna gemeinsam mit der Edition Atelier ins neue Jahr. Der im Alsergrund beheimatete Verlag blickt auf ein abwechslungsreiches, nicht unerfolgreiches Jahr zurück. Mit Reibungsverluste von Mascha Dabić schaffte es ein Titel auf die Shortlist Debüt des Österreichischen Buchpreises. Das Buch der Schurken erregte soviel Aufmerksamkeit, dass die Taschenbuchrechte für die Auflistung der wichtigsten Bösewichte der Weltliteratur flugs an Random House verkauft worden sind. Erstmals hat der Verlag es zudem geschafft, in einem Jahr mehr Bücher in Deutschland als in Österreich zu verkaufen.

Den Erfolg der Reibungsverluste erklärt sich Sarah Legler mit der gesellschaftlichen Relevanz des Romans, „die Situation der Dolmetscher in Kombination mit dem Asylthema hat sehr viel Zuspruch gefunden“, betont Legler, die gemeinsam mit Jorghi Poll für das Programm des Verlags verantwortlich zeichnet. Bestätigung erhält sie dafür auch von der Jury des Österreichischen Buchpreises, die Dabić attestiert, mit ihrem Roman „ganz nah an einer aktuellen gesellschaftlichen Problematik dran zu sein“.

Damit steht Reibungsverluste in einer langen Reihe an Veröffentlichungen der Edition Atelier, die sich mit gesellschaftlichen Problemstellungen auseinandersetzen – aktuelle Herausforderungen, wie im Fall von Dabić Roman, oder (vermeintlich) längst vergangene. Auch im Frühjahrsprogramm 2018 findet sich mit Die Welt ohne Hunger ein Titel, der uns einen nachdenklichen Gruß aus der Vergangenheit schickt. Der in Wien geborene Autor Alfred Bratt (1891-1918) beschreibt darin die Anstrengungen des Chemikers Alfred Bell, der eine Formel zur Besiegung des weltweiten Hungers gefunden hat. „Bell will die Erfindung so durchsetzen, dass sie nicht kommerziell ausgebeutet werden kann und allen Menschen auf der Welt zugute kommt“, erzählt Jorghi Poll. „Bis er das schafft, ist es eine riesige Odysee und eigentlich ist das Buch ein großer Abenteuerroman, der viele Fragestellungen aufwirft, die uns auch heute noch beschäftigen. Immerhin hungern auch heute noch 800 Millionen Menschen auf der Welt.“

Bratt_Die_Welt_ohne_Hunger_Cover.inddDie Relevanz des Themas zur Zeit der Ersterscheinung wird deutlich, wenn man zeitgenössische Zeitungsberichte studiert. So wusste die Neue Freie Presse am 24. Dezember 1917 davon zu berichten, dass Die Welt ohne Hunger nach der Übersetzung „in mehrere fremde Sprachen nun demnächst auch als dänische Übersetzung“ erscheinen werde. Die Neue Kino-Rundschau berichtete im Juli 1920 von einer Verfilmung des Werks, und das, obwohl „die Polizeizensur vor Jahren noch inoffiziell davon abgeraten hat, einen Film nach dem Roman von A. Bratt herzustellen. Heute ist dieses Wandelbild ein Schlager in sozialen Fragen.“

Der Roman des heute längst vergessenen Autors Alfred Bratt ist für Poll auch 102 Jahre nach seiner Ersterscheinung ein „unglaublich wichtiger Roman, denn wir sind im gesellschaftlichen Diskurs in manchen Bereichen leider nicht viel weitergekommen, als man damals schon war.“ Dass Die Welt ohne Hunger nun in der Edition Atelier aufs Neue zum Leben erweckt wird, ist einem Zufall und einem gut sortierten Antiquariat in der Garnisongasse zu verdanken. Denn im Klabunt stolperte Jorghi Poll eines Tages über eine der seltenen noch vorhandenen Originalausgaben von Die Welt ohne Hunger.

Weitaus jünger in seiner Entstehung, aber genausogut in unsere Zeit passend, kommt der mit dem Reinhard-Preissnitz-Preis 2017 ausgezeichnete Roman Die vier Weltteile von Hanno Millesi daher. Das Setting: Zwei Erwachsene, vier Kinder und ein Museum mit klassischen Gemälden, das den gelernten Wiener an das Kunsthistorische Museum erinnern könnte. Nach einem Anschlag im Foyer werden Erwachsene wie Kinder in den Schausälen des Museums eingeschlossen, Informationen über das Geschehen dringen nur häppchenweise vor, die Erwachsenen versuchen, ihre aufkommende Panik vor dem Nachwuchs zu verbergen. „Die naseweisen Kinder rennen von Bild zu Bild und machen sich die erstaunlichsten Gedanken über die Dinge, die sie auf den Bildern der Klassik und Renaissance sehen, die von Helden, Märtyrern und anderen früher ganz selbstverständlichen Bestandteilen unserer Kulturgeschichte handeln“, erzählt Jorghi Poll im Gespräch mit Books in Vienna. Durch die Gegenüberstellung unserer eigenen Kulturgeschichte mit dem Anschlag im Foyer entstehe im Roman eine spannende Reibung. „Das wird sehr subtil, mit feinen Beobachtungen und einem Augenzwinkern, gegenübergestellt“, so Poll, dem die ehrliche Freude über die Qualität des neuen Romans von Hanno Millesi ins Gesicht geschrieben steht.

Die im Band Makkaroni in der Dämmerung zusammengefassten Feuilletons von Bestseller-Autorin Vicki Baum, der Gedichtband Zwei verschraubte Plastikstühle von Maria Seisenbacher sowie die zweite Auflage der Reibungsverluste komplettieren das Frühjahrsprogramm der Edition Atelier. Wäre der kleine Verlag nicht von Kürzungen der Kulturförderung des Bundeskanzleramts betroffen gewesen, hätte noch ein weiteres Buch das Licht der Welt erblicken können.

Auf ein besonderes Highlight in ihrem Programm wollten sich Jorghi Poll und Sarah Legler auch in diesem Jahr beim gemütlichen Plausch in der Schwarzspanierstraße nicht festlegen lassen. „Grundsätzlich sind wir immer von literarischer Begeisterung getrieben“, betont Poll stattdessen. Das kann dann wohl auf alle Titel des Programms umgelegt werden. Welche Früchte diese Begeisterung heuer tragen wird, das wird Thema der Jahresanfangsplauderei im Jänner 2019 sein.

Termine: Am 24. Jänner 2018, dem 130. Geburtstag von Vicki Baum, wird Makkorini in der Dämmerung im Literaturhaus Wien vorgestellt. Am 7. März 2018 findet die Präsentation von Die vier Weltteile im Literaturhaus Wien statt. Am 21. März 2018 lädt die Edition Atelier zum Frühlingsfest in die Verlagsräumlichkeiten. Am 24. März 2018 präsentiert sich der Verlag im Rahmen des Indiebookdays 2018 in Lhotzkys Literaturbuffet.

get in contact: Edition Atelier, Schwarzspanierstraße 12/2, 1090 Wien – www.editionatelier.atEdition Atelier auf Facebook, Instagram, Lovelybooks und Twitter. Den empfehlenswerten Verlagsblog Textlicht. Magazin für Literatur finden Sie unter https://textlicht.wordpress.com.

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