Buchhandlung Löwenherz: Von der leichten Muse bis zur Hochliteratur

25 Jahre ist es her, dass in der Berggasse im Alsergrund das Café Berg und gleich angrenzend die Buchhandlung Löwenherz als Treffpunkt der Wiener Schwulen- und Lesbenszene eröffnet wurden. Das Berg ist mittlerweile Geschichte, die Buchhandlung Löwenherz erfreut sich dagegen nach wie vor großer Vitalität und feiert heuer im Juli standesgemäß ihr Jubiläum. Grund genug, den beiden Inhabern Veit Georg Schmidt und Jürgen Ostler einen Besuch abzustatten.

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Die Buchhandlung Löwenherz ist der einzige bibliophile Treffpunkt für Schwule und Lesben in Österreich und neben Schwesterbuchhandlungen in Stuttgart und Berlin eine von insgesamt nur noch drei thematisch ähnlich fokussierten Buchhandlungen in Deutschland und Österreich. „Man braucht für eine lesbisch-schwule Buchhandlung im Grunde eine Millionenstadt, damit das funktioniert“, erklärt Veit Schmidt im Gespräch mit Books in Vienna. Mit ihrem Sortiment richtet sich die Buchhandlung schwerpunktmäßig an die Wiener Schwulen- und Lesbencommunity. Geht es nach vielen Verlagen und deren VertreterInnen, fallen hauptsächlich Romanzen, erotische Literatur und Pornografie in diese Kategorie. „Es ist uns jedoch immer sehr wichtig gewesen, dass wir von der leichten Muse bis zur Hochliteratur, von der Pornographie bis zum lyrischen Werk alles gleichwertig präsentieren“, betont Schmidt. „Vieles wird in der allgemeinen Darstellung über Schwule und Lesben auf Partyleben, Erotik und Dating reduziert. Das sieht man auch an der Berichterstattung über die Regenbogenparade, da gibt’s dann viel buntes Treiben, nacktes Fleisch und schrille Vögel. Das alles ist natürlich ein wichtiger Aspekt der schwulen Emanzipation. Aber es gibt wesentlich mehr als das“, so Veit Schmidt.

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Zumal ein Buch lesbisch oder schwul sein kann, auch wenn der Mainstream es nicht als solches wahrnimmt. Der Tod in Venedig von Thomas Mann sei in dieser Hinsicht ein Klassiker. „Vor ein paar Jahren gab’s den Bestseller Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara – dass das ein kernschwules Buch ist, kam in keinem Feuilleton vor. Oder Königsallee von Hans Pleschinski, viel schwuler geht’s thematisch nicht. Das hat nur keiner gemerkt. In keiner Verlagsankündigung und in keiner Buchhandlung wurde das als schwules Buch verkauft“, erklärt der Buchhändler. Damit trifft Veit Schmidt auch einen Punkt, um den es den beiden Besitzern der Buchhandlung Löwenherz grundsätzlich geht. „Wir verstehen uns als Spiegel des lesbisch-schwulen Lebens und gleichzeitig als aktiver Teil der Community, der das Leben dieser Community mitgestaltet. Wir wollen ganz sicher nicht jemand sein, der einer Zielgruppe im kapitalistischen Sinn Bedürfnisse einredet. Es geht um das Sichtbarmachen und um das Entdecken, was mit einem schwul-lesbischen Leben gemeint sein könnte“, sagt Schmidt, dessen Buchhandlung auch für das literarische Kulturprogramm rund um die Europride 2019 in Wien zuständig ist.

In ihrer Nische fühlt sich die Buchhandlung recht wohl, wobei Schmidt betont, dass die Nische nicht sonderlich gut vor dem rauen Markt schütze, da die Klientel sich nicht verpflichtet fühle, ausschließlich in der Buchhandlung Löwenherz zu kaufen. „Das war früher noch anders. Da gab es Buchhandlungen in Wien, die sich geweigert haben, Bestellungen mit schwuler Literatur aufzunehmen. Damals sind die Leute natürlich dankbar zu uns gekommen.“

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Die Buchhandlung Löwenherz, deren Name auf die Legende von Richard Löwenherz und seinem Liebhaber Blondel zurückgeht, bietet neben der thematischen Fokussierung auf schwul-lesbische Literatur das Vollsortiment und den Service einer Grätzlbuchhandlung, Bücher können hier (bzw. online) bestellt und am nächsten Tag abgeholt werden. Und nachdem man sich mittlerweile einiges an Expertise erarbeitet hat, ist die Buchhandlung Löwenherz auch ein guter Geheimtipp für Bücher, die nicht auf Standardvertriebswegen erhältlich sind. Zudem punktet die Buchhandlung natürlich mit ihrem Spezial-Know-how. Wer auf der Suche nach einem schwulen Roman im Setting des Arabischen Frühlings oder nach einem nicht-trivialen Coming-out-Roman ist, dem kann hier geholfen werden. Darüber hinaus gibt es mittlerweile eine Kinderbuchabteilung, immer wieder werden auch Fortbildungsveranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer angeboten.

 

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In der Beratung verfolge man „keinen Bildungsauftrag. Wir sehen uns eher als eine Art Makler“, sagt Schmidt. „Ich glaube nicht an den Kanon oder das eine gute Buch, dass wir dem Kunden zu vermitteln haben. Wir wollen eher herausfinden, welches Buch gut für die Person in dem jeweiligen Moment ist und das kann nach zwei Wochen schon wieder ganz anders ausschauen. Meine Lieblingsbücher haben sich auch immer wieder geändert und wenn man Bücher ernst nimmt, kann man auch im Trivialen sehr viel Kluges finden.“ Ganz und gar nicht trivial wird es hingegen am 1. Februar 2018 in der Buchhandlung Löwenherz zugehen, wenn Michael Roes um 19:30 Uhr seinen neuen Roman Zeithain vorstellen wird. Der Eintritt ist frei.

get in contact: Buchhandlung Löwenherz – Berggasse 8, 1090 Wien – www.loewenherz.atbuchhandlung@loewenherz.atwww.facebook.com/buchhandlungloewenherz

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