Folio: Mittler zwischen den Kulturen

In Zeiten der wirtschaftlichen Krise sei Kultur unabdingbar, stellte Verleger Ludwig Paulmichl in einem Interview im Jahr 2012 fest. Sechs Jahre später gönnt sich der wirtschaftliche Ausnahmezustand zwar eine kleine Ruhepause, doch gesellschaftspolitisch schlittern die westlichen Demokratien nach wie vor unruhigen Zeiten entgegen. Wie steht es also im Jahr 2018 um den Stellenwert der Kultur? „Ohne Kultur schaffen wir es nicht. Wenn wir keine Kultur haben, dann zerfleischen wir uns übermorgen“, erklärt Paulmichl im Gespräch mit Books in Vienna (im Bild neben Marialuise Thurner, die bei Folio in Wien für die Pressearbeit zuständig ist). Aktuell sei es daher mehr denn je notwendig, über bloße Meinungen hinaus zu diskutieren. „Das ist eine hohe Kunst und das kann man nur, wenn kulturelle Überzeugungen da sind“, sagt Paulmichl, der 1994 gemeinsam mit seinem Kompagnon Hermann Gummerer den in Bozen und Wien beheimateten Folio Verlag gegründet hat.

folio_03Das Kennenlernen anderer Kulturen, das Einander näherbringen und die Förderung des gegenseitigen Verstehens stehen auch im Mittelpunkt der Transferbibliothek, die bei Folio in loser Reihenfolge Übersetzungen von südosteuropäischen Autorinnen und Autoren hervorbringt. 2016 erschien in dieser Reihe Vaters Land des slowenischen Autors Goran Vojnović, der sich in seinem Roman mit der Elterngeneration und ihren Taten und Erlebnissen während des Jugoslawienkrieges auseinandersetzt. „Goran zählt zu den ausgezeichneten und gestandenen Erzählern, von denen ich mir auch im deutschsprachigen Raum mehr wünschen würde“, sagt Paulmichl. „Er ist viel zu jung, als dass er die Geschehnisse des Jugoslawienskrieges aus eigener Erfahrung reflektieren hätte können. Aber er widmet sich der Thematik des früheren Jugoslawiens und seines Zerfalls in den 1990ern mit einem tollen analytischen historischen Blick“, schwärmt Paulmichl. Mit dem Aufspüren talentierter Autorinnen und Autoren in Südosteuropa sei natürlich einiges an Aufwand verbunden, hilfreich sei da ein Netzwerk aus guten Kontakten zu Übersetzern und Agenten, die die Autoren an Folio herantragen. Wiewohl klar ist, dass die Werke dieser Autoren „finanziell betrachtet nie ein Renner sind“, gibt Paulmichl zu bedenken.

folio_04Wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher gestalten sich da schon die italienischen Krimis im Programm von Folio. Als Verlag mit Sitz in Bozen ist man natürlich bestens mit unseren Nachbarn im Süden vernetzt. Großer Wert wird bei der Auswahl der italienischen Krimis darauf gelegt, dass diese auch die politische Geschichte des Landes und/oder die aktuelle Situation mitreflektieren. Während italienische Klischee-Kommissare gerne mal mit Mordopfern in venezianischen Gondeln oder Eifersuchtsmorden auf Capri zu tun haben, wird zum Beispiel in Die Nacht von Rom die organisierte Kriminalität Roms mit spürbarer Nähe zur Realität behandelt. Autoren wie Carlo Bonini (Journalist bei La Repubblica) und Giancarlo De Cataldo (Richter) sorgen mit ihrem Hintergrundwissen für eine spürbare Authentizität, die unter anderem dazu führte, dass Die Nacht von Rom von der Zeit 2016 mit der Aufnahme in die Liste der zehn besten Kriminalromane des Jahres geadelt wurde. „Ich finde solche Bücher sehr wichtig, denn da versteht man, wie es in Italien abseits der oft folkloristischen Krimikommissare tatsächlich läuft“, sagt Ludwig Paulmichl.

Bücher mit gesellschaftspolitischem Anspruch ziehen sich also durch das Programm von Folio, da machen auch die Krimis von Eva Rossmann keine Ausnahme. Und diese populären Bücher sind es auch, die dabei mithelfen, das Verlagsprogramm in seiner ganzen Breite bekannt und weniger breitenwirksame Titel wie Lyrikbände in die Buchhandlungen zu bekommen. „Lyrikbände werden zwar nur in Hundertschaften gerechnet“, so Paulmichl, „aber sie haben einen ganz hohen Stellenwert für die Literatur. Die Reflexion der Literatur geht nur über die Lyrik“, begründet Paulmichl.

Ganz sicher nicht mehr bekannt machen müssen Paulmichl und sein neunköpfiges Team den erstmals 1969 publizierten Südtirol-Klassiker Schöne Welt, böse Leut von Claus Gatterer. „Wer Südtirol und seine Geschichte ab dem ersten Weltkrieg verstehen will, ist beim Gatterer einfach am besten aufgehoben“, sagt Paulmichl. „Das ist eines der besten Südtirol-Bücher und das wird auch von vielen Touristen gelesen. Da wird man total umfassend informiert über den Übergang vom österreichischen zum italienischen, er hat das mitunter auch witzig aufbereitet und deshalb ist das Buch für alle so wunderbar nachvollziehbar.“

Und so kehrt das Gespräch am Ende nochmal zu einem der Kernanliegen von Folio zurück: der Mittlerfunktion zwischen den Kulturen. Ein Thema, das für einen (auch) in Südtirol beheimateten Verlag natürlich von besonderem Interesse ist. „In Südtirol weiß man sehr genau, dass durch den Wohlstand vieles unter den Teppich gekehrt wird. Kaum spitzt sich aber die wirtschaftliche Situation zu, schaut jeder nur noch auf Seines und es wird vieles ethnisch oder religiös argumentiert und zugespitzt.“ Im Nachhinein erkenne man oft, dass es sich dabei oftmals um ideologische Positionen handelte, die jenseits der ökonomischen Notwendigkeit geschürt worden sind. „Das hat man in Jugoslawien gesehen. Das sieht man jetzt in Ostdeutschland, wo nicht mehr diskutiert wird, sondern Dinge martialisch daherkommen und große Gefühlsausbrüche und großes Mitläufertum auftreten. Dabei ist dieses Verhalten einfach häufig Ausdruck für Sprachlosigkeit und Unsicherheit.“ Hört sich so an, als ob es in unserer gesellschaftspolitisch unruhigen Zeit noch eine Weile Kultur und Literatur brauchen wird. Umso beruhigender zu wissen, dass es Verlage wie Folio gibt, die sich diesen Anspruch auf die Fahnen geschrieben haben.

Folio ist zwischen 15. und 18. März 2018 auf der Leipziger Buchmesse vertreten (Halle 4, D 206).

get in contact: Folio Verlag – Schönbrunner Straße 31, 1050 Wien – www.folioverlag.comoffice@folioverlag.com

Fotos: Books in Vienna (Titelbild), Folio (2)

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