Buchhandlung Seeseiten: „Wir haben das einfach gemacht“

In neun Monaten von der Idee zur Buchhandlung: Johannes Kößler und Bettina Wagner haben 2015 in der Seestadt Aspern die Buchhandlung Seeseiten eröffnet. Im Interview mit Books in Vienna spricht Kößler darüber, was in der Seestadt gelesen wird, warum Buchhändler viel mehr auf das Programm von kleinen Verlagen achten sollten und wieso er vor jeder Lesung immer total nervös ist.

Wer sich mit Johannes Kößler in den Seeseiten trifft, bekommt schnell mit, dass dies mehr als eine bloße Buchhandlung ist. Dem zukünftigen Geschäftsnachbarn gibt Kößler zwischendurch Tischler-Tipps für dessen Inneneinrichtung, mit den Anrainern werden Pläne geschmiedet. Ansonsten wird gerne Schulklassen vorgelesen, man tauscht sich hier über Veranstaltungen oder Neuigkeiten im Grätzl aus. „Und wenn sich wer daheim ausgesperrt hat, kann er sich bei uns die Wartezeit vertreiben“, sagt Kößler. Die Buchhandlung solle bewusst ein offener Raum für das Grätzl sein, das seit 2009 in einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas am nordöstlichen Rand von Wien entsteht. Und Bücher gibt’s natürlich auch zu kaufen (und zu bestellen).

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2015, als die Buchhandlung gerade aufgesperrt hatte, erklärte Kößler in einem Interview mit der Wiener Zeitung, dass er bereits neugierig darauf sei, was die Leserinnen und Leser in der Seestadt für Lesepräferenzen haben werden. „Die Seestädter lesen nicht anders als die übrigen Wiener. Sie lesen aber mehr“, stellt Kößler drei Jahre später im Gespräch mit Books in Vienna fest. Eine Tatsache, an der er mit seiner Buchhandlung natürlich nicht ganz unschuldig ist.

Dass es überhaupt soweit kam, ist einem ehemaligen Nachbarn von Kößlers Partnerin in crime, Bettina Wagner zu verdanken. „Er war einer der ersten, der hier rausgezogen ist. Und er hat damals zur Bettina gesagt, dass es hier keine Buchhandlung gibt und dass das ja eigentlich gar nicht geht. Nachdem Bettina und ich schon vor Ewigkeiten gesagt haben, dass wir, wenn wir eines Tages groß sind, eine Buchhandlung aufmachen wollen, haben wir uns das also angeschaut. Und dann haben wir das halt einfach gemacht.“ Folgerichtig eröffnete neun Monate später Kößlers und Wagners Baby: die Buchhandlung Seeseiten, Wiens einzige Buchhandlung mit direktem Blick auf einen See.

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Und was lesen die Seestädterinnen und Seestädter nun so? „Im Moment sehr viel Arno Geiger, außerdem Kent Haruf und Bernhard Schlink. Im Weihnachtsgeschäft auch die üblichen Verdächtigen von Fitzek bis Brown. Was auch gern gekauft wird“, so Kößler, „ist der Johann Allacher. Das ist einer der nicht blutrünstigen aber sehr lustig schreibenden Krimiautoren, der taugt mir.“

In Zukunft, so hofft Kößler, werden sich die Seestädter vermehrt auch durch die vom Hitzinger Georg Thiel verfassten Seiten lesen. „Ich mag es irrsinnig gern, wenn ich beim Lesen überrascht werden und Georg Thiels neuer Roman Jud gehört definitiv in diese Kategorie“, so Kößler. „Er schreibt gleichzeitig witzig, ernst, schräg und beschäftigt sich inhaltlich bis ins Tiefste mit der österreichischen Seele und mit den dunklen und braunen Flecken dieser Seele. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.“ Thiels im Braumüller Verlag erschienener Roman steht für Kößler stellvertretend für eine Kategorie Bücher, die ihm besonders am Herzen liegt: nämlich jene, die bei kleineren Verlagen das Licht der Welt eblicken. „Zu unserer Verantwortung als Buchhändler gehört es, dass wir auf die kleinen Verlage achtgeben. Wie zum Beispiel Luftschacht, die machen großartige Bücher. Wir müssen aufpassen, dass man nicht in den immer selben Schienen bleibt, selbst wenn man das Gefühl hat, dass man auch noch die fünfzehn anderen Bücher eines großen internationalen Verlags lesen sollte.“

Auf seiner privaten Leseliste stehen bei Kößler, der in seiner Kindheit und Jugend großer Fan von Paddington war, zum Beispiel Michael Chabon, Jim Butcher oder der bereits weiter oben erwähnte Kent Haruf („Lied der Weite ist weltbewegend“). Von Harry Binghams Fiona-Krimis war Kößler äußerst positiv überrascht („ein Krimi, der vollkommen unter Wert gehandelt wird“). Auch Castle Freeman und Marlon James (Eine kurze Geschichte von sieben Morden) haben es Kößler angetan.

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Zu einer Begegnung der besonderen Art kam es im November 2016, als die Autorin Renate Welsh für eine Lesung in den Seeseiten vorbeikam. „Ihre Bücher habe ich schon in meiner Kindheit extrem gerne gelesen. Vor der Lesung war ich so nervös, das kann man sich nicht vorstellen.“ Auf die Frage, ob Kößler am betreffenden Abend mehr Buchhändler oder Fan war, kommt ein klares Statement: „Da gibt es keine Grenze, das ist ein fließender Übergang.“ Nervös sei er aber generell bei jeder Lesung. „Es ist einfach etwas Besonderes, wenn ein Autor zu Gast ist. Da nimmt sich jemand die Zeit und erzählt dir eine Geschichte. Du siehst dadurch andere Perspektiven und Welten, du lernst mit minimalem Aufwand etwas kennen, das du zuvor noch nicht gekannt hast. Das ist einfach wunderbar.“

Einfach nur Wunderbar muss man auch die Seeseiten finden. Und im Sinne der Seestädterinnen und Seestädter hoffen, dass die Buchhandlung noch sehr lange an der Janis-Joplin-Promenade für sie da sein wird. Geht es nach Johannes Kößler, gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. „Das ist mein Geschäft, ich muss nicht mehr woanders hin.“ Geschäftsnachbarn, KundInnen und Schulklassen werden dies mit Beruhigung zur Kenntnis nehmen.

Am 21. März 2018 (19 Uhr) liest Robert Misik in der Buchhandlung Seeseiten aus Liebe in Zeiten des Kapitalismus. Am 25. Mai (ab 17 Uhr) feiert die Buchhandlung ihren dritten Geburtstag mit u.a. Christoph & Lolo.

get in contact: Buchhandlung Seeseiten – Janis-Joplin-Promenade 6/5/EG/Top1, 1220 Wien – www.seeseiten.atwww.facebook.com/seeseiten

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