Literakt: Nackte Buchsachen

Das Buch beschreibt eine Art sentimentale Reise des Ich-Erzählers Elio in seine eigene Vergangenheit“, schreibt Tino über Ruf mich bei deinem Namen von André Aciman. Franz empfiehlt Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900 von Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner, insbesondere jenen, die „gerne Geschichten über fantastische Charaktere und wilde Begebenheiten“ lesen. Wenn man diese Sätze liest, könnte man literakt.com für einen ganz gewöhnlichen Blog mit Buchempfehlungen halten. Wenn da nicht die Sache mit den Nacktfotos wäre.

Drei Frauen stehen hinter dem in Wien geborenen Blog, zwei von ihnen, Hanna und Marion, trifft Books in Vienna in einer Altbauwohnung im Alsergrund im Frühjahr 2018 zum Gespräch. Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Blog (Untertitel: Wir werden von Büchern angezogen) kam den Damen im Spätsommer 2015, als man bei einem Bier im damals noch existenten Irrlicht im 15. Bezirk zusammensaß. „Wir sind alle kulturinteressiert, lesen gerne und wollten einfach gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Daraus entwickelte sich die Idee zu Literakt“, erzählt Hanna.

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Hanna, Marion und Katharina führen Literakt.com seit 2015, mit Hanna und Marion traf sich Books in Vienna zum Interview. Beim Fotoshooting verbargen sie ihre Gesichter. „Es geht auf unserem Blog nicht um uns“, begründet dies Marion. Alle drei sind auch selbst mit Literaturempfehlungen auf Literakt vertreten – allerdings unter anderem Namen.

Auf dem Blog (sowie den angeschlossenen Social-Media-Kanälen) präsentieren seither Menschen ihre ganz persönlichen Buchempfehlungen. Als Leitfaden dienen vier standardisierte Fragen, die laut Marion oftmals „sehr persönlich und entzückend beantwortet werden“. Und dazu gibt’s das bereits erwähnte Nacktfoto. Wobei, so ganz ganz nackt sind die Personen auf den Bildern auch wiederum nicht. Denn eine der Grundregeln lautet: „keine Genitalien“. Manche tragen Unterwäsche, andere verhüllen die verbotenen Stellen mit Tüchern oder – Büchern. Denn schließlich soll die Aufmerksamkeit den Büchern gewidmet werden. Deshalb, und um die Anonymität der Abgebildeten zu gewährleisten, wird auch darum gebeten, keine Gesichter auf den Fotos zu zeigen.

Buchempfehlungen sind für Hanna und Marion etwas „sehr Persönliches“, die manchmal auch etwas Intimes enthüllen können, deshalb spreche nichts dagegen, eine Buchempfehlung in Kombination mit einem Nacktbild abzugeben. „Es hat ein wenig gedauert, bis die bibliophile Zielgruppe gesehen hat, dass wir die Verbindung von Nacktheit und Büchern auf einer seriösen Basis angehen“, erklärt Marion. Seither wird die Plattform aber gut angenommen, über siebzig Fotos finden sich mittlerweile auf dem Blog. „Natürlich wird es Menschen geben, die sich nur die Bilder anschauen, aber für die meisten macht der Reiz von Literakt die Kombination aus Nacktheit und Büchern aus.“

Zu Beginn haben die drei im Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, „das erste Foto kam von meiner damaligen Mitbewohnerin“, erinnert sich Marion. Schritt für Schritt, vor allem dank Mundpropaganda, wuchs die Fotosammlung an. Die erste Fremdeinsendung folgte im Januar 2016 („Barbara & der Meister“). Zum WordPress-Blog gesellten sich bald ein Twitter- und Instagram-Account hinzu. Vor allem für Letzteren mussten die Macherinnen ihre eigenen Grenzen nochmals schärfen, denn US-Amerikanische Medien sind nicht für ihre Freizügigkeit bekannt. „Nippel von Frauen müssen verpixelt werden, Hintern mindestens mit Tanga bekleidet sein“, umschreibt Marion die dadurch entstehenden zusätzlichen Anforderungen.

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Auch internationale Beiträge finden sich auf Literakt.com, zum Beispiel aus Mexiko und Indien. „Mittlerweile folgen uns auf Instagram auch einige indische Accounts, wir dürften dort also eine kleine Literakt-Fanblase haben“, freut sich Hanna. Im Bild: Die Buchempfehlung von Kaspara aus Mumbai, Bildcredit: literakt.com

Für die Macherinnen von Literakt steht die Freude an der Sache im Mittelpunkt. „Wir wollen einfach eine anziehende Plattform für Leseempfehlungen machen. Und man merkt den Fotos und Texten an, dass die Menschen Spaß daran haben, manche geben sich irrsinnig viel Mühe damit. Es ist echt toll, das zu beobachten“, sagt Hanna. Diskussionen, ob ein Foto veröffentlicht werden soll oder nicht, hat es bisher noch keine gegeben. „Wir kommunizieren unsere Regeln sehr transparent, alles andere ist eine Frage des Geschmacks“, erklärt Marion. Und der sei eben verschieden, sowohl was Bücher als auch was Körper und deren Inszenierung betreffe. No-Go’s sind lediglich rassistische oder sexistische Inhalte, „aber wir greifen natürlich nicht ein, nur weil ein Foto vielleicht mal nicht professionell belichtet ist“. Schwierig verhält es sich dagegen mit Spiegelselfies, die laut Stellungnahme auf dem Blog unerwünscht sind. Was dahinter steckt? „Das ist schwer zu begründen“, erklärt Hanna. „Vielleicht liegt es daran, dass man sich mit dem Prozess des Fotografierens anders auseinandersetzt, wenn man einen Selbstauslöser betätigen muss oder eine zweite Person zum Fotografieren involviert ist. Man muss sich dann einfach bewusster mit dem Setting auseinandersetzen“, erklärt die Germanistin. Wobei die Kombination aus Spiegel und Selfie kein absoluter Ausschlussgrund ist, „wenn jemand ein cooles Spiegelselfie mit Buch macht, immer her damit!“ Oder, man macht es so wie der eingangs erwähnte Tino bei seiner Empfehlung von Ruf mich bei deinem Namen: Das Buch in der einen Hand und mit der anderen Hand hält er eine Packung Haribo Pfirsiche vor sein bestes Stück. Warum es ausgerechnet Pfirsiche sind? Das erfährt man in Tinos Buchempfehlung auf Literakt.com.

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Credit Titelbild: Franz & das andere Wien, Literakt.com

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