Bücherstube Baumann: Zu Besuch in der Schatzkiste

Wenn in den 1970ern ein Wirtschaftsstudent mit seinem Porsche in zweiter Reihe vor der Bücherstube Baumann in der Gymnasiumstraße parkte und sich in der Buchhandlung einen Rabatt auf ein Buch erschnorren wollte, dann konnte er sich auf etwas gefasst machen. „Mein Vater hat die echt leiden lassen und ihnen einen zwanzigminütigen Vortrag gehalten, was die Rabattfragerei kulturpolitisch bedeutet“, erinnert sich Daniela Baumann. Vierzig Jahre später sind Rabatte auf Bücher (in der Regel) genauso Geschichte wie die ehemals am nahen Währinger Park beheimatete Hochschule für Welthandel.

baumann04Mit der Absiedlung der späteren Wirtschaftsuniversität in den 1980ern in die Althanstraße wandelte sich auch das Publikum in der Bücherstube – und damit auch das Sortiment. Aus einer Wirtschaftsbuchhandlung wurde eine Buchhandlung mit Allgemeinsortiment, das schnell von der Bevölkerung im angrenzenden Cottageviertel geschätzt wurde. 1989 stieg Daniela Baumann in die Buchhandlung ihrer Eltern ein, nachdem sie zuvor in mehreren Buchhandlungen in Deutschland gewerkt hatte. „Das Leben einer Buchhändlerin war mir quasi in die Wiege gelegt. Es war mir aber zu steil, von der Wiege bis zur Bahre nur eine Sache zu machen, also habe ich zwischendurch noch Germanistik in Wien studiert“, erzählt Baumann im Gespräch mit Books in Vienna. Das Studium konnte aber schließlich nichts daran ändern, dass sie doch wieder in einer Buchhandlung landete. Und in was für einer.

baumann01Die Bücherstube trägt ihren Namen nicht ohne Grund. Wer auf Wikipedia das Wörtchen Stube nachschlägt, erfährt, dass eine Stube in früheren Zeiten „insbesondere im Winter der Hauptaufenthaltsort von Hausbewohnern“ war. Wenn also Theresa Öhler, die seit fünf Jahren in der Bücherstube arbeitet, davon spricht, dass die Buchhandlung ein Grätzltreffpunkt für die Umgebung ist, bekommt man ein Gefühl dafür, dass die Bücherstube Baumann mehr ist, als ein Buchnahversorger. „Es soll einfach ein schöner und netter Ort sein, an dem man gerne vorbeischaut, wo man miteinander ins Gespräch kommen kann“, so Öhler. Also quasi wie eine gemütliche und wohligwarme Stube für das Grätzl. Es ist nicht überliefert, ob Vater Baumann geahnt hat, welch zusätzliche Funktion sein Geschäft eines Tages haben wird, als er den Namen in Erinnerung an seine Lehrzeit bei der Bücherstube am Dom in Köln wählte.

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Durch eine Tratscherei an diesem schönen und netten Ort entstand auch die Idee zu jenen Lesungen, mit denen sich die Bücherstube in der Zwischenzeit einen guten Ruf erarbeitet hat, auch über das eigene Grätzl hinaus. Liest in der Gymnasiumstraße wieder mal ein prominenter Schauspieler, Autor oder anderer Künstler, platzt die Bücherstube aus allen Nähten. „Die Leute müssen dann sogar im Schaufenster sitzen“, sagt Baumann. Die Idee dazu entstand, als man mit einem Nachbarn ins Gespräch gekommen war, der über gute Kontakte in die Künstlerszene verfügt. Und nachdem bei einer Lesung gerne mal mehrere Sinne angesprochen werden können, bereichert besagter Nachbar – samt Familie – die Veranstaltungen auch gleich mit seinen afrikanischen Kochkünsten. „Bei der Lesung mit Ferdinand Schmalz im vergangenen Jahr hat seine Mutter für uns phantastische Rindfleischspießchen und Teigbällchen à la Africaine gekocht, dazu gab’s Reggae Musik“, schwärmt Daniela Baumann noch heute. Genauso wie von der Lesung mit Nikolaus Habjan und seiner Oskar-Werner-Puppe, „die Lesungen machen einfach immer total viel Spaß“.

Veranstaltungen wie diese helfen der Bücherstube dabei, die „wirklich schlechte Lage“ zu kompensieren. Außerdem „hätscheln wir unsere Kunden natürlich nach Strich und Faden“, betont Baumann. Und mit der ehemals im Nachbarhaus tätigen Tierärztin Bettina Niemetz hat man eine Hunde- und Tierexpertin im Team, die sich nicht nur mit der einschlägigen Literatur auskennt, sondern obendrein auch noch die passenden Hundebeziehungstipps geben kann. Neben Literatur rund um Tiere punktet die Bücherstube zusätzlich mit Kinderbüchern. Vor allem für die Altersgruppe der null- bis zehnjährigen laufe die Nachfrage sehr gut. „Danach fängt es an, schwierig zu werden“, sagt Baumann und meint damit vor allem die elektronische Konkurrenz, allen voran das Smartphone. Um die älteren Kinder und Jugendlichen für das Lesen zu interessieren, kooperiert die Bücherstube mit einer nahegelegenen Schule. Die Schülerinnen und Schüler (und natürlich nicht nur die) können für die Buchbestellung eine eigens eingerichtete WhatsApp-Hotline nutzen. „Viel bequemer kann man den Leuten ihre Buchbestellung eigentlich nicht mehr machen“, sagt Baumann. 

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Und dann sei man schließlich auch noch eine „Fundgrube für ganz viele alte Bücher, die es sonst nicht mehr gibt“, erzählt Theresa Öhler. Schließlich könne ein Buch auch dann noch gut sein, wenn es schon ein paar Jahre in einem Buchhandlungsregal auf dem Buckel hat. „Wir ramschen nicht automatisch und deshalb kann man bei uns sehr gut schmökern“, betont Daniela Baumann. „Erst heute habe ich ein Buch verkauft, das seit 2007 bei uns stand. Wüstentage von Klaus Reichert, das hat ein Kunde mit seinem Adlerauge entdeckt und sich sehr darüber gefreut. Wir sind hier ein bisschen wie eine Schatzkiste“, sagt Baumann.

Und so hat der Besucher, als er die gemütliche Stube in der Gymnasiumstraße mit ihren verwinkelten und verschachtelten Regalen wieder verlässt, tatsächlich das Gefühl, aus einer reichgefüllten Schatzkiste hinaus in die (im Frühjahr) zugige Realität zu treten. Und er kann die Worte von Theresa Öhler ganz gut nachvollziehen, die sie gegen Ende des Gesprächs, fast nebenbei, fallen lässt: „In den fünf Jahren, in denen ich hier arbeite, habe ich noch keinen Tag erlebt, an dem ich mich in der Früh nicht gefreut hätte, hierherkommen zu dürfen.“

Wer sich selbst ein Bild von der Bücherstube Baumann machen möchte, hat dazu u.a. am 26. Mai 2018 Gelegenheit, wenn Marie Luise Stockinger aus Herta Müllers „Niederungen“ liest. Anmeldung per E-Mail erbeten.

get in contact: Bücherstube Baumann – Gymnasiumstraße 58 (19. Bezirk) – www.buecherstube.bizbuecherstube.baumann@chello.at – Die Bücherstube auf Facebook und Instagram

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