Yellow: Von Luisa, Lonny und einer Buchhandlung, in der man alles findet

Der Konzertmitschnitt des Michel Petrucciani Trios im Audimax der TU Wien aus dem Jahr 1985 läuft bereits seit einigen Minuten auf Ö1, als Books in Vienna die Buchhandlung Yellow im neunten Bezirk betritt. Luisa sitzt wie immer lässig auf ihrem Sessel, rund um sie herum wird eifrig in Buchregalen gestöbert und hinter der Theke verrichtet Inhaber Fred Seitinger seinen Dienst als Buchhändler.

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„Viele Menschen horten Krimis daheim, bis sie ein Platzproblem bekommen. Dann kommen sie zu mir“, sagt Buchhändler Fred Seitinger, der im Yellow auch Secondhand-Bücher im Angebot hat.

Von Luisa wird später noch die Rede sein, zuerst nehmen Interviewer und Inhaber am kleinen Kaffeehaustischchen Platz und unterhalten sich über die Buchhandlung, die seit 1997 in der Garnisongasse residiert. Seit Beginn an ist er mit an Bord, erst als Angestellter, ab 2000 dann als Besitzer. In seine Rolle als Buchhändler sei er „ein bisserl reingerutscht“, erklärt Seitinger.

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Den Namen der Buchhandlung übernahm Seitinger von den Vorbesitzern.

Die Buchhandlung verdankt ihren Namen den so genannten Yellow Pages, in denen man quasi alles findet. Den Namen hat Seitinger auch nach seiner Amtsübernahme belassen, „da er schon allgemein bekannt war“. Alles findet man bei Yellow zwar nicht, aber doch schon recht viel. Schon seit seiner Gründung bietet Yellow sowohl gebrauchte Taschenbücher als auch Neuerscheinungen an. Waren Ende der 90er Hardcover-Novitäten bei Yellow noch tabu, findet man auch diese mittlerweile in Seitingers Buchhandlung. Besonders stark nachgefragt sind philosophische und kulturgeschichtliche Bücher, die Nähe zur Hauptuni Wien und zum Uni Campus mag da nicht ganz unschuldig dran sein. „Vor allem bei den philosophischen Neuerscheinungen achte ich darauf, dass ich gut sortiert bin, aber die meisten Kundinnen und Kunden kommen schon eher wegen den gebrauchten Büchern“, sagt Seitinger. Die Kundschaft besteht großteils aus Anrainern und Studierenden, im Lauf der Jahre sei vor allem bei Letzteren ein verändertes Leseverhalten zu bemerken gewesen. „Früher haben Studenten noch Einführungsbücher oder Standardwerke gekauft, das ist in letzter Zeit sehr zurückgegangen“, blickt Seitinger zurück.

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Hardcover-Novitäten findet man bei Yellow mittlerweile genauso, vom strikten „Taschenbuch only“-Gedanken hat sich Seitinger verabschiedet.

Trotz des auch allgemein zurückgegangenen Interesses für Bücher macht sich Seitinger keine Sorgen um seine Buchhandlung, insbesondere Grätzlbuchhandlungen traut er aufgrund ihrer sozialen Treffpunktfunktion zu, noch sehr lange zu bestehen. Wie zum Beweis kommt zwischendurch ein Kunde herein, der sich eine Fahrradpumpe von Seitinger ausborgt. Und auch die bereits eingangs erwähnte Luisa trägt ihren Teil zum Florieren von Yellow bei. Luisa posiert Tag und Nacht in Seitingers Buchhandlung und sorgt dafür, dass sich kein Kunde alleine vorkommen muss. Die Schaufensterpuppe sitzt fast so lange im Yellow, wie es die Buchhandlung gibt. „Sie hat einen Fehler in den Fingern, deswegen haben wir sie damals günstig bekommen“, erklärt Seitinger. „Die Idee dahinter war, dass das Geschäft einladender wirkt, wenn jemand außer dem Besitzer drinnen sitzt. Als Kunde hat man ja vielleicht eine gewisse Hemmung, einen kleinen Laden zu betreten, weil die Anonymität eines großen Geschäfts fehlt.“ Mittlerweile gehört Luisa zum Inventar dazu, wie sie zu ihrem Namen kam, weiß Seitinger allerdings nicht mehr. Dafür verrät er, dass es neben Luisa früher auch noch eine männliche Puppe namens Lonny gab. „Aber der ist so breitbeining dagesessen, das hat sich nicht geschickt“, erklärt Seitinger, warum Luisa mittlerweile zum Singledasein verdammt ist.

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Luisa ist wohl die bibliophilste Schaufensterpuppe der Stadt.

Neben einer wirklich großen Taschenbuchauswahl und einer Schaufensterpuppe hat Yellow guten italienischen Wein (wird auch bei Lesungen kredenzt) und einen (aufgrund der tropfenden Kanne leider nicht mehr funktionierenden) Samowar zu bieten. Dazu sorgt Ö1 im Hintergrund für eine angenehme, nicht zu aufdringliche, Geräuschkulisse. Und natürlich gibt’s da noch den tollen dunklen Lesesessel, den Seitinger vor einiger Zeit in einem Geschäft in der Wasagasse erstanden hat. „Wenn man zwei Stunden in ihm rumlümmelt, ist er leider irgendwann nicht mehr so gemütlich“, erzählt Seitinger. Deshalb passe er ausgezeichnet in eine Buchhandlung, „schließlich will niemand zwei Stunden hier sitzen und lesen.“

Wenn sich Fred Seitinger da mal nur nicht täuscht, denkt sich der Autor dieser Zeilen, als er sich aus der Buchhandlung in der Garnisongasse verabschiedet. Im Hintergrund erklingen auf Ö1 die letzten Töne von Michel Petrucciani. Und wenn nicht schon der nächste Termin im nahen Stadtkind gewartet hätte, wer weiß, man hätte es sich vielleicht noch ein bisschen im Lesesessel gemütlich machen können.

get in contact: Yellow Books – Garnisongasse 7 (9. Bezirk) – buch@yellow-taschenbuecher.at

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