Volkshochschularchiv: Bibliothek mit persönlicher Note

Es sind die persönlichen Dinge, die Daniela Savel besonders interessant findet. Erinnerungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Beispiel, die einen Kurs oder eine Veranstaltung der Volkshochschule besucht haben. „Das zeigt, wie die Atmosphäre damals war, was sie gelernt haben und was sie mit dem in der Volkshochschule Erlernten machen konnten“, erzählt Savel im Gespräch mit Books in Vienna.

Finden kann man diese persönlichen Erinnerungen in Jubiläumsschriften und Jahrbüchern, die im Archiv und in der Bibliothek des Österreichischen Volkshochschularchivs gehegt und gepflegt werden. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva Lukas kümmert sich Savel um die Bibliothek, die im VHS-Standort in der Großfeldsiedlung, im Norden von Wien, untergebracht ist.

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Die Geschichte des Lesens und die Auseinandersetzung mit Büchern reicht in einer Erwachsenenbildungsinstitution wie den Wiener Volkshochschulen naturgemäß lange zurück. Das Volkshochschule Ottakring verfügte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts über eine eigene „Lesehalle“ und mehrere nach Themen strukturierte Fachbibliotheken. Ähnlich wie auch bei der Bibliothek der Arbeiterkammer fand diese Bibliothek jedoch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 ein jähes Ende. Noch heute kehren immer wieder Bücher, die 1938 aus den Beständen in Ottakring verschwunden sind, unter anderem über die Stabstelle für NS-Raub- und Beutegut an der FU Berlin zurück nach Wien.

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Zeitschriftenlesehalle des Wiener Volksbildungsvereins im damaligen Volksheim Ottakring, 1905

Fünfzig Jahre später, die Wiener Volkshochschulen feierten im Dezember 1987 ihr 100-Jahr-Jubiläum, machte man sich daran, die eigene Geschichte im Rahmen einer Ausstellung im Wiener Rathaus zu präsentieren. „Nach der Ausstellung stellte man sich dann natürlich die Frage, was man mit den ganzen zusammengetragenen Materialien macht. Das war dann die Geburtsstunde des Archivs“, erzählt Savel. Gesammelt wird seither nach einem Dokumentenabgabeplan. Das heißt, die über ganz Österreich verteilten Volkshochschul-Standorte liefern regelmäßig Kursprogramme, Plakate und andere Druckwerke ab. Hinzu kommen historische Bestände, die im Lauf der Zeit in einzelnen Standorten aufgetaucht sind. So findet sich im Archiv in der Großfeldsiedlung zum Beispiel auch die beeindruckende Lichtbildersammlung der Urania Wien. Um die gesammelten Archivmaterialien der Wiener Volkshochschulen im Kontext beurteilen zu können, braucht es aber natürlich auch Literatur. Der Kern der Bibliothek geht auf die Studienbibliotheken zurück, die die beiden Erwachsenenbildner Wolfgang Speiser und Karl Stadler dem VHS Archiv überlassen haben. Die Schwerpunkte in der Sammlung liegen thematisch naturgemäß in der österreichischen und internationalen Erwachsenenbildung (zum Beispiel Standardliteratur von Wolfgang Speiser und Wilhelm Filla), dazu Bestände aus Kultur- und Zeitgeschichte sowie zahlreiche Bibliographien und Statistiken. Katalogisiert sind derzeit rund 30.000 Bücher, hinzu kommen weitere 15.000 Titel, die noch auf ihre Katalogisierung warten. Aus einem einzigen Kellerraum, den die Bibliothek zu Beginn ihr Eigen nannte, sind so in der Zwischenzeit neun Magazinräume und drei Abteilungen geworden. Genutzt wird die Bibliothek hauptsächlich von Studierenden, die hier für ihre Forschungsprojekte oder ihre Abschlussarbeiten recherchieren. „Viele wissen zu schätzen, dass man die Archivalien hier im Kontext betrachten und dazu forschen kann“, so Savel. Werke werden nur in Ausnahmefällen verliehen, zum Beispiel als Leihgabe für eine Ausstellung. „Ansonsten führen wir eine Präsenzbibliothek. Jeder, der hier etwas recherchieren möchte, soll die Literatur tatsächlich auch vorfinden“, betont Daniela Savel.

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Der Bestand wird laufend erweitert, erst vor kurzem wurde in Folge einer Pensionierung eine Dienstbibliothek an das VHS Archiv übergeben. „Das waren rund fünfzig Umzugskartons voll mit Büchern. Um das zu erfassen und zu katalogisieren, benötigen wir ungefähr einen Monat“, erzählt Eva Lukas. Schließlich muss jedes einzelne Buch in die Hand genommen werden, selbst wenn man aus der Datenbank heraus weiß, dass es eine Dublette ist. „Denn manche Menschen haben die Angewohnheit, Notizen auf Post-Its oder thematisch passende Zeitungsartikel in den Büchern zu hinterlassen. Auch Widmungen werden gesondert behandelt, solche Bücher werden in einem eigenen Magazin aufbewahrt, selbst wenn bereits ein Exemplar dieses Buchs in der Bibliothek vorhanden ist“, gibt Lukas einen Einblick. Und dann gibt es schließlich noch eine eigene Schachtel in einem Kellermagazin, in der sich allerlei besondere Fundstücke finden. Reisepass-Kopien gehören dazu, aber auch alte Straßenbahn- und Zugtickets. Genauso wie zum Beispiel ein zerknitterter Zettel, der einstmals als Einkaufsliste gedacht war: Debreziner und Geschirrspülmittel sind darauf vermerkt. „Alles kleine persönliche Dinge, die sich perfekt als Lesezeichen eignen“, stellt Eva Lukas abschließend fest.

get in contact: Österreichisches Volkshochschularchiv – Veranstaltungszentrum Großfeldsiedlung, Kürschnergasse 9, 1210 Wien – http://archiv.vhs.atoffice.archiv@vhs.at

Fotos: Books in Vienna (3), VHS Archiv

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