Buchhandlung Anna Jeller: Wo Kundschaft und Chefschaft gut zusammenpassen

In der Buchbranche gelandet ist Anna Jeller, weil sie sich eines Tages in eine Buchhandlung im 4. Bezirk verschaut hat. „Ich war Kundin und der Ort hat es mir angetan. Es hat ausgesehen wie in einer Kafka-Verfilmung“, verriet sie vor zwei Jahren dem Magazin Datum. Vierzig Jahre später leitet Anna Jeller selbige Buchhandlung in der Margaretenstraße. Und das nicht ohne Erfolg.

Es waren noch andere Zeiten, als Jeller Ende der 70er in der Buchbranche begann. „Früher hat es gedruckte Kataloge des Verzeichnisses der lieferbaren Bücher gegeben. Hat man ein Buch bestellen wollen, das man nicht lagernd hatte, hat man im Verzeichnis nachgesehen und anschließend den Lieferanten angerufen oder ihn angeschrieben. Man musste als Buchhändler also noch Bibliographieren können“, erzählt Jeller im Gespräch mit Books in Vienna. Diese Zeiten waren spätestens mit dem Siegeszug des Internets vorbei, der unter anderem zu einer veränderten gesellschaftlichen Mentalität geführt habe, die Jeller mit einem Satz auf den Punkt bringt: „Ich will das jetzt sofort und wenn ich das nicht bekomme, bin ich tödlich beleidigt und gehe zu Amazon.“ Eine solche Einstellung habe es früher nicht gegeben, ja nicht geben können. „Da hat man halt ein paar Tage gewartet, bis das Buch in der Buchhandlung angekommen war. Aber unterm Strich sind die Menschen genauso zu ihren Büchern gekommen“, so Jeller.

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Anna Jeller veröffentlicht ihre Buchtipps nicht nur auf ihrer neugestalteten Website www.annajeller.at, sondern auch in ihrer wöchentlichen Radiokolumne bei Superfly.fm 

Das Internet führte auch zu einem anderen Effekt, der die Deutungshoheit des Buchhändlers in Frage stellte. „Die Hoheit über die Informationen hat sich heute demokratisiert, was grundsätzlich ja nicht negativ ist“, erklärt Jeller. „Aber heute stehen die Leute mitunter in meiner Buchhandlung, mit einem Buch in der einen und ihrem Handy in der anderen Hand, und lesen sich irgendwelche Rezensionen zum betreffenden Buch durch. Wenn man sie dann anspricht und ihnen die Beratung einer Fachkraft anbietet, sind sie oft ganz erstaunt.“ So wie es online Rezensionen über Bücher gibt, finden sich natürlich auch Erfahrungsberichte über Geschäfte. „Frau Jeller ist streng wie jede Expertin, trifft aber bei ihren Empfehlungen auch in schwierigen Fällen immer ins Schwarze“, schreibt zum Beispiel ein User über die Buchhandlung in der Margaretenstraße. Mit einer solchen Einschätzung kann sich Jeller durchaus anfreunden, „das nehme ich als Kompliment, ich bin ja auch streng.“ Wie sich das äußert? „Hier gelten halt meine Regeln. Ich treffe eine straffe kuratierte Vorauswahl für das Sortiment. Und zum anderen ermahne ich schon mal Kunden, die in meinem Geschäft ein Buch nicht richtig in die Hand nehmen und weise sie darauf hin, dass es im verkäuflichen Zustand bleiben soll.“

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Der Stuck, die dunklen Regale und der Fußboden waren schon da, als Anna Jeller die Buchhandlung 1985 übernommen hat. „Wir haben damals alles so adaptiert, dass es zu dieser seit 1947 bestehenden Alten Dame passt.“

Regeln, die ihre zahlreichen Stammkunden offensichtlich zu schätzen wissen. Bei Anna Jeller finden sie ein wohlausgesuchtes Sortiment vor, das nicht die aktuellen Bestseller in den Vordergrund stellt, sondern Bücher aus der zweiten oder dritten Reihe, die man woanders vielleicht vergeblich sucht. Hinsichtlich ihrer Buchauswahl gebe es kein allgemeingültiges Rezept. Damit ein Buch auf dem Verkaufstisch bei Anna Jeller landet, muss es nicht unbedingt aus einem großen Verlagshaus kommen. Sehr wohl muss es ordentlich gemacht sein und „es ist kein Schaden, wenn vor allem das Cover schön gestaltet ist.“ Natürlich spiegelt sich im Sortiment auch Anna Jellers persönlicher Geschmack wieder, der decke sich aber in der Regel mit jenem ihrer Stammkundinnen und Stammkunden, „Kundschaft und Chefschaft passen ganz gut zusammen, würde ich meinen.“

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Seit 1985 führt Anna Jeller die Buchhandlung in der Margaretenstraße

Bekanntheit (und neue Stammkunden) hat Anna Jeller unter anderem durch ihre wöchentlichen Buchtipps auf Radio Superfly.fm erlangt. „Da sind schon einige Neugierige in die Buchhandlung gekommen, die sich mal das Gesicht zur Stimme anschauen wollten.“ Die Bücher für die Tipps sucht Jeller danach aus, ob ihr ein Buch gefallen hat und ob es für die Zielgruppe des Senders geeignet ist. Zurufe von außen werden nicht entgegengenommen, „ich bin bei der Auswahl vollkommen autark in meiner Entscheidung.“ Zuletzt legte Jeller den Hörerinnen und Hörern Wächter der See von R.G. Grant ans Herz. Vor knapp einem halben Jahr empfahl sie Siebzehnter Sommer von Maureen Daly. Für Jeller ein besonderes Buch, denn sie hat den Roman aus den 1940er Jahren in ihrem extra dafür gegründeten Verlag herausgebracht. So wurde sie kurzerhand auch zur Verlegerin. „Ich wollte dieses Buch unbedingt herausbringen und das hat bei anderen Verlagen aus unterschiedlichsten Gründen nicht funktioniert. Also habe ich mir gedacht, wenn es niemand macht, dann mache ich es halt selbst.“ Ihre Hartnäckigkeit machte sich bezahlt, Siebzehnter Sommer stieß auch in Deutschland auf breites Interesse. Und so gibt es bereits neue Pläne für ihre Edition, „über ungelegte Eier“ wollte Anna Jeller im Rahmen des Interviews jedoch noch nicht sprechen. Wem die Zeit bis zum Erscheinen des zweiten Buchs der Edition Anna Jeller zu lange ist, dem sei ein Besuch in der Margaretenstraße 35 empfohlen. Er/Sie wird bei dieser Institution des Wiener Buchhandels nicht enttäuscht werden.

 

get in contact: Buchhandlung Anna Jeller – Margaretenstraße 35 (4. Bezirk) – www.annajeller.at – Anna Jeller auf Facebook

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