Edition Atelier: „Haltung zeigen!“

Es ist ziemlich kalt an diesem Januartag in Wien, an dem ich mich zum alljährlichen Books in Vienna-Jahreseröffnungsgespräch im Büro der Edition Atelier einfinde. Zum ersten Mal findet die Unterhaltung in der gemütlichen Bibliothek des Verlags statt. In einer Ecke steht ein bis zur Decke des Altbauzimmers reichendes Regal mit den gesammelten Titeln des Verlags. Gegenüber nimmt ein schwarzes Regal mit Büchern, einer Schreibmaschine und anderen Utensilien die komplette Wand ein. Dazwischen sitzen Sarah Legler und Jorghi Poll von der Edition Atelier auf Holzsesseln. Dem Blogger wurde die bequeme Couch überlassen, aus der er – auch dank der vorzüglichen Versorgung mit Kaffee und Mehlspeisen – fast zwei Stunden nicht mehr aufstehen sollte.

Der letztjährige Blogbeitrag über die Edition Atelier trug die literarische Begeisterung der VerlagsmitarbeiterInnen im Titel. Eine Begeisterung, die im nun abgelaufenen Jahr 2018 so manche Früchte trug. So hat es Die vier Weltteile, der Roman von Hanno Millesi, auf die Longlist des Österreichischen Buchpreises sowie auf diverse Bestenlisten (u.a. ORF und SWR) geschafft. Der Roman wurde breit in den Feuilletons besprochen, wenngleich nicht immer deckungsgleich mit der Erwartungshaltung des Verlags. „Wenn man durch die Geschichte im Museum und den Bildungsroman durchdringt, hat sein Roman noch eine zweite, ganz wesentliche Komponente“, erzählt Jorghi Poll. „Das konservative Bürgertum bekommt durch die Gemäldeschau im Buch sein eigenes humanistisches Weltverständnis gespiegelt. Diese Gesellschaftskritik ist mir in manchen Rezensionen ein bisschen abgegangen. Das hat mich ein wenig überrascht“, so Poll.

website edition atelier screenshot
Seit Dezember 2018 erstrahlt die Website der Edition Atelier im neuen Layout. Nicht die einzige Neuerung, denn mit Laila Youssef kümmert sich seit dem Vorjahr ein bekanntes Gesicht aus der Branche (Buchhandlung tiempo nuevo) um die Presse- und Veranstaltungsagenden der Edition Atelier.

Überrascht waren Legler und Poll im vergangenen Jahr auch von Resonanz und Erfolg von Warum Feiern und Flüchtiges Glück. Ersteres ist eine Anthologie zu 100 Jahre Frauenwahlrecht, die sich auch in Deutschland einiger Beachtung erfreute. Und auch die Sozialreportagen von Else Feldmann, in der Zwischenkriegszeit Redakteurin der Arbeiter-Zeitung, wurden breit und positiv rezensiert. Die Idee zur erstmaligen Veröffentlichung ihrer Reportagen hatte mit Adolf Opel einer der bedeutenden Herausgeber der Edition Atelier, der leider im vergangenen Jahr verstorben ist. „Das war ein großer Tiefpunkt für uns. Er hat das Flüchtige Glück noch kurz vor seinem Tod im Krankenhaus durchgesehen“, erzählt Jorghi Poll. „Er hat uns viele wichtige AutorInnen und Werke zugänglich gemacht, wie zum Beispiel die beiden Lina Loos-Bücher“, ergänzt Sarah Legler. Abgesehen von seinem Wissen und seinem breiten AutorInnen-Netzwerk sei er jemand gewesen, der sich leidenschaftlich mit Büchern und AutorInnen auseinandergesetzt habe. Auch die von ihm herausgegebenen Werke haben dazu beigetragen, dass sich die Edition Atelier mit ihren Wieder- oder Erstauflagen von österreichischen AutorInnen des 20. Jahrhunderts zusätzliches Renommee erarbeiten konnte.

„Elektrisierende Wiederauflagen“

„Insbesondere in den 1920ern gibt es viele Überschneidungen mit gesellschaftspolitischen Themen, die uns auch heute noch beschäftigen. Das macht diese Wiederauflagen für uns so elektrisierend und interessant“, erklärt Poll. Trotz Digitalisierung und Globalisierung hätten sich die Problemfelder des menschlichen Zusammenlebens nicht großartig geändert. In Else Feldmanns Reportagen gehe es viel um Arbeitnehmerschutz und Streiks, „das ist heute genauso aktuell wie damals. Das gleiche gilt für das Thema Kinderarmut – Stichwort Mindestsicherung“, sagt Poll. Die Frage, ob es für gesellschaftspolitisch engagierte VerlegerInnen nicht desillusionierend sei, wenn trotz aller vorhandener Literatur über die Probleme dieser Welt, sich im Laufe der Jahrzehnte (zu) wenig zum Positiven verändere, bejaht Sarah Legler. „Aber Bücher herauszubringen, die diese Themen ansprechen, das ist halt das einzige was wir machen können. Wir müssen Haltung zeigen und gemeinsam mit den AutorInnen versuchen, trotzdem etwas zu ändern.“

„Einer der wahrscheinlich besten Exilromane überhaupt“

Dieser inhaltliche Schwerpunkt spiegelt sich auch im aktuellen Frühjahrsprogramm des Verlages wider. Mit der Veröffentlichung von Die Ahnenpyramide startet die Edition Atelier die Neuauflage der wichtigen Buchtrilogie der aus Mähren stammenden Autorin Ilse Tielsch. „Die Autorin wird heuer neunzig Jahre alt und ist eine wichtige Zeitzeugin mit einem wachen Bewusstsein, die viel erlebt und zu sagen hat“, gerät Sarah Legler ins Schwärmen. „In persönlichen Gesprächen hat sie uns immer wieder erzählt, dass sie die aktuelle gesellschaftspolitische Situation an die Zwischenkriegszeit erinnert. Ich finde es wichtig, gerade in der aktuellen turbulenten Zeit solche Bücher wieder ins Bewusstsein zu rufen.“ In derselben zeitlichen Epoche ist auch Die dunklen Jahre angesiedelt, ein Roman von Friederike Manner, der zuletzt 1948 aufgelegt wurde. „Das ist, ganz ohne Übertreibung, einer der wahrscheinlich besten Exilromane überhaupt“, so Legler (siehe unten).

Das Frühjahrsprogramm des Verlags hat darüber hinaus mit Palmherzen (Margit Mössmer), Rückkehr nach Europa (Gerhard Deiss) und Wie man Dinge repariert (Martin Peichl) drei Romane von zeitgenössischen österreichischen AutorInnen zu bieten. Die Erst- und Wiederveröffentlichungen aus der Zwischenkriegszeit stellen im Programm somit einen spannenden Gegenpol zur zeitgenössischen Literatur dar. Während es in Peichls Roman um die Auseinandersetzung mit der Generation der heute 35-40-Jährigen geht (mehr dazu im Februar auf Books in Vienna), beschäftigen sich die anderen beiden Romane mit der Welt, wie sie sich außerhalb Europas darstellt (siehe unten). Und wie sie in Österreich leider viel zu selten wahrgenommen wird.

get in contact: Edition Atelier – Schwarzspanierstraße 12/2, 1090 Wien – www.editionatelier.at – Die Edition Atelier auf Facebook, Instagram, Lovelybooks und Twitter.

 

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Die Edition Atelier über Die dunklen Jahre von Friederike Manner: „Die Protagonistin des Buches merkt sich jede einzelne Reaktion, die sie während des Anschlusses von Österreich an Deutschland im Jahr 1938 wahrnimmt. Vom plötzlichen Hitlergruß des Metzgers bis zu Patienten ihres Mannes, die von Juden enteignete Wertgegenstände abgreifen. Sie geht schließlich ins Exil und stellt bei ihrer Rückkehr nach dem Krieg fest, dass die vor dem Krieg beobachteten Menschen so tun, als hätten sie nie Eigentum von Juden gestohlen und wären nie Hitler-Anhänger gewesen. Diesen Schweigekonsens hat Friederike Manner nicht verkraftet und das merkt man auch in diesem Roman, in dem ihre klare Haltung gegen den Nationalsozialismus in der Ich-Erzählerin erkennbar wird.“ Erscheinungsdatum: 28. Februar 2019
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Die Edition Atelier über Palmherzen von Margit Mössmer: „Das Buch führt die LeserInnen in eine Familiengeschichte voller Magischen Realismus im Herzen Ecuadors. Die Autorin kennt das südamerikanische Land sehr gut, auch abseits der touristischen Pfade. Es ist ein erfrischender Roman, der uns mit viel Witz und Humor hinaus in eine andere Welt und eine andere Kultur führt. Dabei zeigt sie uns nicht nur das Paradies, sondern auch die Abgründe. Im Unterschied zu vielen bekannten lateinamerikanischen Autoren nimmt Mössmer dabei eine feminine Perspektive ein.“ Erscheinungsdatum: 28. Februar 2019
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Die Edition Atelier über Die Rückkehr nach Europa von Gerhard Deiss: „Gerhard Deiss weiß einfach, wovon er spricht. Der Autor war lange Botschafter im Senegal und widmet sich dem Inhalt des Romanes mit einer sehr humanistischen Haltung, die am Schicksal der Menschen interessiert ist und die sich nicht daran erfreut, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Indem er im Buch einen mittellosen Europäer als Bettler in Afrika ansiedelt, der versucht, in einem Flüchtlingsboot nach Europa zurückzukommen, hat er einen feinen wie ungewöhnlichen literarischen Trick angewendet.“ Erscheinungsdatum: 28. Februar 2019

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