„Wenn die Neuerscheinungen kommen, ist das wie Weihnachten und Ostern zusammen“

Der Schaukelstuhl, auf dem der Besucher von Books in Vienna an diesem Januarnachmittag gemütlich Platz nehmen darf, steht vor dem Fenster, gleich neben dem Regal mit den Kinderbüchern. Der tiefschwarze Kaffee hat gerade damit begonnen, seinen intensiven Duft zu verströmen, als ein Kunde hereinkommt und Nina Oechsli das erst kurz zuvor begonnene Gespräch unterbrechen muss. Einige Minuten später, der Kunde ist mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck und einem in Geschenkpapier eingewickelten Buch aus dem Geschäft marschiert, geht’s mit dem Gespräch richtig los.

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Nina Oechsli betreibt seit Oktober 2017 ihr Geschäft Oechsli Buch & Papier in der Berggasse.

Nein, diesen einen perfekten Satz, der sie oder ihre Buchhandlung beschreibt, den hat Nina Oechsli nicht parat. Sie habe auch keinen „Slogan, den sie auf die Leute loslässt“ und findet eine Beschreibung ihres Sortiments generell eher schwierig. Sie bietet auf Basis ihres persönlichen Geschmacks eine sehr individuelle Auswahl an Büchern, „die den Leser ernst nehmen und die nicht nur geschrieben worden sind, damit sie verkauft werden. Ich erwarte mir ein bisschen mehr von einem Buch“. Gute Bücher und somit Bücher, die sich in ihrem schönen großen Regal finden, müssen gut recherchiert sein und eine Geschichte erzählen, die glaubwürdig und ehrlich ist. „Ein gutes Buch darf niemals nur dem Leser schmeicheln“, betont Oechsli.

Dafür ein konkretes Beispiel herauszupicken, fällt ihr sichtlich schwer. „Da könnte ich jedes zweite Buch aus dem Regal herausnehmen, mindestens“, sagt sie. „Es sind oft die vermeintlich banalen Geschichten, deren außergewöhnliche Erzählweise aber eine spannende Perspektivenübernahme oder einen neuen Fokus eröffnen“, fährt Oechsli fort. Bücher haben für Oechsli unter anderem die Aufgabe, bewusst zu machen, wie gut es uns heutzutage in Europa eigentlich geht. „Viele Bücher sind ja sehr traurig von der Handlung her oder spielen im Krieg. Oder sie machen einem bewusst, wie zwiespältig man eigentlich selbst ist und dass es in jedem von uns selbst durchaus mehrere Realitäten geben kann.“ Auch polarisierende Titel wie aktuell zum Beispiel Serotonin von Michel Houellebecq hat Oechsli auf Lager, auch wenn diese vielleicht nicht zu hundert Prozent ihrem persönlichen Geschmack entsprechen. „Aber ich finde es wichtig, dass wir auch über solche Bücher reden und diskutieren. Das ist nämlich immer noch besser, als zu schweigen und sich aufgrund der unguten Dinge in der Welt ins private Glück zurückzuziehen.“ Dass sie in ihrem Geschäft über eine verhältnismäßig kleine Fläche verfügt, bereitete ihr bei der Sortimentsauswahl kein Kopfzerbrechen. „Dank der Erfahrung von fünfundzwanzig Jahren in der Buchbranche sowie unzähliger Gespräche mit Leserinnen und Lesern musste ich darüber nicht lange sinnieren.“

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Der nächste Kunde, die nächste Gesprächspause. Man sehe ja ziemlich wichtig aus, wird dem Blogger vom Books in Vienna bescheinigt, während Nina Oechsli auf der Suche nach dem vom Kunden bestellten Buch im Hinterkammerl verschwunden ist. Ehe sich der Blogger versieht, sitzt der Kunde schon neben ihm und plaudert aus dem Nähkästchen. Eine „sehr charmante Buchhändlerin, sehr belesen und freundlich“, rührt der Kunde die Werbetrommel für Nina Oechsli, „geschäftstüchtig ist sie obendrein“. Solch’ „zauberhafte Kundschaft“ sei es, die den Alltag einer Buchhändlerin zusätzlich bereichere, sagt Oechsli später. Überhaupt, der Austausch mit den Kundinnen und Kunden liegt Oechsli sehr am Herzen. „Mit den Kunden ist es ein Geben und Nehmen. Der persönliche Kontakt mit den Menschen gefällt mir sehr. Und man erfährt einfach sehr viel Zwischenmenschliches und lernt mit der Zeit, was die Kunden gerne lesen. Auf diese Art entsteht eine solche Bücherwand“, sagt Oechsli und deutet auf das breite Buchregal.

Ihre Neugierde gilt aber natürlich nicht nur den Kunden, sondern auch den Büchern. „Wenn die Neuerscheinungen kommen, ist es für mich wie Weihnachten und Ostern zusammen.“ In Büchern begeistert sie oft jenes, mit dem sie zuvor nicht gerechnet hatte. „Ein einzelner Satz, der einen durch die Schönheit seiner Sprache erhebt. Und manchmal geht beim Lesen eine neue Tür auf, mit der man nicht gerechnet hat.“ Nachsommer von Johan Bargum sei dafür ein gutes Beispiel, ein Buch „mit ganz feinen Zwischentönen und einer Plattentektonik, die alles verschieben kann.“ Oft seien es auch die ganz leisen Dinge in einem Buch, „es müssen nicht immer Pauken und Trompeten sein“.

Die Liebe zu den Büchern wurde Nina Oechsli wahrscheinlich vererbt, denn als ihre Mutter mit ihr schwanger war, hatte diese selbst in einer Buchhandlung gearbeitet. Sie ist später mit Büchern aufgewachsen und wollte schon immer mit diesen arbeiten. Nach einer Ausbildung zur Sortimentsbuchhändlerin in Schaffhausen, kam Oechsli über Thalia und sec52 in Zürich („eine der schönsten Buchhandlungen, die ich kenne“) nach Wien zu Zsolnay/Deuticke. Nach einem erneuten Abstecher in die Schweiz wurde das Wienweh jedoch zu groß und so schlug sie endgültig ihre Zelte in der österreichischen Hauptstadt auf. „Wien ist einfach großartig, die Lebensqualität hier mag ich sehr.“

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Neben einer wunderbaren Atmosphäre, ausgezeichnetem Kaffee und der erlesenen Belletristikauswahl hat Oechsli auch Koch- und Kinderbücher zu bieten. Schöne Notizbücher und Papierwaren gibt’s obendrein, daher auch der Name ihres Geschäfts. „Die Buchkonkurrenz ist nah und gut, da muss man sich etwas einfallen lassen“, sagt Oechsli, die aufgrund des kleinen Raumes keine Lesungen oder andere Veranstaltungen abhalten kann. Bei ihrem Zusatzangebot achtet Oechsli auf hochwertige Waren, ohne zu viel Kitsch. „Wobei ich speziell vor Weihnachten auch Kompromisse eingehe. Da mag ich es auch schon mal glitzrig.“ Definitiv nicht nur in der Weihnachtszeit ist Oechsli Buch & Papier in jedem Fall einen Besuch wert.

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