Buchkontor: Ausgezeichnete Buchhandlung zum Wohlfühlen

Wenn Ulla Harms einmal im Jahr ihre Hausfreunde darbietet, dann stehen die Leute vor dem Buchkontor im 15. Bezirk quasi Schlange. „Die Klugen kommen an dem Tag schon um neun in der Früh, denn am Nachmittag kann es durchaus passieren, dass keine mehr da sind“, erzählt sie im Gespräch mit Books in Vienna.

Ulla Harms und ihr Buchkontor sind spätestens seit dem Frühjahr allen BuchfreundInnen des Landes ein Begriff. Denn gerade rechtzeitig zum zehnten Geburtstag wurde die Buchhandlung am Kriemhildplatz mit dem heimischen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. „Eine Buchhandlung zum Wohlfühlen, in der man an jeder Ecke ein Fotoshooting für ein Lifestylemagazin machen könnte“, heißt es unter anderem in der Begründung der Jury. Mit dieser Beschreibung kann sich die Besitzerin durchaus anfreunden. „Wir liegen hier ja nicht gerade in einer 1a-Lage, deshalb will ich den Kundinnen und Kunden, wenn sie unser Geschäft betreten, ein bestmögliches Umfeld bieten. Sie sollen sich hier wohlfühlen und im Idealfall etwas entdecken, das sie beim Großhändler nicht sehen“, gibt Harms einen Einblick in ihre Geschäftsphilosophie. Zum Service gehören im Buchkontor auch Führungen für ErstkundInnen – sofern diese das wollen. „Das kann man natürlich nicht mit jedem machen“, weiß Ulla Harms. „Aber ein Großteil der Leute kommt ja ganz bewusst in so eine Pipifax-Buchhandlung wie die unsere, auch weil sie wissen, dass sie hier nicht nur Massenmarktware bekommen. Sie wollen besondere Bücher finden, wollen die Bücher anfassen und erspüren, manche Leute riechen sogar immer noch an Büchern.“

buchkontor02Harms’ Sinn für ein schönes Layout spiegelt sich auch in ihrer Vorliebe für ansprechend layoutierte Bücher wider. „Es muss nicht mal die Haptik oder die Ausstattung sein, aber ästhetische Cover sind mir sehr wichtig. Und das gilt für die KundInnen genauso, denn die schönste Ausstattung hilft nichts, wenn das Cover nicht so gestaltet ist, dass die Kundschaft zugreift“, erklärt Harms und verweist als Positivbeispiel auf Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung von Arnulf Conradi.

buchkontor04Ursprünglich hatte Harms in der Nähe ihrer neuen Wohnung im Nibelungenviertel lediglich Büroräumlichkeiten für ihre Verlagsvertretung gesucht. Mangels Angebot, entschied sie sich für das leerstehende Ecklokal in dem 1914 errichteten Jugendstilgebäude. „Wenn ich kein Büro finde, gehe ich halt in ein Geschäftslokal, habe ich mir gedacht“, so Harms. Und da man als Verlagsvertretung ohnehin mit Büchern handelte, entstand die Idee, dass man auch genauso gut ein Regal aufstellen und neben der Bürotätigkeit ab und zu mal ein Buch verkaufen könnte. „Das war zwar etwas chaotisch, aber es hat so gut funktioniert, dass mir die KundInnen innerhalb eines halben Jahres das Sortiment vorgegeben haben“, erinnert sich Harms. Aus der Verlagsvertretung mit Buchregal erwuchs so im Lauf der Zeit eine Buchhandlung ohne Verlagsvertretung, denn Harms widmete sich ab 2015 voll und ganz ausschließlich dem Verkauf von Büchern an EndkundInnen. Das im hinteren Bereich angesiedelte Büro verwandelte sich so in die liebevoll „Kinderzimmer“ genannte Kinderbuchabteilung.

buchkontor05
Die heutige Kinderbuchabteilung des Buchkontors war früher das Büro der Verlagsvertretung.

Dass das Buchkontor so heißt wie es heißt, hat ganz viel mit Geschichte zu tun. Als Harms den Mietvertrag für das Geschäftslokal unterschrieben hatte, starb zur selben Zeit ihr Großvater. In seinem Nachlass fand sie allerlei familiäre Dokumente, unter anderem auch von ihrer Großmutter, die in den 1920ern als Kontoristin tätig war. „Kontore gibt es hauptsächlich in Norddeutschland. Ich habe einige Zeit in Hamburg gelebt, habe einen Deutschen geheiratet und mein Nachname ist sehr norddeutsch. Diese Kombination, zusammen mit dem traditionsreichen Jugendstilhaus und meiner Familiengeschichte, in den Namen der Buchhandlung einfließen zu lassen, war für mich dann irgendwie schlüssig.“

buchkontor07Zu den Highlights der vergangenen zehn Jahre zählen für Harms die Lesungen mit Joachim Meyerhoff („bei seiner ersten Lesung bei uns waren nur dreißig Leute da, aber es war so unglaublich lustig mit ihm“) sowie eine Lesung mit ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary („er hat nicht gelesen, sondern erzählt, und zwar so wahnsinnig toll und dramatisch, dass nachher alle geheult haben“). Auch die Lesungen mit Alex Capus, Paulus Hochgatterer und Judith Schalansky sind Harms in guter Erinnerung. Pro Jahr gibt es zwischen zwanzig und dreißig Veranstaltungen im Buchkontor, von der Kochbuchpräsentation mit Mürbteigverkostung bis hin zur ausverkauften Lesung mit Takis Würger. An diese Lesung (das Buchkontor war die einzige Wiener Buchhandlung, in der Würger aus seinem hitzig diskutierten Roman Stella las) denkt Harms mit einem Lächeln zurück, denn in der Vorbereitung ist sie an einem Punkt ziemlich ins Schwitzen gekommen. „Wir hatten richtig viele Anmeldungen, weswegen wir in den benachbarten Pfarrsaal ausweichen mussten. Als wir uns den Saal am Tag der Lesung angeschaut haben, war dort aber alles schon aufwendigst mit buntem Faschingsschmuck für die bevorstehende Faschingszeit dekoriert. Wer Stella gelesen hat, weiß, dass es sich dabei nicht wirklich um ein lustiges Buch handelt. Aber Takis Würger hat es zum Glück mit Humor genommen.“

buchkontor06Das Sortiment im Buchkontor besteht hauptsächlich aus Literatur sowie Kinder- und Jugendbüchern. Derzeit erfreut sich alles rund um das Thema Wald großer Beliebtheit, verbunden mit dem Thema Nachhaltigkeit. „Was zurückgegangen ist und was wohl in einer Übersättigung der letzten Jahre liegt, ist das Kochbuch. Ab einem gewissen Zeitpunkt haben ja alle Verlage und alle Promis Kochbücher gemacht. Irgendwann sind die KonsumentInnen aber draufgekommen, dass sie für all die Bücher in ihrer Küche keinen Platz haben“, erzählt Ulla Harms. Beim Thema Kochen schließt sich dafür aber der Kreis zu den eingangs erwähnten Hausfreunden. Denn für die Produktion dieser, den Cantuccini nicht unähnlichen, Kekse steht Ulla Harms eine ganze Nacht in der Küche. „Am zweiten Weihnachtseinkaufssamstag ist dann hier ordentlich was los und wir schenken zusätzlich Irish Coffee und Tee mit Rum aus“, erzählt Harms.

Eine engagierte Buchhändlerin, eine sehenswerte und mit Herz geführte Buchhandlung und mit franzundjulius bald auch noch ein Café nebenan, in dem man in den soeben erstandenen Bücher schmökern kann. Da wird man gerne zum Hausfreund, auch außerhalb der Weihnachtszeit.

Am 25. September 2019 ist Bernd Schuchter (Rikolas letzter Auftritt) zu Gast im Buchkontor (19 Uhr, Eintritt frei). Am 10. Oktober liest Renate Welsh aus Kieselsteine (19 Uhr, 5,- Euro Eintritt).

get in contact: Buchkontor – Kriemhildplatz 1, 1150 Wien – http://www.buchkontor.atbuch@buchkontor.at – Buchkontor auf Facebook – Buchkontor auf Instagram

Bildcredit Foto Ulla Harms: http://www.katarinalindbichler.at