Achse Verlag: Kleiner Verlag mit großem Anspruch traut sich aus der Nische

„Wir werden Suhrkamp aufgekauft haben“, beantwortet León Schellhaas selbstbewusst die Frage, wo er den Achse Verlag anlässlich dessen zehnjährigen Jubiläums im Jahr 2027 verortet. Schellhaas‘ sofort einsetzendes Grinsen signalisiert dem Zuhörer, dass er das mit der Übernahme von Suhrkamp vielleicht nicht so ganz ernst gemeint hat. Trotzdem bekommt man im Gespräch mit ihm und seiner Kollegin Teresa Mossbauer schnell den Eindruck, dass man es hier mit einem Verlag zu tun hat, der sich schon ein bisschen was vorgenommen hat.

Der vor zwei Jahren gegründete Achse Verlag hat seine Räumlichkeiten in einem Altbau in der Nähe der Hauptuniversität. Während draußen herbstlicher Nieselregen einsetzt, sorgen drinnen Kaffee und der angeblich beste Kuchen der Stadt für eine perfekte Gesprächsatmosphäre. Der Name des Verlags kommt nicht von ungefähr, ist er doch inhaltlich wie personell eng an die Wiener Achse gebunden. Das Netzwerk aus Kunstschaffenden organisiert Veranstaltungen, Performances und Ausstellungen, stets mit dem Anspruch, Kunst für alle erlebbar zu machen.

Süßkartoffelsuppe aus dem Wasserkocher

Das erste Buch im Verlagsprogramm und gleichzeitig quasi Anlass zur Verlagsgründung war The Joy of Waterboiling. „Das Kochbuch verkauft sich bis heute sehr gut“, so Schellhaas, „obwohl es in der Branche ja das offene Gerücht gibt, dass Kochbücher nicht mehr so das große Ding sind.“ Wobei The Joy of Waterboiling – streng genommen – mehr ist als ein Kochbuch mit Rezepten für den Wasserkocher. Die Künstlerin Soso Phist hat für die Bebilderung des Werks Foodcollagen arrangiert und inszeniert, fotografiert wurden diese von Lisa Edi. Groß aufgekocht und die Rezepte für den Wasserkocher adaptiert hat Christina Scheffenacker. „Es ist also eigentlich ein Hybrid aus Kunst- und Kochbuch“, erklärt Teresa Mossbauer. Eindeutiger Favorit des Achse Verlag-Teams ist die Süßkartoffelcurrysuppe (Insider-Tipp: Das Zitronengras rausnehmen, bevor die Suppe püriert wird).

Jedenfalls war man im Umfeld der Wiener Achse durch The Joy of Waterboiling auf den Verlagsgeschmack gekommen. Und so machte sich das dreiköpfige Team, dem neben Schellhaas und Mossbauer auch Geschäftsführer Aram Haus angehört, daran, aus dem Nichts einen Verlag aus dem Boden zu stampfen. „Es gab hier viel Learning by Doing“, erinnert sich Schellhaas an die Anfänge. Ursprünglich für die Betreuung der Social Media-Kanäle angestellt, brachte er bald auch gemeinsam mit Mossbauer die Pakete zur Post, kümmerte sich um die Website und generell um alles, was es in einem Buchverlag zu tun gibt. „Man bekommt einen ganz guten Überblick. Das ist schön und man kann ganz viele Dinge ausprobieren, zum Beispiel was den Vertrieb betrifft.“ So bietet der Achse Verlag für das Wiener Stadtgebiet eine CO2-neutrale Auslieferung an. Und als LeserIn kann man sich seine georderten Bücher auch ganz unkompliziert beim Verlag selbst abholen. „Einmal war eine Kundin sogar über eine Stunde bei uns und hat sich mit uns unterhalten. Wenn wir die Zeit dafür haben, machen wir das sehr gerne, weil der direkte Kontakt mit unseren LeserInnen natürlich ein total gutes Feedback ist“, sagt Mossbauer.

Startrampe für junge AutorInnen

Neben The Joy of Waterboilling erschien heuer im August mit Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre das erste Buch von Poetryslammerin Lena Hödl im Programm des Achse Verlags (die zweite Auflage des Buches wird gerade vorbereitet). Hödl sei ein gutes Beispiel dafür, das man sich auch „als Startrampe für junge Wiener AutorInnen sehe“, betont Schellhaas. Des Weiteren erscheinen heuer zwei Kinderbücher, darunter Mulya, die Kuh von Paloma Schreiber. Die Autorin bereitet darin kindgerechet die – auf einer wahren Begebenheit basierende – Geschichte einer Kuh auf, die aus einem Schlachttransport flüchtet und sich schließlich auf einer einsamen Insel inmitten eines Sees niederlässt. „Inhaltlich ist das ein Buch, mit dem wir zur gegenwärtigen Diskussion über artgerechte Tierhaltung und Fleischkonsum beitragen wollen. Und wir sind der Meinung, dass man das ruhig auch schon mit Kindern besprechen und thematisieren kann“, sagt Schellhaas.

Und schließlich erscheint mit Das weiße Zimmer dieser Tage auch ein sehr ernsthafter Roman von Srdjan Knezevic. „Es ist ein sehr sinnlich geschriebener Roman, der die wichtigen Themen Homosexualität und Kriegserfahrungen am Balkan aufgreift“, gibt Teresa Mossbauer einen Einblick. Die serbischen Texte wurden von Mascha Dabic ins Deutsche übersetzt, die Erstveröffentlichung erfolgt bewusst auf Deutsch, da die im Buch verarbeiteten Themen in Serbien oftmals noch als Tabu betrachtet werden.

Pussy Pairs mit Zollproblemen

Und dann gibt es da noch etwas, das man vielleicht auf den ersten Blick nicht in einem Verlagsprogramm erwarten würde: Die Pussy Pairs (also known as Mumury). „So viele Vulva-Paare wie möglich entdecken und gleichzeitig Scham, Vorurteile und Berührungsängste ablegen“, so lautet der Slogan zu diesem Gedächtnisspiel auf der Website des Verlags. „Das ist zwar nicht gerade ein klassisches Buch, aber es geht dabei um ein Thema, für das wir einstehen können und wollen“, erklärt Mossbauer. Die Vulva soll normalisiert werden und man wolle dazu beitragen, Mythen und Tabus aufzulösen. Mythen und Tabus, an deren Abbau die chinesischen Kulturabteilungen übrigens kein gesteigertes Interesse haben dürften. Denn der ursprünglich nach China vergebene Produktionsauftrag musste kurzerhand gecancelt werden, als Beamte des Kulturministeriums vor Ort erklärten, dass derart obszöne Produkte an der Grenze vom Zoll abgefangen und verbrannt werden würden. „Ein Vorgang, der uns nur darin bestärkt, das Thema – auch international – zu bespielen“, erklärt Schellhaas.

Anspruchsvolle Literatur, Kinderbücher mit künstlerischem Anspruch, ein Kochbuch für Wasserkocher, Pussy Pairs – der Achse Verlag wartet mit einem ziemlich bunten Programm auf. Vieles entstehe aus dem Bauch der drei Verantwortlichen heraus, betonen Schellhaas und Mossbauer unisono, der Slogan „Verlag für zeitgenössische Bücher“ treffe es wohl am besten. „Junge neue Verlage bekommen ja gerne mal den Ratschlag, sich eine thematische Nische zu suchen und dort zu verharren. Wir können es offensichtlich nicht bleiben lassen, unsere Nische zu verlassen. Vielleicht ist ja genau das unsere Nische?“, orakelt Schellhaas. Und auch wenn man mit dieser Strategie im Jahr 2027 wohl noch kein Übernahmeangebot für Suhrkamp wird legen können, kommt auf diese Art doch ein sehr sehr spannendes Verlagsprogramm zusammen.

Die Buchpräsentation von „Das weiße Zimmer“ findet am Freitag, dem 25. Oktober 2019 (20 Uhr), im What is Aleppo (ein karitatives Barprojekt von Licra, Operngasse 12/15, 1040 Wien) statt.

Books in Vienna verlost ein Exemplar von „The Joy of Waterboiling“ sowie zwei Exemplare von „Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre“. Schicke einfach ein Mail an booksinvienna@sastre.at mit einer Begründung, warum Du unbedingt eines der Bücher gewinnen willst.

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