Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Buchhandlung Mio

„Irgendwann im Leben kommt der Zeitpunkt, an dem man sich fragt, ob man noch weitere zwanzig Jahre so weitermachen will oder ob man sich mal etwas traut“, sagt Hansjörg Jehsenko im Gespräch mit Books in Vienna. Nach zwanzig Jahren in der Buchbranche war für ihn dieser Zeitpunkt heuer gekommen. Die Filiale, in der er zuvor das Architektur- und Kunstbuchsortiment betreute, sperrte zu, alle Mitarbeiter*innen wurden gekündigt. „Da hat sich dann sowieso die Notwendigkeit ergeben, sich etwas zu überlegen“, sagt Jehsenko.

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Ein großes Kinderbuch-Sortiment darf in einem neuen Stadtviertel natürlich nicht fehlen.

Besagte Notwendigkeit traf in der Folge auf eine gute Gelegenheit, denn Jehsenko wurde auf das Bauprojekt Mio im Ost-Teil des neuen Sonnwendviertels in Wien-Favoriten aufmerksam, das mit seiner Gebäudeaufteilung – unten Gewerbe, in der Mitte Büros, oben Wohnungen – an die Gründerzeitviertel anschließen soll. Kleine Verkaufsflächen sorgen im Erdgeschoss dafür, dass Miete und Betriebskosten auch für Start-ups erschwinglich sind. „Das hat für mich total gut gepasst und ich habe gewusst, wenn ich das jetzt nicht mache, werde ich es nie machen.“ Das war eine eigene Buchhandlung, die im August 2019 ihre Pforten öffnete.

Buchhandlung Mio 03Auf 25 Quadratmetern, die dank der hohen Regale wesentlich größer wirken, bietet Jehsenko in der Buchhandlung Mio ein für die begrenzten räumlichen Möglichkeiten erstaunlich breites Sortiment. Aufgrund der Bevölkerungsstruktur in dem neuen Stadtteil – Stichwort Jungfamilien – bietet Jehsenko natürlich ein breites Angebot an Kinderbüchern an. Daneben findet man Bestseller genauso wie Kriminalromane sowie eine kleine Auswahl an Sachbüchern und englischsprachigen Titeln. „Derzeit bin ich ein bisschen am Austesten was funktioniert und was nicht“, erklärt Jehsenko.

Positiv überrascht zeigt er sich von der Selbstverständlichkeit, mit der seine Kund*innen bei ihm Bücher bestellen. „Die Leute, die zu mir kommen, erwarten nicht unbedingt, dass ein Buch tatsächlich lagernd ist. Sie sind dann eher positiv überrascht, wenn ich etwas da habe“, so Jehsenko. „In meinem alten Job war es eher umgekehrt, da sind die Kunden davon ausgegangen, dass alle Bücher vorrätig sind. Und dann waren sie enttäuscht, wenn wir etwas bestellen mussten. Das ist hier schon sehr viel angenehmer.“

Buchhandlung Mio 02Wie generell vieles sehr angenehm zu sein scheint, hier im Sonnwendviertel Ost, wo gegenüber von Jehsenkos Buchhandlung weitere Rohbauten der Wohn- und Hoteltürme in die Höhe wachsen. Man merke, dass die Menschen sehr gerne hier wohnen und dass sie es zu schätzen wissen, wenn sich in puncto Nahversorger etwas tut. Und generell seien die Leute „sehr viel lockerer und amikaler“ als es Jehsenko von seinem vorherigen Job im ersten Bezirk gewohnt war. Unter den Nachbar*innen spüre man zudem, „dass hier nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen will, sondern alle an einem gemeinsamen Strang etwas Gutes für das Viertel entstehen lassen wollen. Das motiviert und macht Spaß.“

Auch außerhalb des Sonnwendviertels ist die Bevölkerung bereits auf die Buchhandlung Mio aufmerksam geworden, vor allem in Favoriten, wo es ansonsten keine inhabergeführte Buchhandlung mehr gibt. „Mittlerweile kommen auch Leute aus der Gudrunstraße zu mir, aber unterm Strich dauert es natürlich ein bisschen, bis sich außerhalb des Sonnwendviertels rumgesprochen hat, dass es hier eine neue Buchhandlung gibt“, gibt sich Jehsenko realistisch. Eine gute Möglichkeit, die eigene Sichtbarkeit im Bezirk zu erhöhen, ist die Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Mitten in Favoriten, der immer wieder Lesungen in Wirts- und Gasthäusern veranstaltet. So war Jehsenko Mitte Oktober bei der Rückwärtswalzer-Lesung von Vea Kaiser im Restaurant Stefan in der Quellenstraße mit einem Büchertisch vertreten. Mit eigenen Veranstaltungen in der Buchhandlung oder bei einer der (größeren) Nachbarinitiativen will der 49-Jährige noch warten, bis sich eine Stammkundschaft etabliert hat, die auch an Lesungen interessiert ist.

Buchhandlung Mio 04Selbst ist Jehsenko ein großer Fan der Belletristik und er genießt die Möglichkeit, sich nun in seiner eigenen Buchhandlung mehr mit Literatur beschäftigen zu können. Aktuell sehr begeistert zeigt er sich von Tonio Schachingers Nicht wie ihr und Raphaela Edelbauers Das flüssige Land. Ein Buch mit einem außergewöhnlichen Titel hat es ihm derzeit besonders angetan: „Aktuell lese ich Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens Petite, besser bekannt als Madame Tussaud von Edward Carey, da bin ich von der ersten Seite an reingekippt.“ Die Buchrezensionen werden via direktem Kund*innenkontakt und Website flugs weitergegeben. „Dadurch entsteht ein inhaltlicher Austausch, den ich in der Zukunft gerne noch sehr viel intensiver führen würde.“ Zumal man als Buchhändler nicht allwissend sei und natürlich auch von Empfehlungen der Leser*innen profitiere. „In diesen Gesprächen kommt sehr oft die Begeisterung und Leidenschaft für das Medium Buch zum Ausdruck. Und was gibt es Schöneres, als sich jeden Tag mit seiner Leidenschaft beschäftigen zu können?“, stellt Jehsenko eine abschließende, rhetorische Frage.

Mittlerweile ist es über dem Sonnwendviertel dunkel geworden. Nach dem Gespräch in der Buchhandlung Mio steht man bei verhältnismäßig warmen Novembertemperaturen zwischen Buchhandlung, Helmut-Zilk-Park und einer Großbaustelle. Lässt man den Besuch, das Interview und die vielen zufriedenen Gesichter der Kund*innen, die zwischenzeitlich in der Buchhandlung vorbeischauten, Revue passieren, so kommt man zu dem Schluss, dass es wohl die richtige Entscheidung war, dass sich Hansjörg Jehsenko im Sommer „etwas getraut“ hat.

Am 4. Dezember 2019 liest Petra Hartlieb im Sonnwendviertel aus „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“. Beginn 19 Uhr, Kulturraum Gleis 21

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