„Mit dem Status Quo geben wir uns ungern zufrieden“

Noch am Abend zuvor wurde Heimatsuchen (der zweite Band der Ilse Tielsch-Trilogie) präsentiert, am folgenden Abend stand die Buchpräsentation von Talmi auf dem Programm. Zu Beginn des Jahres geht es bei der Edition Atelier Schlag auf Schlag. Trotzdem fanden Sarah Legler und Jorghi Poll zwischendurch Zeit für das traditionelle Jahresanfangsinterview mit Books in Vienna.

Draußen kämpfen sich die Spitzen der Votivkirche durch den grauen Wiener Nebel, während drinnen Kaffee und Tee auf dem Tisch vor sich hin dampfen. Ganz und gar nicht grau verlief das Jahr 2019 für den Wiener Independentverlag, der im kommenden Jahr sein zehnjähriges Bestehen als eigenständiger Verlag feiern wird. „Im Feuilleton haben wir im letzten Jahr viel Aufmerksamkeit unter anderem für Die dunklen Jahre von Friederike Manner und für Telefónica von Ilsa Barea-Kulcsar bekommen. Dazu waren unsere Buchpräsentationen richtig gut besucht und wir haben wirklich viele Bücher verkauft“ blickt Jorghi Poll zufrieden zurück. Allein durch zwei Artikel in der Süddeutschen Zeitung kamen über Nacht mehrere hundert Buchbestellungen rein, „das haben wir so zuvor noch nicht erlebt“.

Bürgerlicher Literaturkanon mit Lücken

Wiederauflagen wie Die dunklen Jahre oder der von Georg Pichler herausgegebene Roman Telefónica liegen Poll und Legler besonders am Herzen. „Die dunklen Jahre ist solch ein unglaubliches Ausnahmebuch“, gerät Sarah Legler ins Schwärmen. „Das ist seit der Veröffentlichung 1948 nie wieder in Buchform erschienen, obwohl das ein ganz wichtiger und großer Exilroman ist.“ So ähnlich verhält es sich auch mit dem von Primus-Heinz Kucher herausgegebenen Johanna, einem Roman von Fritz Rosenfeld, der im März 2020 erscheinen wird. Rosenfeld ist ein heute weitgehend unbekannter Autor, der in der Zwischenkriegszeit unter anderem für die Arbeiter-Zeitung tätig war. Bei Johanna handelt es sich laut Poll um ein „herzzerreißendes Frauenschicksal in den 1920ern. Johanna ist von Kindheit an einer gnadenlosen Realität ausgeliefert, die ihr wirklich alles abverlangt.“

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass Johanna nicht das erste in der Edition Atelier wideraufgelegte Buch ist, dessen AutorIn für die Arbeiter-Zeitung tätig war oder deren/dessen Buch in der Arbeiter-Zeitung als Fortsetzungsroman erschienen ist. „Dort waren viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller aktiv, die mit einer einfachen Sprache und ohne bürgerlicher Attitüde versucht haben, Arbeiter*innen zu bilden und aufzuklären“, so Poll. Viele der Autor*innen dieser Arbeiterliteratur seien jedoch in Österreich nicht in den bürgerlichen Literaturkanon übernommen worden, sodass sie mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind. „Es gab sie aber in relativ großer Anzahl und das ist der Grund, warum man heute immer wieder Romane oder Texte entdeckt, die zwar als Fortsetzungsromane in der Arbeiter-Zeitung gedruckt wurden, die es aber nie als Buch in einen der bürgerlichen Verlage geschafft haben“, erklärt Poll. Dies treffe nicht nur für die 1920er- und 30er-Jahre zu, sondern genauso für die Nachkriegszeit, denn auch Die dunklen Jahre (in der Edition Atelier herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl) und Telefónica wurden nach dem Krieg in der AZ veröffentlicht.

Letzter Band der Ilse Tielsch-Trilogie

Mit Die Früchte der Tränen erscheint in diesem Frühjahr eine weitere Wiederauflage. Dabei handelt es sich um den abschließenden Band der Trilogie von Ilse Tielsch, in dem die aus Mähren geflüchtete Familie die Aufbruchsstimmung der beginnenden Wirtschaftswunderjahre, aber auch Enttäuschungen wie den niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand, miterlebt. Besonders wichtig war es Legler und Poll, dass die Bände dieser großen österreichischen Erzählerin, die zum ersten Mal in den 1980ern erschienen sind, wieder lieferbar sind. Denn die Nachfrage nach Literatur zu diesem Thema ist durchaus gegeben, in vielen sudetendeutsch geprägten Familien werden Flucht und Vertreibung in der jetzt lebenden dritten Generation wieder aktuell. Ilse Tielsch leiste mit ihrer Trilogie bei diesem sensiblen Thema einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Gräben. „Es gab unter den Sudetendeutschen damals sehr viele Nazis, aber nicht ausschließlich. Ilse Tielsch schafft es mit ihrer Trilogie, die Geschichte dieser anderen zu erzählen und den Blick von den Gräben weg und hin zu einer Verständigung der Völker sowie auf ein friedliches Zusammenleben zu richten.“

Zeitgenössische Literatur zum nachdenken – und urlauben

Neben den Wiederauflagen finden sich auch vier zeitgenössische Titel im Frühjahrsprogramm der Edition Atelier, unter denen – auch aufgrund der medialen Konjunktur des Themas – Das nächste Mal bleib ich daheim heraussticht. „Das Buch wäre aber auch ohne Fridays for Future erschienen“, stellt Sarah Legler klar. „Wir versuchen mit unseren Büchern auch immer einen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten. Bei Claudia Endrich hat uns nicht nur ihr Zugang zum nachhaltigen Reisen gefallen, sondern auch ihr sehr selbstkritischer Umgang mit dem Thema.“ In dem Roman nimmt die Autorin die Leser*innen mit auf eine Reise nach Peru, an deren Ausgangspunkt am Flughafen sie jedoch bereits beginnt, sich Gedanken über nachhaltigere Formen des Reisens zu machen. Trotz der Schwere des Themas schaffe es die Autorin dabei, die Leser*innen in der Folge auf amüsante Art und Weise mitzunehmen. „Das Buch kann mitreißen und Bewusstsein schaffen. Denn am Ende des Tages geht es einfach darum, was jeder einzelne Mensch tun kann“, so Legler.

Und schließlich versucht sich die Edition Atelier heuer mit Schwarze Schafe zum ersten Mal an einer Urlaubslektüre für den Sommer. „Wir probieren ja immer wieder mal etwas Neues aus, weil wir uns mit dem Status Quo nicht zufriedengeben“, erklärt Jorghi Poll. „Also haben wir uns auf die Suche nach einer sinnvollen Ergänzung zu unserem Programm gemacht und sind zu dem Schluss gekommen, dass anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur für den Urlaub gut passen könnte“, ergänzt Sarah Legler. Mitten in die Überlegungen platzte das Manuskript von Teresa Kirchengast rund um Ella, ihre beiden Schafe Bertha und Suttner sowie eine Reihe unvorhergesehener neuer MitbewohnerInnen. Das Pi der Piratin und Wer wir wären runden das Frühjahrsprogramm der Edition Atelier ab.

Ganz und gar nicht grau in grau also, sondern mit einem bunten und vielfältigen Programm, startet das um Alexandra Höfle (Aufgabenbereich Vertrieb) vergrößerte Team der Edition Atelier ins Frühjahr 2020.

get in contact: Edition Atelier – Schwarzspanierstraße 12/9, 1090 Wien – www.editionatelier.at – Die Edition Atelier auf FacebookInstagram und Twitter