Mit staubigen Fingern in Karteikarten stierln kann was Tolles sein

Erstauflagen von Stefan Zweig und Erich Fried, limitierte Auflagen mit Autographen von Thomas Mann aus dessen Zeit im Exil in Pacific Palisades – „Das sind Dinge, die das bibliophile Herz höherschlagen lassen“, sagt Stephan Roth. Seit 2003 leitet er die Bibliothek des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und dabei ist er schon auf so manchen bibliophilen Schatz gestoßen.

Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) wurde 1963 von ehemaligen Widerstandskämpfer*innen und engagierten Wissenschaftlern gegründet. Es verfügt nicht nur über ein Archiv zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus und Faschismus sowie eine Mediendokumentation (früher liebevoll als „Schnittarchiv“ bezeichnet), sondern auch über eine Präsenzbibliothek. Darin finden sich etwa 60.000 Titel sowie 350 Zeitschriften, darunter laut Roth auch „viele alte Schmankerln“. „Bei uns in der Bibliothek geht es um klassische Fachliteratur zu Widerstand und Verfolgung, um Erinnerungsberichte aber auch um NS-Literatur aus der damaligen Zeit. Wir sind wahrscheinlich jener Ort in Wien, an dem man zu diesen Themen am komprimiertesten Literatur bekommt“, sagt Stephan Roth im Gespräch mit Books in Vienna.

DSC_0382Neben Fachliteratur führt die Bibliothek auch Belletristik. Dazu zählen Bücher aus Exilverlagen wie Bermann-Fischer oder auch zeitgenössische Literatur von Menschen, die damals vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten und ihre Bücher mitgenommen hatten. „Einige haben uns ihre Bücher dann später vermacht“, erzählt Roth. Dank einer Schenkung von Rudi Gelbard, Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt, besitzt das DÖW auch eine eigene Judaica Bibliothek mit rund 2.500 Bänden. Die Fédération Internationale des Résistants (FIR) überließ ihre gesamte Bibliothek dem DÖW. „Leider ist dieser Bestand noch nicht so gut zugänglich, weil wir – wie alle Archive und Bibliotheken – Platzprobleme haben. Wir befinden uns ja hier in einem strukturell mittelalterlichen Gebäude, das für alles geeignet ist, nur nicht für ein Archiv“, sagt Roth.

Die Bibliothek des Dokumentationsarchivs wird als Präsenzbibliothek geführt. „Wir agieren ganz nach dem Grundsatz Der natürliche Feind des Bibliothekars ist der Benutzer„, begründet Roth die Anwendung dieses Bibliothekssystems mit einem Schmunzeln. Vorteil für die Nutzer*innen: Zehn Minuten nach der Anfrage vor Ort erhält man die Bücher bereits ausgehändigt, wer nicht fertig wird, kann die Bücher in einem Kisterl beim Benutzerdienst deponieren. „Wir haben Benutzer, die im Rahmen eines Projekts über Monate zu uns kommen und die irgendwann schon als Inventar wahrgenommen werden“, erzählt Roth.

Rechercheort für Autor*innen und Journalist*innen

Die Bibliothek ist frei zugänglich und der Zugang kostenfrei. „Wir bitten die Nutzer lediglich, einen Benutzerbogen auszufüllen und einen Lichtbildausweis kopieren zu lassen, damit wir wissen, wer bei uns im Haus ist. Diese Vorgabe entspringt einem nicht ganz unbegründeten gesteigerten Sicherheitsinteresse von uns“, erklärt Roth.
Pro Jahr verzeichnet die Bibliothek des DÖW rund 600 Benutzer*innen mit einigen tausend Leihen im Buch- und Aktenbereich. Daneben mache auch die Beratung einen Großteil der Arbeit aus, immer wieder wenden sich Institutionen aus aller Welt mit Rechercheanfragen an das DÖW.

Dazu recherchieren auch Journalist*innen, Künstler*innen und Autor*innen vor Ort. Erich Hackl hat hier für Abschied von Sidonie recherchiert, die Regisseurin Barbara Albert hat nicht nur im DÖW recherchiert, sondern hier auch einige Szenen für ihren Spielfilm Die Lebenden, in dem es auch um Erinnerungskultur geht, gedreht. Die hohe Zahl an Anfragen und Recherchen unterstreichen für Roth die Bedeutung des DÖW und man merke dadurch, „dass wir unsere Arbeit hier nicht nur für uns machen, sondern dass es ein öffentliches Interesse an unserer Tätigkeit gibt“.

DSC_0383Generell werden die vom DÖW behandelten Themen, zu denen auch der Spanische Bürgerkrieg, die Roma und Sinti-Forschung, Rechtsextremismus oder aktuell auch ein Projekt zur Bestandszusammenführung der Exilzeitschrift Zeitspiegel (gemeinsam mit der Exilbibliothek im Literaturhaus sowie der Alfred Klahr Gesellschaft) gehören, in der Mitte der Gesellschaft diskutiert. Dazu haben laut Roth nicht nur die Waldheim-Affäre in den 1980ern sondern auch das Jubiläum zu „50 Jahre Republik“ 1995 sowie die Historikerkommission rund um das Jahr 2000 beigetragen. „Bei der Gründung des Dokumentationsarchivs hatte der Widerstand im Nationalsozialismus noch einen sehr starken Special Interest-Charakter. Dass das nun anders ist, freut uns natürlich, macht es für uns aber auch schwieriger, die Materialien niederschwelliger anzubieten. Schließlich wollen und müssen wir es den Benutzern möglichst einfach machen, bei uns auch das richtige zu finden“, erklärt Roth.

Bücher erzählen auch immer eine zweite Geschichte

Die ersten drei bis vier Jahre seiner Zeit als Bibliothekar habe er großteils nichts anderes gemacht, als im Speicher den Bestand kennenzulernen. Vor allem die Geschichte hinter den Büchern ist es, die den gelernten Buchhändler in seiner täglichen Arbeit fasziniert. „Ein Buch ist ein Buch, aber ein Buch erzählt mit seinen Besitzvermerken oder Anstreichungen auch immer eine zweite Geschichte“, erklärt Roth. Für die Zukunft wünscht er sich, dass der Wert des Analogen nicht verloren geht. „Viele Menschen haben ja heutzutage das Gefühl, dass ohnehin alles im Internet zu finden ist. Was nicht online ist, existiert praktisch nicht. Aber gewisse Dinge wird man immer nur in einer Bibliothek finden können. Dieses Bewusstsein zu verbreiten, ist mir in einer Zeit, in der viele Studierende und Gymnasiasten nur noch aus Google Books zitieren, sehr wichtig.“ Und dabei will Roth gar nicht „retro“ rüberkommen, schließlich arbeitet ja auch das dreiköpfige Bibliotheksteam daran, möglichst viele Bestände online verfügbar zu machen. „Aber die Menschen sollen wissen, dass dieses Stierln mit staubigen Fingern in Karteikarten auch was Tolles sein kann, bei dem man so manch bibliophilen Schatz entdeckt.“ Und das kann Stephan Roth, der Bibliothekar des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, wohl nur allzu gut aus eigener Erfahrung bestätigen.

get in contact: Bibliothek des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes – Wipplingerstraße 6-8 (Altes Rathaus), 1010 Wien – www.doew.atoffice@doew.at