„Besser was zu Lesen als stapelweise Klopapier“

Der Coronavirus (COVID-19) stellt derzeit jede/n Einzelne/n von uns vor große Herausforderungen. Neben den Ausgangsbeschränkungen und der Sorge um die Gesundheit, hat die Coronakrise aber auch ganz praktische Auswirkungen auf unsere Arbeit und unseren Alltag. Books in Vienna hat sich dazu mit einer Buchhändlerin, einer Leserin sowie einen Verleger unterhalten.

Die Buchhändlerin

Seit 16. März 2020 haben Wiener Buchhandlungen, genauso wie alle anderen nicht essenziellen Geschäfte, geschlossen. Schon vor diesem Datum ging die Kund*innenfrequenz deutlich zurück, erzählt Alice Leniston-Bohdal, die Geschäftsführerin der Buchhandlung tiempo nuevo in der Taborstraße. „Die Frequenz ist stark gesunken, ebenso die Bestellungen. Aber heute sind wieder mehr Kund*innen gekommen, um sich für die bevorstehenden Tage mit Lesestoff einzudecken, getreu des Mottos Besser was zum Lesen haben als stapelweise Klopapier“, sagte die Buchhändlerin am vergangenen Freitag, dem vorletzten Tag vor der Schließung der Buchhandlung.

Viel zu tun gibt es in der Buchhandlung, jetzt, nach dem 16. März, nicht mehr. Alle für den März geplanten Veranstaltungen wurden abgesagt. Die Inventur wurde bereits im Jänner erledigt, die Vorbereitung von Vertreter*innenbesuchen oder die Erledigung der Remissionen sind auch bereits erfolgt. „Wir haben aber gerade eine neue Lieferung an Reiseführern übernommen, in der Hoffnung, dass es bald wieder möglich sein wird zu reisen.“

Leicht gefallen ist ihr die Schließung der Buchhandlung nicht, „ich glaube, dass soziale Kontakte wichtig sind, auch und gerade in Zeiten wie diesen“. Um auch weiterhin für ihre Kund*innen da zu sein, hält die Buchhändlerin einen Versandservice aufrecht, Bücher können via E-Mail und Telefon bestellt werden. „Solange die Lieferdienste noch arbeiten, senden wir Bücher zu“, sagt Alice Leniston-Bohdal.

Als Lesetipp für die kommenden Tagen und Wochen hat Alice Leniston-Bohdal ein Buch von André Heller parat: „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter aus dem Zsolnay Verlag. Einfach, weil diese Erzählungen so phantasievoll sind und damit quasi ein Kontrastprogramm zu einer Realität, die viele verunsichert. Literatur kann zwar nicht heilen, aber zumindest für eine Weile Sorgen vergessen lassen.“

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„Solange die Lieferdienste noch arbeiten, senden wir Bücher zu“, sagt Alice Leniston-Bohdal von der Buchhandlung tiempo nuevo. Foto: Books in Vienna, Archiv

Die Leserin

Bis vor wenigen Tagen war Iwona Dullinger in die Lektüre von Saison der Wirbelstürme von Fernanda Melchor vertieft. „Aufgrund der aktuellen Ereignisse kann ich mich aber gerade sehr schwer auf das Buch konzentrieren und pausiere deshalb damit. Auch weil es darin um ein sehr schweres Thema geht, Femizide in Mexiko, werde ich nun vermutlich zu etwas anderem greifen.“ Zur Auswahl stehen unter anderem Die rechtschaffenen Mörder von Ingo Schulze oder Giovannis Zimmer von James Baldwin. Beide Romane hat Iwona am vergangenen Samstag bei ihrem letzten Besuch in ihrer Lieblingsbuchhandlung Leporello gekauft. „Beim Reinlesen im Laden hatte ich den Eindruck, dass sie fesselnd – ja, vielleicht sogar soghaft – sind und mich so eventuell ein bisschen auf andere Gedanken bringen könnten.“

Literatur bringt Iwona, die pro Monat rund fünf Bücher liest und dank ihres Buchvorrats daheim zur Not wohl auch mehrere Jahre ohne Neuanschaffungen auskommen würde, dabei nicht nur auf andere Gedanken, sie hilft ihr auch in der aktuell herausfordernden Situation. „Bücher wie Daniel Wissers Königin der Berge, Jean-Philippe Blondels Zweiundzwanzig oder David Wagners Leben haben mich bei der Einsicht unterstützt, dass es ein Irrglaube ist, alles in unserem Leben kontrollieren zu können. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat sehr viel Demut und Wertschätzung für mein Leben mit sich gebracht. Und sehr viel Gelassenheit. Das hilft mir in Krisenzeiten wie diesen“, sagt Iwona, die unter anderem auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin aktiv ist und sich generell viel mit dem Thema Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Iwonas Leseempfehlung für die kommenden Coronawochen: „Weil ich mir selbst gerade Bücher wünsche, die mich vom Dauerthema Coronavirus ablenken, empfehle ich jenes Buch, das ich zuletzt in einer nächtlichen Lektüreorgie verschlungen habe: Elena Ferrantes Tage des Verlassenwerdens.“

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Bücher wie Daniel Wissers „Königin der Berge“ helfen Iwona Dullinger in Krisenzeiten. Foto: Privat

Der Verleger

Die vergangenen Tage und Wochen waren für einen Verlag wahrlich kein Zuckerschlecken. „Die Absage der Leipziger Messe ist sehr schade, weil wir da stets unsere Presse- und Medienkontakte pflegen und schon das Herbstprogramm vorstellen“, blickt Ludwig Paulmichl vom Folio Verlag zurück. Erschwerend hinzu kommen die Absagen der für das Frühjahr geplanten Lesungen. „Bis sicher in den Spätsommer hinein schaut es duster aus. Und alle weiteren Veranstaltungen und Pressereisen sind abgesagt“, so Paulmichl gegenüber Books in Vienna. Wenigstens die Lesetournee mit Jonathan Coe, dessen Middle England der Haupttitel im Frühjahrsprogramm von Folio ist, konnte noch stattfinden. Das ändert jedoch nichts daran, dass, „wenn der gesamte Handel über Monate gesperrt ist, wir genauso wie der Buchhandel und alle anderen Verlage auch große Finanzierungsprobleme bekommen“, befürchtet Paulmichl.

Aktuell läuft der Betrieb im Verlag, soweit es die Umstände zulassen, weiter. „Wir können gut von zu Hause aus arbeiten“, so Paulmichl. Ob und wie die Bundesregierung die heimischen Verlage unterstützen könnte, darauf will und kann sich der Verleger zum jetzigen frühen Zeitpunkt der Krise noch nicht festlegen. Eine andere Prognose wagt Ludwig Paulmichl dagegen sehr wohl, wenn man ihn fragt, ob er in Zukunft mit der verstärkten Einsendung von Manuskripten zum Thema Pandemie rechnet: „Ja, ich fürchte schon“.

Ganz und gar nicht fürchten müssen sich die Leser*innen von Books in Vienna bei Ludwig Paulmichls Leseempfehlung für die aktuell herausfordernde Zeit. „Unser italienischer Autor Paolo Rumiz hat als Agnostiker ein Buch über den Benedikterorden geschrieben, der auf den Trümmern der durch Kriege und Pandemien versehrten europäischen Landstriche den europäischen Geist beschworen hat, der da fußt auf Arbeit, Spiritualität, Gemeinschaft und Barmherzigkeit.“ Der unendliche Faden soll Ende März im Handel sein und war im Vorjahr in Italien ein Bestseller. „Das Buch sollte Hoffnung geben und zu einem solidarischen hilfsbereiten Europa anleiten.“

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Der Buchhandel und die Verlage werden große Probleme bekommen, befürchtet Verleger Ludwig Paulmichl (im Bild mit Marialuise Thurner). Foto: Books in Vienna, Archiv

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