Der (richtige) Ruf zur richtigen Zeit

„Ich hätte da eine Idee für Sie.“ Mit diesem Satz fing im September 2007 alles an. Brigitte Wetter erhielt von einem Buchvertreter den Tipp, doch mal in der Gesslgasse im 23. Bezirk vorbeizuschauen. Dort werde ein Buchhändler bald in Pension gehen und ein Nachfolger werde gesucht, hieß es damals. „Ich habe zum Lachen angefangen und ihn gefragt, wie er sich das denn vorstellen würde. Eine eigene Buchhandlung war zwar immer mein Traum, aber wir hatten das damals gar nicht auf der Agenda und auch kein Geld dafür“, erzählt Brigitte Wetter dreizehn Jahre später im Gespräch mit Books in Vienna. Das Ehepaar Brigitte und Guido Wetter, beide zuvor schon jahrzehntelang in der Buchbranche tätig, hat sich das Geschäftslokal dann trotzdem an einem verregneten Septembertag mal angesehen. „Und dann ging es ganz schnell. Anfang Dezember 2007 haben wir unterschrieben und im Februar 2008 die Buchhandlung in Mauer eröffnet“, erzählt Brigitte. „Es war einfach der Ruf zur richtigen Zeit.“

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Mauer ist ein Bezirksteil von Liesing und liegt eingebettet zwischen dem namensgebenden Fluss im Süden, der S-Bahn-Stammstrecke im Osten und dem Lainzer Tiergarten im Nordwesten. Hier befindet sich mit der Wotrubakirche nicht nur eine „Ikone“ (Architekturzentrum Wien) des österreichischen Brutalismus, sondern hier gibt es auch zahlreiche Heurigen, die nicht so überlaufen sind, wie jene in den weiter nördlich gelegenen Wiener Weinbaugebieten. Steht man auf dem Maurer Hauptplatz, so könnte man sich genauso gut in eine kleinen Gemeinde in einem anderen Bundesland verpflanzt fühlen. Und nicht weit entfernt vom Hauptplatz, in der Gesslgasse 8A, befindet sich die Buchhandlung von Brigitte und Guido Wetter.

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„Im Grunde ist das hier eine richtige Dorfbuchhandlung, bei der wir die meisten unserer Kundinnen und Kunden mit Namen kennen“, erzählt Brigitte. „Das Familiäre hier ist wirklich sehr nett und ich stehe sehr gerne im Geschäft“, fügt Guido hinzu. Die Funktion als lokaler Buchnahversorger gibt dabei natürlich ein Stück weit die Gestaltung des Sortiments vor. „Eine Spezialisierung wäre nicht sehr sinnvoll“, sagt Brigitte. „Belletristik, wichtige Sachbücher und natürlich viele Kinder- und Jugendbücher“, benennt Guido die gängigen Genres, „und wenn im Kunsthistorischen Museum mal eine besondere Ausstellung ist, haben wir auch den Ausstellungskatalog da.“

Kritische Leser*innenschaft

Im Vergleich zu ihren früheren Berufsstationen in zentraler gelegenen Buchhandlungen sei durchaus ein anderes Leseverhalten in Mauer wahrzunehmen. „Unsere Kundinnen und Kunden sind viel anspruchsvoller und kritischer. Sehr viele Mütter lesen zum Beispiel die Kinderbücher, bevor sie dem Nachwuchs ausgehändigt werden. Das kannte ich so gar nicht“, erzählt Brigitte. „Natürlich bieten wir auch leichtere Unterhaltung an“, ergänzt ihr Mann, „aber das funktioniert hier nicht so gut wie an anderen Standorten. Krimis gehen natürlich schon sehr gut, aber Bücher mit einem leichten Schmunzeln oder Schmonzetten, die gehen hier sehr viel weniger.“

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Das Lesen an sich ist für beide ein elementarer Bestandteil ihres Lebens. „Das Wort Eintauchen klingt in diesem Kontext so abgedroschen, aber ich habe schon als Kind gelesen, um meine eigene Welt zu haben, in der ich voll und ganz aufgehen kann. Lesen ist wie Essen, also etwas Lebensnotwendiges“, sagt Brigitte. Sie liest querbeet, eher weniger Sachbücher, dafür hin und wieder auch mal einen Krimi, „die blutrünstigen Krimis überlasse ich aber lieber unserer Kollegin“. Guido ist eher im Fantasybereich unterwegs. „Leider komme ich kaum dazu, weil ich als Buchhändler natürlich sehr viele andere Bücher lesen muss.“ Wobei das Wort müssen in diesem Kontext wohl zu relativieren ist, „denn das mache ich natürlich auch gerne.“ Und weil auch die Tage in der Buchhandlung in Mauer nur vierundzwanzig Stunden haben und man nicht alles selbst lesen kann, sind beide dazu übergegangen, sich gegenseitig Buchempfehlungen zu machen. „So sparen wir Zeit, das geht sich sonst alles nicht aus“, erklärt Guido. „Das Problem, das jede Leserin und jeder Leser hat“, fügt Brigitte mit einem kleinen Seufzer hinzu. Ausnahmen bestätigen aber natürlich auch hier die Regel und wenn einem der beiden ein Buch besonders gut gefällt (wie zuletzt zum Beispiel Die Bagage von Monika Helfer), dann liest es der andere vielleicht doch noch.

Befreiete Sortimentsbespielung

Auch wenn Guido zu Beginn der Selbstständigkeit noch ein bisschen überzeugt werden musste, sind beide seit der Gründung vor zwölf Jahren sehr zufrieden mit dem Lauf der Dinge. „Es hat sich toll entwickelt, die Leute hier im Grätzl haben sich sehr gefreut, dass jetzt ein Buchgeschäft da ist. Und es ist einfach sehr befreiend, wenn man als Buchhändler zum Beispiel das Sortiment selbst bestimmen kann“, blickt Guido zufrieden zurück.

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Seit 2018 gibt die Buchhandlung in Mauer gemeinsam mit dem Buchkontor und den Seeseiten zweimal jährlich das Magazin Die besten aller Seiten heraus. „Das ist entstanden, weil unglaublich viele Kundinnen und Kunden von uns gefragt haben, ob wir nicht etwas zum Durchblättern für sie haben“, sagt Brigitte Wetter. Das Magazin enthält Buchempfehlungen sowie ein von Autor*innen verfasstes Editorial. Die besten aller Seiten wird im jeweiligen Einzugsgebiet der Buchhandlungen als Beilage in Lokalzeitungen beigelegt sowie liegt in den drei Buchhandlungen zum Mitnehmen auf.

Die Coronakrise und die mit ihr einhergehenden Einschränkungen des lokalen Handels haben daran nichts geändert. „Wir haben diesen Wahnsinn bisher ganz gut überstanden“, erzählt Brigitte. Kurzentschlossen hat die Buchhandlung auf Hauszustellung in Mauer umgestellt und da die Kund*innen dieses Service sehr gerne angenommen haben, ist man unbeschadet durch die vergangenen Wochen gekommen. „Seit wir wieder geöffnet haben, haben wir ein bissl das Gefühl einer Vorweihnachtsstimmung. Alle sind so glücklich, dass wir wieder offen haben. Da macht es ihnen auch überhaupt nichts aus, vor der Türe zu warten, bis wieder jemand den Laden verlässt und sie endlich wieder schmökern dürfen.“

Und so sind Brigitte und Guido Wetter, und mit ihnen die Buchhandlung in Mauer, gekommen um zu bleiben. „Da müsste der Buchhandel schon komplett aussterben, damit wir nochmal etwas anderes machen würden“, sagt Brigitte. Und das erscheint dann doch eher unwahrscheinlich.

get in contact: Buchhandlung in Mauer – Gesslgasse 8a, 1230 Wien – www.buchhandlunginmauer.atbuch@wetter.co.at