„Wir sind hier wirklich ein Ort für alle“

In den Regalreihen im Erdgeschoss des Hauses in der Hütteldorfer Straße 81a stehen Bücher mit Titeln wie Gary un’s lant ana zait, Asante Twi for Junior High Schools oder Ça y est, on l’a! et autres histoires inédites du Petit Nicolas. Wem das alles Spanisch vorkommt, die/der sollte definitiv einen Blick in die Kinderbücherei der Weltsprachen werfen. Dort finden (nicht nur) Kinder und Jugendliche Bücher und andere Medien in dutzenden verschiedenen Sprachen.

Begonnen hat alles mit einer sehr umfassenden Bücherspende im Jahr 2015. „In dem Jahr ist William Chadwick von Who I am auf die Büchereien zugekommen, der im Rahmen der Turn the Page Challenge über viertausend fremdsprachige Bücher gesammelt hatte“, erzählt Aleksandra Djaković im Gespräch mit Books in Vienna. Die Bücherei in der Hütteldorfer Straße, nicht weit entfernt vom Meiselmarkt, war zuvor eine ganz normale Zweigstelle der Büchereien Wien, die über einen Osteuropaschwerpunkt verfügte. Da es mit der Hauptbücherei am Gürtel und der damals neuen Zweigstelle in Penzing in unmittelbarer Nähe ohnehin zwei gutausgestattete Standorte gab, entschied man sich dafür, die Zweigstelle in der Hütteldorfer Straße in eine Spezialzweigstelle zu verwandeln, die sich voll und ganz der fremdsprachigen Kinder- und Jugendliteratur verschreiben sollte.

Nach der Übernahme der Bücher von Who I am stand – wie bei allen Bücherspenden – erstmal die Katalogisierung des Bestandes auf dem Programm, zusätzlich wurde der Inhalt der Bücher mit Blick auf die inhaltlichen Richtlinien der Büchereien Wien überprüft. „Ich habe hier mal ein aussortiertes Bilderbuch gefunden, in dem jemandem der Kopf abgesäbelt wurde. Das geht natürlich nicht. Uns sind die Werte sehr wichtig, die den Kindern und Jugendlichen durch die Bücher in unseren Beständen vermittelt werden. Deswegen schauen wir da sehr genau drauf“, sagt Aleksandra Djaković.

Von rund 4.000 Büchern und Medien, mit denen Djakovićs Vorgängerin Majda Kovacevic vor fünf Jahren den Betrieb gestartet hatte, ist der Bestand mittlerweile auf knapp 14.000 Titel angewachsen. Zielgruppe sind neben Kindern und Jugendlichen, die ihre Fähigkeiten in ihrer Muttersprache verbessern oder einfach mal Lust auf ein fremdsprachiges Bilderbuch haben, natürlich auch Schülerinnen und Schüler. Zusätzlich bietet die Zweigstelle seit 2017 auch einen Pädagogikbestand, inklusive DAF- und DAZ-Materialien, der von Lehrer*innen und Studierenden sehr gut angenommen wird. „Oft sind diese Bücher ja in der Hauptbücherei vergriffen, da freuen sich die Leute, wenn sie die Werke bei uns auch bekommen können“, sagt Djaković.

Miteinander aus Angestellten und Leser*innen

Die Leiterin der Spezialzweigstelle, die zuvor auch in der Hauptbücherei sowie in den Zweigstellen am Schöpfwerk und in der Gumpendorfer Straße tätig war, weiß an diesem Standort neben den zahlreichen strahlenden Kinderaugen auch das Miteinander zwischen Angestellten und Leser*innen sehr zu schätzen. „Wir bekommen viele Anregungen für Buchanschaffungen von unseren Leser*innen, da sind immer wieder tolle Tipps dabei, die wir gerne in unseren Bestand aufnehmen. Eine Leserin aus Ungarn hat uns zum Beispiel bei der Aktualisierung unseres ungarischen Bestandes geholfen und sogar einen Kontakt zu einer Buchhandlung in Ungarn organisiert. Das hat wunderbar geklappt.“ Hinzu kommen Freiwillige, die mit ihren Sprachkenntnissen immer wieder beim Katalogisieren aushelfen. „Bei Sprachen mit anderen Schriftzeichen, wie Arabisch oder Chinesisch, tun wir uns sehr schwer, da freuen wir uns immer über Unterstützung“, so Djaković. Sehr hilfreich war in diesem Kontext auch die Unterstützung eines Geflüchteten, der im Vorjahr dabei half, hundert Bücher in paschtunischer Sprache zu katalogisieren.

Auch die Kolleg*innen der Büchereien unterstützen Aufbau und Aktualisierung des Bestandes immer wieder, so hat eine Kollegin vor einiger Zeit die polnischen und ungarischen Kinderbücher ihrer eigenen Kinder gespendet. Ein anderer Kollege hatte mal angeboten, nach Tschetschenien zu fahren, um auf der Rückfahrt im Kofferraum ein paar Bücher mit nach Wien zu nehmen. „Das war uns dann aber doch ein bisschen zu gewagt“, sagt Djaković, obwohl es wirklich eine große Herausforderung sei, Kinderbücher in tschetschenischer Sprache zu bekommen. „Das sind die Tätigkeiten, mit denen wir sehr viel Zeit verbringen und die mitunter sehr aufwendig sind. Aber es gibt viele Buchhändler*innen und Leser*innen, die uns dabei unterstützen und das ist sehr sehr schön.“

Kontakt zu ihren Leser*innen hält die Kinderbücherei der Weltsprachen auch über ihre regelmäßigen Veranstaltungen. Die beliebte Reihe Spielerisch Deutsch lädt, wenn nicht gerade ein Coronavirus das gesamte Veranstaltungsprogramm lahmlegt, genauso zum Kennenlernen ein wie die Mehrsprachige Geschichtenzeit, Workshops mit taktilen Bilderbüchern („das gehört für uns zur Mehrsprachigkeit dazu, auch wenn wir der Blindenbibliothek natürlich keine Konkurrenz machen wollen“) oder Lesungen in unterschiedlichen Sprachen. Bei letzteren hat es sich als essenziell herausgestellt, dass man die in Wien lebende Community erreicht. „Man kann noch so viel auf Facebook posten oder Flyer drucken, das Wichtigste ist, dass es sich in der jeweiligen Community herumspricht.“

Als Leiterin einer solchen Bücherei hat Aleksandra Djaković natürlich auch persönliche Kinderbuchfavourites, darunter Aufgeräumt! von Emily Gravett („ich räume selber gerne auf und habe es gern ordentlich, da ist so ein eigentlich gegen das Aufräumen gerichtetes Buch ganz gut, weil Chaos eben manchmal wirklich schöner ist“) oder Paule Pinguin allein am Pol von Jory John und Lane Smith. Und natürlich schaut und liest Aleksandra Djaković nicht nur für sich selbst die Bücher durch, auch das Vorlesen kommt nicht zu kurz. „Es ist immer schön, wenn man mal Grimassen machen oder seine Stimme verstellen kann. Das funktioniert oft auch richtig gut ohne Bilder, also wenn nur gelesen wird. Kinder schauen heutzutage ohnehin schon so häufig auf Bildschirme, da tut es ihnen auch mal gut, wenn sie sich ohne Bilder auf etwas konzentrieren.“

Mit Kinderbüchern die eigenen Sprachskills verbessern

Auch wenn Aleksandra Djaković grundsätzlich sehr zufrieden ist, gibt es natürlich noch Ideen und Potenzial für Verbesserungen. „Es wäre schön, wenn die Leute ein bisschen die Angst vor uns verlieren würden. Eine Bücherei als Institution, bei der man sich einschreiben lassen muss, das kann zur sprachlichen und kulturellen Schwelle werden. Dabei sind wir hier wirklich ein Ort für alle und es ist sehr schön, dass hier so unterschiedliche Menschen herkommen.“ Menschen, denen die eingangs erwähnten Bücher in zimbrischer Sprache oder in der Aksan-Sprache Twi nicht spanisch vorkommen. Oder Menschen, wie jener Mann, ca. Mitte fünfzig, der eines Tages zur Tür hereinkam und nach singhalesischen Kinderbüchern gefragt hat. „Nicht für seine Tochter oder seinen Sohn, sondern weil er seine eigenen Sprachskills verbessern wollte.“

get in contact: Kinderbücherei der Weltsprachen – Hütteldorfer Straße 81a, 1150 Wien – buecherei.wien.gv.atkinderbuechereimeiselmarkt@buechereien.wien.at

Aktuell (Stand 2. Juni 2020) ist die Kinderbücherei der Weltsprachen im Rahmen der normalen Öffnungszeiten geöffnet, es sind jedoch lediglich Ausleihe, Rückgabe oder z.B. Anmeldung möglich (kein Aufenthaltsort!). Benutzer*innen müssen einen Meter Abstand zu anderen Personen einhalten und eine Maske tragen, es gibt zudem Beschränkungen bzgl. der Maximalzahl der in den Räumlichkeiten anwesenden Benutzer*innen. Aktuelle Informationen rund um die Regelungen im Zuge der COVID-19-Maßnahmen findet ihr auf der Website der Büchereien Wien.