Villa Fantastica: Eintauchen in neue Welten

Wenn in der realen Welt Reisewarnungen ausgesprochen und Auslandsreisen gecancelt werden, gewinnt das Kopfkino an Bedeutung. So manche*r wünscht sich in Zeiten der Coronapandemie in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort. Im 13. Wiener Gemeindebezirk gibt es einen Platz, der sich wie wohl kaum ein anderer in Wien für Kopfkinoreisen der ganz besonderen Art eignet: die Villa Fantastica.

Es ist eine wahrlich fantastische Welt, in die man auf drei Etagen in der rosafarbenen Villa im Hietzinger Cottageviertel eintaucht. Über 50.000 Bücher, Hefte, Filme und Hörbücher befinden sich in den gut gefüllten Regalen, davon über 5.000 in englischer Sprache. Ein Paradies für alle Fans von Science Fiction, Fantasy oder Horror sowie all jene, die dies noch werden wollen. Die Bibliothek geht auf die Privatsammlung von Helmuth W. Mommers zurück, seit 2011 ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich. Mommers ist seit den 1950ern begeisterter Science-Fiction-Fan, war auch selbst als Autor und Herausgeber tätig. „Es war sein Jugendtraum, eine solche Bibliothek aufzubauen“, sagt Georg Pestal, der seit 2017 Teil des Teams der Villa Fantastica ist und den Autor dieser Zeilen durch Tiefparterre, Ober- und Dachgeschoß der Villa führt.

„Kein Verlag der Welt hätte früher ein Science-Fiction-Buch veröffentlicht“, sagt Georg Pestal über die Nachkriegszeit. Seit 2017 ist er Teil des Teams der Villa Fantastica.

Die Villa Fantastica lebt von Spenden von Verlagen oder Sammlern, die ihre eigenen kostbaren Schätze der phantastischen Literatur der Villa vermachen. Wer mag, kann hier in eine Welt aus Perry Rhodan-Heften, Star Trek-Sekundärliteratur oder in eine beeindruckende Sammlung aus Pulp-Magazinen eintauchen, die bis in die 1940er-Jahre zurückreicht. „Die US-amerikanischen Pulp-Magazine waren damals die Szene für spekulative Literatur“, erzählt Pestal im Gespräch mit Books in Vienna. Das für die Produktion dieser Hefte verwendete Papier war aufgrund der Ressourcenknappheit während des Krieges stark holzlastig und ziemlich billig. Gehalten haben sich die Hefte trotzdem bis heute.

„Science-Fiction war früher billige Literatur“

Die inhaltlichen Unterscheidungen zwischen Science-Fiction, Fantasy, Horror oder Science-Fantasy seien damals noch nicht so streng gewesen, aber wenn ein englischsprachiger Autor in den 1960ern seine Geschichten aus diesem Genre veröffentlichen wollte, war er auf Pulp-Magazine wie Amazing Stories angewiesen. „Kein Verlag der Welt hätte damals ein Science-Fiction-Buch herausgebracht. Science-Fiction war billige Literatur, die man sich für ein paar Cent am Zeitungsstand gekauft hat“, sagt Pestal. Erst als die Beliebtheit der Geschichten in den Heften stieg, sprangen die Verlage – aus ökonomischen Gründen – auf den Science-Fiction-Zug auf. Einzelne Magazinausgaben wurden zu Büchern zusammengefasst, die ersten Autoren wie Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov bekamen Angebote für Bücher. Schon bald begannen die Verlage damit, sich in der phantasievollen Ausstattung der Bücher gegenseitig zu übertreffen. Cover mit 3D-Effekten, Metall- und Reliefdruck – je ausgefallener, desto besser. Ironie der Geschichte: Am Ende funktionierten die Bücher so gut, dass die Magazine immer mehr an Bedeutung verloren.

Nur durch diese Entwicklung wurden jedoch „epische Werke der Science Fiction“ (Pestal) wie Heinleins Future History oder der Foundation Zyklus von Isaac Asimov, eine über drei Jahrzehnte entwickelte Science-Fiction-Saga über den Untergang eines galaktischen Imperiums und den darauf folgenden Neuaufbau einer interstellaren menschlichen Zivilisation, überhaupt erst möglich. „Die Europäer haben sich mit Segelschiffen auf der ganzen Welt verbreitet. Asimov hat sich gedacht, dass das ja auch mit Raumschiffen im Weltraum funktionieren könnte“, erklärt Pestal. Asimov war es auch, der die Robotergesetze formulierte, die vom modernen Hollywood (z.B. in I, Robot mit Will Smith) genauso aufgegriffen wurden wie von Wissenschaftler*innen, wenn es um die Entwicklung von künstlicher Intelligenz geht.

Welterfolg made in Germany: Perry Rhodan

In Europa und vor allem im deutschsprachigen Bereich kommt man, wenn man über Science-Fiction spricht, an einem Namen nicht vorbei, der sich seit Erscheinen des ersten Heftes im Jahr 1961 zum Welterfolg entwickelt hat: Perry Rhodan. „Damals dachte man, dass diese Serie vielleicht ein Jahr bestehen wird“, blickt Pestal zurück. Ab 1978 wurden die Hefte in Buchform erneut herausgebracht (die so genannten Silberbände). Über 3.000 Hefte und 150 Silberbände sind bisher erschienen, allesamt zugänglich sind sie in der Villa Fantastica. Ebenso wie Hefte von diversen Rhodan-Vorserien wie Terra oder Utopia aus den 1950ern oder Sekundärliteratur mit zum Beispiel den legendären Risszeichnungen.

Eines der Prunkstücke der Villa Fantastica: Die Perry Rhodan-Sammlung

Neben den zahlreichen Perry Rhodan-Regalmetern findet sich in der Villa Fantastica natürlich auch ein reicher Star Trek– und Star Wars-Bestand, inklusive Fanzeitschriften, Parodien und Sekundärliteratur wie zum Beispiel ein Skizzenbuch mit den Originalskizzen der Serie. „Schwer zu sagen“, antwortet Georg Pestal auf die Frage, ob es mehr Star Trek– oder Star Wars-Literatur gibt. Jedenfalls sei es üblich, eher Fan von einer Serie zu sein und nicht beide gleich gut zu finden. „Das ist aber nicht so schlimm wie die Rivalität im Fußball“, beruhigt Pestal. Er selbst schätzt an Star Trek, dass die Serie immer versucht habe, sich auf wissenschaftlich fundiertem Terrain zu bewegen bzw. aufzuzeigen, in welche Richtung sich die Wissenschaft zukünftig bewegen könne. „Star Wars ist natürlich auch toll, aber das ist für mich eher Science-Fantasy und nicht Science-Fiction, denn es werden sämtliche Regeln der Wissenschaft gebrochen.“

Space Opera, Playboy, Ufologie & Co

Gebrochen werden die Regeln der Wissenschaft mitunter ebenso von Autor*innen, deren Werke im Dachgeschoss im Ufologie-Regal stehen. Da wird dann schon mal behauptet, dass die antiken Kulturen von Aliens beeinflusst waren, die mit ihren Raumschiffen auf der Erde vorbeigeschaut haben. „Auch wenn das keinem wissenschaftlichen Standard standhält, sind da manch unterhaltsame und humorvolle Bücher dabei“, erklärt Pestal. Und auch sonst findet sich reichlich unterhaltsame Literatur in der Villa Fantastica. Von bedrohlichen Spekulationen über die nähere Zukunft von zum Beispiel Marc Elsberg bis zur Space Opera von Peter F. Hamilton; von Kampfstern Galactica-Episoden bis hin zu qualitativ hochwertigen Science-Fiction-Stories im Playboy; von Stephen King und J. R. R. Tolkien bis hin zum Begründer der phantastischen Horrorliteratur, H. P. Lovecraft.

Am Ende des zweistündigen Rundgangs durch die verwinkelten Gänge der Villa Fantastica bleibt schließlich nur noch eine Frage offen: Was fasziniert Georg Pestal so sehr an der phantastischen Literatur? „Als Kind war ich total fasziniert von den Möglichkeiten, die in der Science-Fiction aufgezeigt wurden. Ich war überzeugt davon, dass ich es noch erleben werde, dass die Menschen eine Mondkolonie gründen werden und dass es galaktische Föderationen geben wird“, erzählt Pestal. Dass (bisher) nichts davon eingetreten ist, hat seiner Begeisterung keinen Abbruch getan, auch wenn sich eine gewisse Ernüchterung breitgemacht hat. „Viele technische Trends, vor allem die Miniaturisierung der Computer, hat die Science-Fiction nicht vorhergesehen. Der inhaltliche Fokus lag meist auf der Eroberung des Weltraums, doch fast nichts von den Prophezeiungen ist eingetreten. Asimov hat geschrieben, dass wir im Jahr 2020 zum Pluto fliegen werden. Dabei sind wir momentan nicht mal in der Lage, auf dem Mond zu landen.“ Vielleicht auch deshalb hat die allgemeine Begeisterung für die Drachen und Schwertkämpfe der Science-Fantasy jene für die klassische Science-Fiction in den letzten Jahren überflügelt. Doch egal welche Form der phantastischen Literatur nun das eigene Kopfkino bevorzugt: Fix ist, dass sich in der Villa Fantastica (mit der passenden Adresse Neue-Welt-Gasse 12) in jedem Fall spannende neue Welten eröffnen.

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