Texten Luft zum Atmen geben

Das Gespräch mit Martin Peichl und Raoul Eisele findet im spätsommerlichen September im Gastgarten eines Lokals auf der Wieden statt. Den Takt des Interviews gibt dabei der 59A vor, der im 7-Minuten-Intervall am Gastgarten entlangfährt und mit seinen lauten Motorgeräuschen Eisele und Peichl immer wieder Gelegenheit gibt, ihre Antworten rund um ihre neue Lesereihe Mondmeer & Marguerite abzuwägen. Wobei, so ganz neu ist die in Hernals stattfindende Reihe, die auf sechs Lesungsabende pro Jahr ausgelegt ist, auch nicht mehr. Nach einer Generalprobe im vergangenen Jahr startete Mondmeer & Marguerite bereits im Jänner 2020. Doch Corona verhinderte ein früheres Zusammentreffen zwischen den beiden Lesereihe-Organisatoren und Books in Vienna.

Die Idee, eine neue Lesereihe ins Leben zu rufen, kam Raoul im vergangenen Herbst. „Patricia Ziegler hat damals den Co-Working- und Event-Space The Nest gegründet, den sie sehr offen gestalten wollte. Ich habe dann mal angefragt, ob man dort eine Lesung machen könnte“, erzählt Raoul. „Bei der Generalprobe habe ich gemerkt, dass dieser besondere Ort die Möglichkeit bietet, Texte ohne Störgeräusche aufzufächern und ihnen Luft zum Atmen zu geben“. In Martin Peichl war schnell ein Mitorganisator gefunden, beide hatten bereits durch einen gemeinsamen Abend von Martins früherer Lesereihe In einer komplizierten Beziehung mit Österreich geführt und bei dieser Gelegenheit festgestellt, dass man auf der Bühne gut miteinander harmoniert. Ein Name für die Lesereihe war auch schnell gefunden. „Mondmeere sind Spuren aus der Vergangenheit, nämlich Krater, die in der Frühphase des Mondes entstanden sind. In unserer Lesereihe wollen wir Texte präsentieren, die Spuren bei den Zuhörer*innen hinterlassen sollen“, erklärt Martin. Die Marguerite kam dann aus lautmalerischen und inhaltlichen Gründen hinzu, u.a. als Referenz an die französische Schriftstellerin Marguerite Duras, stellvertretend für die Idee, in der Lesereihe vor allem Schriftstellerinnen vor den Vorhang zu bitten.

Aufmerksamkeit und Wertschätzung

Die offizielle Premiere der Lesereihe erfolgte am 18. Jänner 2020, Esma Ahmedi, Katherina Braschel und Barbara Rieger trugen Texte vor und gaben einen Einblick in ihr Schreiben. Jede/r Autor*in liest rund zwanzig Minuten, „das ist eine gute Zeit, in der man die Aufmerksamkeit halten kann“, betont Raoul. Und Aufmerksamkeit sowie Wertschätzung für die vorgetragenen Texte sind die zentralen Elemente der Lesereihe. Denn hier werden keine lauten „In-your-Face-Texte“ (Martin) vorgetragen, sondern Texte, die genaues Zuhören erfordern. „Wenn uns Autor*innen und Zuhörer*innen nach einer Lesung sagen, dass sie die Atmosphäre bei uns genossen haben, dann haben wir genau das erreicht, was wir mit der Lesereihe erreichen wollen, nämlich einen Ort der gegenseitigen Wertschätzung“, sagt Martin.

Inhaltlich war Mondmeer & Marguerite als Lesereihe für junge deutschsprachige Literatur gedacht, wobei sich das Wort jung auf das Alter der Texte und nicht auf jenes der Autor*innen bezieht. Doch schon im Lauf des ersten Jahres hat sich gezeigt, dass das inhaltliche Programm vielschichtiger ausfällt. So las mit Katja Grcic gleich bei der zweiten Ausgabe eine kroatische Autorin. „Wir wollen Autorinnen und Autoren, die schon ein bisschen Reichweite haben, mit jenen Autor*innen mischen, die sonst nicht so leicht eine Bühne bekommen. Wichtig ist, dass die Texte uns erreichen und berühren“, erklärt Martin das modifizierte Konzept, wohlwissend, dass damit auch eine Gatekeeper-Funktion einhergeht. Letzteres versuche man daher „im positivsten Sinne des Wortes auszuleben“. Netter Nebeneffekt der inhaltlichen Programmierung ist, dass auch der eigene Lesehorizont der beiden Organisatoren erweitert wird. „Dadurch, dass Raoul die inhaltliche Konzeption im ersten Jahr übernommen hat, bin ich in den Genuss von Autorinnen wie Katja Grcic oder Caca Savic gekommen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte“, erzählt Martin.

Einen besonderen Fokus in der inhaltlichen Programmierung legt Raoul ganz bewusst auf die Lyrik. „Das ist mir nicht nur deshalb ein Anliegen, weil ich selbst Lyriker bin, sondern weil die Lyrik generell deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommt als Prosa“, sagt Raoul, der u.a. 2019 den Lyrikpreis der Energie Burgenland gewann. Das The Nest eigne sich dafür aufgrund der oben beschriebenen Eigenschaften ausgezeichnet. „Bei Prosa-Lesungen ist es vielleicht weniger tragisch, wenn mal zwei Sätze im Hintergrundrauschen verschluckt werden, weil ja die Gesamtgeschichte vorhanden ist. Aber Lyrik braucht den gesamten Raum. Wenn Du zwei Verszeilen nicht mitbekommst, ist der Text schon nicht mehr so ganz da und die Aufmerksamkeit geht verloren“, erklärt Raoul. Auch Martin, dessen Bierdeckelgedichte und Geschichten dieser Tage bei Kremayr & Scheriau erscheinen, findet sich in diesem inhaltlichen Rahmen wieder, wenngleich er diesen nicht so streng definiert. „Die theoretischen Grenzen sind mir bewusst, Lyrik ist das mit den Zeilenumbrüchen und so, schon klar. Aber gute Prosa- und Dramatexte passen bei uns auch gut rein, weil sowas oft gute lyrische Prosa ist.“

Einig sind sich beide auch darin, dass die Lyrik im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdienen würde. „Man muss nur in eine Buchhandlung schauen, wie klein das Lyrikangebot dort ist“, erklärt Martin. „Dabei konsumiert jeder von uns eh viel mehr Lyrik als uns bewusst ist. Songtexte zum Beispiel finden viele Leute sehr okay, aber zu Lyrik haben sie kurioserweise ein schwieriges Verhältnis. Dabei ist Lyrik sehr viel mehr als Reime und Zeilenumbrüche.“ Dieses öffentliche Bild über Lyrik zu ändern, das wird nach neun Intervallen des 59A im Gastgarten auf der Wieden, klar, auch das ist ein Vorhaben, dass sich Raoul und Martin vorgenommen haben.

Die nächsten Ausgaben von Mondmeer & Marguerite sind – sofern nicht eine gewisse Pandemie die Pläne durchkreuzt – für den 30. Oktober (in Kooperation mit den Gläsernen Texten) sowie den 28. November geplant.

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Fotos: Mondmeer & Marguerite (4)