„Als ob man gegen eine Wand rennt“

Die Buchbranche hat Stefanie Jaksch (im Foto rechts neben Bürokollege Keanu Reeves) auf verschiedensten Stationen kennengelernt. Begonnen hat sie in Lhotzkys Literaturbuffet, später ging es ins Buchkontor. Ebendort gab ihr Ulla Harms die Möglichkeit, mit der Perlen-Reihe erstmals Verlagsluft zu schnuppern. 2016 wechselte sie zu Kremayr & Scheriau, wo sie sich um die Pressearbeit kümmerte. „Bei der Perlen-Reihe habe ich quasi die Grundausstattung bekommen. Erst dort habe ich verstanden, was es wirklich bedeutet, Bücher zu machen“, blickt Stefanie Jaksch auf ihre ersten Schritte im Verlagsgeschäft zurück. Seit Oktober 2020 zeichnet sie nun für das Verlagsprogramm von Kremayr & Scheriau verantwortlich und sagt: „Jetzt bin ich wohl so richtig angekommen.“

Nicht sofort „Ja“ gesagt

Jaksch wechselte 2016 zu Kremayr & Scheriau, dort tauschte sie Bücherproduktion gegen Bücherkommunikation, was „schon ein bisschen mit Herzbluten verbunden war“.  Folgerichtig begann sie zusätzlich zur Pressearbeit zu lektorieren sowie andere Verlagsprojekte zu übernehmen. Als Barbara Köszegi, die Programmleiterin für den Sachbuchbereich, den Verlag verließ, folgte ihr Jaksch in dieser Position im Herbst 2018 nach. Als sie heuer im Sommer dann zum ersten Mal gefragt wurde, ob sie Verlagsleiterin werden wollen würde, „habe ich nicht sofort ja gesagt“, gibt sie zu. „Nicht weil ich es nicht machen wollte, sondern weil ich das in Ruhe überlegen, mit meinen Kolleg*innen sowie vor allem auch mit meinem Partner bereden wollte. Schließlich bindet man sich für eine relativ lange Zeit an solch einen Job. Auch, weil man ja die Effekte der eigenen Arbeit sehen will.“

Vorbilder in der Führung eines Verlags hat sie nicht, vielmehr lässt sie sich von Kolleg*innen, die ihren Job mit Herzblut und Empathie machen, inspirieren. Und dass es davon einige in Österreich gibt, daran lässt Jaksch, die sich schon lange für ein gutes Miteinander in der Buchbranche einsetzt, im Gespräch mit Books in Vienna keinen Zweifel. Und auch intern versteht sie sich als Teamplayerin. „Jede*r im Verlag soll das Gefühl haben, dass man mich ansprechen kann, ein angenehmes Arbeitsumfeld ist mir sehr wichtig.“

Überzeugungstäter

Ihre neue Funktion bei Kremayr & Scheriau hat sie zwar erst am 1. Oktober 2020 übernommen, doch ihre gestalterischen Spuren hat sie mit der Essayreihe übermorgen bereits im aktuellen Herbstprogramm hinterlassen. Die Idee zu einer Buchreihe, die zwar die essayistische Langform bedient, trotzdem aber in einem „schaffbaren Umfang“ bleibt, hatte sie vor über zwei Jahren. Die Essayform soll Autor*innen die Möglichkeit geben, aus ihrer ganz persönlichen Expertise heraus Gedanken zu einen einzelnen Begriff zu entwickeln und zu formulieren. Herausgekommen sind mit Angst, Heimat und Offenheit die ersten drei Bände der Reihe, die Leser*innen dazu einladen sollen, die themengebenden Begriffe weiterzudenken. „Man weiß, was gestern war, man weiß, was heute ist und wir planen das Morgen. Aber wer macht sich wirklich Gedanken darüber, was übermorgen passiert“, stellt Stefanie Jaksch jene Frage, die schließlich auch zum Titel der Essayreihe geführt hat. übermorgen soll genauso wie das gesamte Sachbuch- und Literaturprogramm von Kremayr & Scheriau den Leser*innen unerwartete Momente schenken. „Unsere Autor*innen haben ihre ganz eigene Weltsicht und eine damit verbundene eigene Stilistik und Stimme“, sagt Jaksch und verweist zum Beispiel auf Petra Piuk, die in ihrem Buch Wenn Rot kommt „ganz eigene Erzählformen findet, fast schon wie ein Bewusstseinsstrom. Genau diese anderen Welten und Sichtweisen wollen wir unseren Leser*innen anbieten. In dieser Hinsicht sind wir hier im Verlag alle Überzeugungstäter.“

Unbequem sein

Den relativ großen, bereits vorhandenen, Autor*innenstamm will Jaksch beibehalten, sich gleichzeitig aber auf die Suche nach jüngeren Autor*innen begeben. Die Altersstruktur soll ausgewogener gestaltet werden, „weil ich der Meinung bin, dass auch Menschen mit Mitte oder Ende 20 etwas zu sagen haben. Da gibt es wahnsinnig tolle Talente und Myriaden von Menschen, mit denen ich gerne ein Buch machen würde.“ Neben einer gewissen Verjüngung soll auch das Geschlechterverhältnis ausgeglichener gestaltet werden, „gerade im Sachbuchbereich hatten wir lange einen sehr deutlichen Männerüberhang“. Im Frühjahrsprogramm finden sich im gesammten Programm nun unter zwölf Titeln lediglich zwei männliche Autoren wider. Sich daraus ergebene Diskussionen darüber, ob dahinter ein feministischer Masterplan stecken würde, irritieren die frischgebackene Verlagsleiterin durchaus, „denn diese Frage würde nicht so gestellt werden, wenn wir umgekehrt nur zwei weibliche Autorinnen im Programm gehabt hätten“. Es gehe schlicht darum, dass die Autorinnen und Autoren des Verlags mittelfristig die Realität unserer Gesellschaft widerspiegeln sollen. Immerhin „verändert sich die Gesellschaft ständig und das sollte im Programm eines Verlages, der sich selbst als politisch und gesellschaftskritisch positioniert, durchaus abgebildet sein. Da darf man als Verlag nicht nur als Beobachter von außen draufschauen, sondern diese Stimmen müssen selbst auch zu Wort kommen. Dazu gehört es auch, hin und wieder unbequem zu sein.“ Neben den inhaltlichen Akzenten muss Jaksch nun natürlich auch verstärkt die ökonomische Seite im Blick haben. „Die Zahlen müssen ja schließlich stimmen, wir sind am Ende des Tages immer noch ein Unternehmen, dass trotz allem Idealismus funktionieren muss.“

„… dann kam Corona“

Hilfreich sind bei diesem Unterfangen Auszeichnungen und Buchpreise. Mit Tonio Schachingers Nicht wie ihr landete der Verlag im Vorjahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, heuer schaffte es Stephan Roiss mit Triceratops auf die Longlist. „Als österreichischer Indieverlag auf so einer Liste zu stehen, ist für uns natürlich ein Riesending, da verrate ich kein Geheimnis. Zumal es in der Literatur ohnehin nicht gerade einfach ist, mit Debütromanen schwindelerregende Absatzzahlen zu erreichen. Die Programmleiterin und Gründerin des Literaturprogramms, Tanja Reich, hat da ein untrügliches Gespür für Talente und Themen bewiesen.“ Diesen Erfolgen kommt umso mehr Bedeutung zu in einer Zeit, die coronabedingt auch für Verlage nicht einfach ist. Jaksch weiß von dramatischen Umsatzeinbrüchen während des Lockdowns zu berichten, obwohl „wir einen großartigen Start ins Jahr hatten und noch im Februar das Gefühl hatten, dass 2020 echt unser Ding wird. Dann kam Corona und es war so, als ob man gegen eine Wand rennt.“ Vor allem für die Autor*innen tat und tut Jaksch diese herausfordernde Zeit leid, schließlich haben sich virtuelle Lesungen als nur bedingt geeigneter Ersatz für klassische Vermarktungswege erwiesen. Seit den Sommermonaten erholen sich die Zahlen wieder leicht, trotzdem sei klar, „dass uns der Jahresabschluss 2020 keine Freudentränen in die Augen treiben wird“. Aber, und das sei derzeit das Wichtigste, „wir können wegen Corona den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern müssen Strategien entwickeln. Das sind wir in der Buchbranche, die einem ständigen Wandel ausgesetzt ist, ja ohnehin durchaus gewohnt.“

Die Zeit der alten Patentrezepte und gmahden Wiesn ist vorbei, dessen ist sich Stefanie Jaksch bewusst. „Man muss ein Stück weit seinem Bauch vertrauen, weil sich der Erfolg nicht planen lässt. Das macht es aber auch extrem spannend.“ Klingt ganz so, als ob da wirklich jemand angekommen wäre.

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