Up and Down im Coronajahr

„Schwierig, durchwachsen, aber nicht nur schlecht“ – so lautet das Fazit für das Coronajahr 2020 bei der Edition Atelier. Im traditionellen Jahresauftaktinterview mit Books in Vienna – coronabedingt heuer nur via Zoom – blicken Sarah Legler, Alexandra Höfle und Jorghi Poll auf ein sehr spezielles Jahr zurück, sie sprechen über das aktuelle Frühjahrsprogramm und berichten über super funktionierende Schwarze Schafe.

Glück im Unglück hatte der im Alsergrund beheimatete Verlag im Vorjahr, da bereits alle Bücher des Frühjahrsprogramms noch vor März aus der Druckerei gekommen waren. „Dadurch waren im Lockdown alle unsere Titel als lieferbar gemeldet“, erzählt Sarah Legler, „was natürlich ein großer Vorteil war, auch für unsere Autorinnen und Autoren. Aber natürlich mussten auch wir in weiterer Folge Lesungen und Buchpräsentation verschieben oder absagen. Auf Alexandra, unsere neue Kollegin, die sich um die Veranstaltungen kümmert, kam da gleich im ersten Jahr wirklich viel Arbeit zu und sie musste gleich ihr gesamtes Organisationstalent unter Beweis stellen.“

Umstellung auf digitale Angebote

Alexandra Höfle komplettiert seit fast einem Jahr das Viererteam bei der Edition Atelier. Laut ihr haben die handelnden Akteur*innen zwischen dem Lockdown im März und jenem im November große Fortschritte im digitalen Bereich gemacht. „Im Frühjahr hat wohl jeder noch gedacht, dass sich das alles schnell wieder normalisieren wird. Als sich dann abgezeichnet hat, dass dem nicht so ist, haben viele Institutionen und Buchhandlungen ihr Programm und ihre Angebote auf Digital umgestellt, dementsprechend war das im Herbst viel angenehmer.“ Umgestellt hat in dieser Hinsicht auch die Edition Atelier, und zwar ihren Workflow. Von Lektoratsgesprächen bis hin zu Vertreter*innensitzungen wurde alles in den virtuellen Raum verlegt. „Bei uns hat das im Homeoffice ganz gut funktioniert. Man musste nur ein bisschen aufpassen, dass man bei einem Meeting nicht im Pyjama vor dem Computer sitzt“, erzählt Sarah Legler mit einem Lächeln.

Auch zahlreiche Lesungen und Buchpräsentationen wanderten in virtuelle Lesesäle, was nicht nur Nachteile hatte. „Für Autor*innen und Herausgeber*innen hatte das natürlich den Vorteil, dass sie auch in dieser schwierigen Zeit Lesehonorare bekamen. Und natürlich ist es ganz praktisch, wenn man sich eine Lesung in Kärnten auch von daheim aus anschauen kann“, erzählt Sarah. Auf der Vertriebsseite tun einem Verlag ausbleibende Lesungen in Präsenz aber natürlich weh. Und auch der nach einer solchen Lesung übliche Branchentalk entfällt notgedrungen. „Man sitzt als Verleger oder Autor ohnehin das ganze Jahr über in seinem Kämmerlein. Wenn dann diese Veranstaltungen fehlen, bei denen man mal raus kommt und man sich mit anderen austauschen kann, ist das sehr schade. Zumal ja auch die physischen Messen im Vorjahr ausgefallen sind“, ergänzt Jorghi Poll.

Super funktionierende Schwarze Schafe

Zufrieden ist das Team der Edition Atelier dagegen mit dem weiteren Verlauf des Jahres 2020, also zumindest bis zum Lockdown im November. „Insgesamt war das Jahr ein ziemliches Up and Down“, sagt Jorghi Poll. Auf ein tolles erstes Quartal folgte im Zuge des ersten Lockdowns ein Bestellstopp. „Die großen Verlage haben auch in dieser Zeit dank ihrer Werbeplätze in den Online-Bestellshops gut verkauft, aber als kleiner Verlag sind wir natürlich auf die Sichtbarkeit im stationären Buchhandel angewiesen“, erklärt Jorghi. Ab April zogen die Umsätze langsam wieder an, gutes Timing bewies der Verlag mit dem erstmals im Programm befindlichen Sommerbuch (Schwarze Schafe von Teresa Kirchengast). „Das Buch erschien im Juni und das war genau der Zeitraum, der im Vorjahr super funktioniert hat. Noch im Sommer mussten wir eine zweite Auflage in Auftrag geben“, so Jorghi.

Auch wenn die Planungen rund um Auflagenhöhe und Erscheinungstermine in Zeiten von Pandemie und Lockdown einiges an Herausforderungen bergen, erscheint bei der Edition Atelier natürlich auch heuer ein Frühjahrsprogramm. Der Fokus liegt dabei auf belletristischen Werken. Da wäre mit Die Gerissene zum Beispiel der dritte Roman von Eva Schörkhuber, der in der Edition Atelier erscheint, für Jorghi Poll ein „unglaublich buntes und sprachlich grandioses Werk“. Im Ruin ist nicht nur das „sehr athmosphärisch gehaltene“ Debüt der Buchhändlerin Barbara Kadletz, sondern in Zeiten des Lockdowns auch eine gute Möglichkeit, seine Sehnsucht nach einem Bar-Besuch zu stillen. In Ein Garten zweier Welten erzählt Gerhard Deiss von der Begegnung eines Diplomaten und eines Gärtners, der in islamistische Kreise abdriftet. Und Das Salzfass von Simon Sailer (für sein Vorjahreswerk Die Schrift für den Clemens-Brentano-Preis 2021 nominiert) ist für Jorghi Poll ein meisterhaft erzähltes und feinfühliges Porträt rund um einen Antiquitätenhändler und ein Salzfass, das sich nicht nur als Ladenhüter entpuppt, sondern auch ein gewisses Eigenleben entwickelt. Abgerundet wird das Programm durch die von Evelyne Polt-Heinzl herausgegebene Wiederauflage von Das Krähennest, ein Roman, den die Autorin Martina Wied während ihres Exilaufenthaltes in England (1939-1947) geschrieben hat.

Die Coronapandemie hat die Edition Atelier also bisher mit einem blauen Auge überstanden. Die Sehnsucht nach einem „normalen“ Buchbranchenalltag, in dem Lesungen wieder in real möglich und Abläufe besser planbar sind, ist trotzdem groß. Bleibt im Sinne von Verleger*innen, Autor*innen und Leser*innen zu hoffen, dass die Pandemie bald ein Einsehen mit uns hat.

get in contact: Edition Atelier – Schwarzspanierstraße 12/9, 1090 Wien – www.editionatelier.at – Die Edition Atelier auf Facebook, Instagram und Twitter