Erlkönig: Buchhandlung mit ganz vielen Zwischenräumen

„Bücher, die ein wenig unter dem Radarschirm fliegen. Bücher von Autorinnen und Autoren, die man kaum kennt. Bücher über Themen, die nicht so gängig sind. Oder Bücher, die von der Machart her ungewöhnlich sind.“ So beschreibt Tilman Eder, Inhaber der Buchhandlung Erlkönig im Gespräch mit Books in Vienna, was er unter „interessanten Büchern“ versteht. Denn um die geht es ihm in erster Linie. Den neuesten Donna-Leon-Band bekommt man bei ihm natürlich auch, keine Frage, aber jene Bücher, die nicht ohnehin schon in den großen Buchhandlungsketten in hohen Stapeln herumliegen, die haben es ihm am meisten angetan. Und die empfiehlt er seinen Kundinnen und Kunden auch am liebsten. „Wenn man die immer gleichen Bestseller überall und zum selben Preis kaufen kann, gäbe es ja schließlich keinen Grund, ausgerechnet zu mir zu kommen“, sagt Eder. „Wenn ich aber ein Buch entdecke, das noch ein bisschen unbekannter ist und das der Person, der ich es empfehle, gefällt, dann ist das für alle Beteiligten ein Gewinn.“ Nachsatz: „Man geht ja schließlich auch nicht in die Bäckerei, um industriell gefertigte Semmeln zu kaufen, die man auch in jedem Supermarkt bekommen könnte.“

Eine solche Strategie geht natürlich nur dann auf, wenn man ein für solche Empfehlungen offenes Publikum hat. „Das funktioniert hier im Grätzl zum Glück sehr gut, wobei man sich natürlich genau überlegen muss, für wen was passen könnte.“ Und so kann es schon mal vorkommen, dass Eder von einem Buch, von dem er überzeugt ist, mehr Exemplare verkauft, als von einem Werk, das soeben allerorts die Bestsellerlisten stürmt. „Das ist für mich das Salz in der Suppe des Buchhändlers“, erklärt er. Und immer wieder bestellt Eder auch Bücher, von denen er weiß, dass diese wahrscheinlich keine Käufer finden werden. „Solche Bücher sind wichtig für das Profil einer Buchhandlung, weil sie trotzdem gesehen werden, wenn Leute durch die Regale streifen.“

Warmherzige Bücher für eine seltsame Zeit

Durch die Coronapandemie ist Eder bisher halbwegs unbeschadet gekommen. „Man muss eh immer wieder neue Wege gehen“, sagt der Buchhändler, der schon im ersten Lockdown vor einem Jahr damit begonnen hat, Buchbestellungen mit dem Fahrrad auszuliefern. „Da war ich wirklich viel unterwegs und das viele Radfahren hat mir auch körperlich gutgetan.“ Sein Service ist von den Kund*innen sehr positiv angenommen worden, auch die Buchempfehlungen auf seiner Website haben ihren Beitrag dazu geleistet. „Das waren eher warmherzige Bücher, weil man gemerkt hat, dass die Leser*innen in dieser merkwürdigen Zeit eher Interesse an solcher Literatur hatten.“

Vor Corona hat er einmal im Monat Lesungen veranstaltet, meist waren dann fünfzehn oder auch zwanzig Zuhörer*innen in seinem kleinen Geschäftslokal. „Die gemütliche Atmosphäre und das anschließende Plaudern ist sowohl bei den Autorinnen und Autoren als auch bei den Gästen immer sehr gut angekommen“, blickt Eder zurück. Im Vorjahr konnte er immerhin zu einer Lesung im Oktober einladen (Karin Peschka las aus ihrem Roman Putzt euch, tanzt und lacht), inklusive Masken, Abstandsregelung und allem drum und dran.

Dass Tilam Eder Buchhändler geworden ist, hat auch mit seiner familiären „Vorbelastung“ zu tun, denn sowohl sein Vater als auch seine Mutter waren als solche tätig. Zudem sei der Buchhändlerjob trotz allen bekannten schwierigen Rahmenbedingungen „eine der schönsten Tätigkeiten, die man machen kann. Es ist einfach ein sehr schöner und erfüllender Beruf“, so Eder. Und auch seine Liebe zu Wien hat der gebürtige Deutsche schon früh entdeckt. „Nach der Schule wollten alle meine Mitschüler nach Berlin, mich hat es aber schon damals nach Wien gezogen“, so Eder. „Ich komme aus Schwaben, dort sind die Menschen pragmatisch und es gibt nur Schwarz oder Weiß, ohne Zwischenräume. Das ist in Wien genau umgekehrt, hier lebt man in den Zwischenräumen. Und das recht gut.“ Die Josefstadt, in der er seit nun schon fünfundzwanzig Jahren lebt, hat es ihm dabei besonders angetan. „Das ist sehr grätzelig hier, wie in einem Dorf. Die Leute kommen mit einer großen Selbstverständlichkeit in meine Buchhandlung und erwarten, dass man sie kennt und dass man sofort weiß, welche Bücher sie bestellt haben. Ich finde das sehr schön.“

Die erwähnten Zwischenräume haben es Tilman Eder nicht nur in Wien, sondern auch in der Literatur angetan. Beim Lesen könne man in „im positiven Sinne ins Unterholz geraten, sich immer weiter verzweigen und impulsiv einer Sache nachgehen. Ein Buch nimmt einen mit und man weiß nie, wo man wieder rauskommt.“ Am Literaturstandort Österreich erkennt er im Vergleich zu Deutschland zwei Vorteile. Die Literaturgeschichte und die damit einhergehende Landschaft seien hierzulande sehr reichhaltig, es gebe viele junge, spannende heimische Autorinnen und Autoren. Und in Österreich werde viel mehr Regionales gelesen als in Deutschland. „Wien ist immer ein Thema. Berlin ist zwar doppelt so groß, aber es gibt wahrscheinlich doppelt so viele gute Wien-Krimis wie Berlin-Krimis.“

In der Strozzigasse, gleich ums Eck vom Wiener Würstelstand, hat Tilman Eder mit dem Erlkönig (der Name geht auf eine ehemalige deutschsprachige Buchhandlung in Paris zurück) also seine Nische gefunden, in der er sich wohlfühlt. Mit seinem Sortiment hat er sich auf geisteswissenschaftliche Literatur, Geschichte, österreichische Literatur sowie Krimis spezialisiert. Und dann gibt es da noch den so genannten Giftschrank. „Da kommen Bücher rein, die spannend geschrieben, aber in irgendeiner Weise schwer vermittelbar sind“, definiert der Buchhändler dessen Inhalt. Anlass für die Etablierung des – nicht haptisch vorhandenen – Giftschranks war das Buch Dope von Sara Gran, für Eder eine schreckliche Geschichte, bei der man durch eine Art Höllenkreis geht. „Das ist ein faszinierend gutes Buch, weil die Autorin es schafft, die Spannung der schon fast zum Klischee gewordenen Krimiklassik von Raymond Chandler neu zu erfinden und neu darzustellen.“ Derzeit befindet sich rund ein Duzend Bücher im Giftschrank und es kommt immer wieder mal was Neues hinzu. Das kann dann zum Beispiel auch ein Buch von einer unbekannten Autorin sein. Ein Buch, das unter dem Radarschirm der Bestsellerlisten fliegt. Oder eben ein Buch mit ungewöhnlicher Machart. Wer Lust hat, diese ungewöhnlichen Bücher in einer ungewöhnlich guten Buchhandlung zu entdecken, ist bei Tilam Eder jedenfalls bestens aufgehoben.

get in contact: Buchhandlung Erlkönig – Strozzigasse 19, 1080 Wien – www.erlkönig.at – Buchhandlung Erlkönig auf Facebook