Robert Fröwein: „Sein Gegenüber als Mensch wahrnehmen“

Man kennt das vielleicht von sich selbst: Man steigt in ein Taxi oder ein Uber, zückt sofort das Handy und beschäftigt sich die komplette Fahrt mit dem Smartphone. Entweder weil es gerade wirklich dringende Dinge zu erledigen gibt oder um dem Fahrer oder der Fahrerin sofort zu signalisieren, dass man keine Lust auf ein Gespräch hat. Welcher Mensch einen da gerade nach dem Fortgehen über den Ring chauffiert oder zwischen zwei beruflichen Terminen über den Gürtel kutschiert, interessiert nur die wenigsten Fahrgäste. Robert Fröwein, hauptberuflich Kultur- und Musikjournalist bei der Kronenzeitung, wollte dieses Schema aufbrechen und ist deshalb im vergangenen Winter mit Uber-Fahrern kreuz und quer durch Wien gefahren. Nicht etwa, weil er Termine hatte oder dauernd als Nachtschwärmer unterwegs gewesen ist (was in Zeiten der Coronalockdowns etwas seltsam gewesen wäre), sondern weil er sich mit den Uber-Fahrern unterhalten wollte. Was er in diesen Gesprächen über die Lebensgeschichten seiner Chauffeure erfuhr, erschien im August im Leykam-Verlag in gedruckter Version unter dem Titel Ein Leben voller Abzweigungen.

Wie geht es eigentlich den Menschen?

Seit 2014 bietet Uber seine „Personenbeförderungsdienstleistungen“ in Wien an, immer wieder gerät das Unternehmen aufgrund der Arbeitsbedingungen für die Fahrer*innen oder wegen Konflikten mit der Wiener Taxiinnung in die Schlagzeilen. Doch wie geht es eigentlich den Menschen, die hinterm Steuer sitzen? Warum machen sie den Job, was haben sie in ihrem Leben erlebt? „Die Grundidee für das Buch kam vom Leykamverlag“, erzählt Robert Fröwein im Gespräch mit Books in Vienna, während am Gastgarten des Café Museum Autos, LKWs und wahrscheinlich so mancher Uber-Wagen vorbei in Richtung Wienzeile rauschen. „Nachdem ich selten nein sage zu einer neuen Chance und selbst oft mit Uber unterwegs bin, habe ich damals gerne zugesagt.“

Authentische Geschichten

Seit Uber in Wien ist, nutzt Fröwein den Dienst. „Ich gehe zwar viel zu Fuß und bin ein leidenschaftlicher Öffi-Fan, aber hin und wieder ist ein Uber einfach praktisch“, erzählt Fröwein. „Vor allem der Fixpreis bei Uber war mir schon immer sehr sympathisch. Den hat man bei fast allen Produkten, nur bei den Taxis hattest das nie. Das ist so, als wenn Du zum Hofer gehst und gamblen musst, was das Brot heute kostet.“ Für die Buchrecherche bestellte sich Fröwein zwischen September 2020 und Februar 2021 über vierzig Uber-Wagen, um mit diesen kreuz und quer durch die Stadt zu fahren. Als Autor zu erkennen gab er sich dabei nicht. „Wir haben uns das im Verlag vorab lange überlegt, aber aus meiner eigenen Erfahrung wusste ich, dass die Geschichten authentischer sind, wenn man sich nicht gleich als Journalist oder Autor vorstellt. Also bin ich wie ein normaler Fahrgast eingestiegen und habe mir die Geschichten angehört.“ Natürlich haben auch die Fahrer nicht immer Lust auf ein Gespräch gehabt und es gab die eine oder andere Erzählung, die zu intensiv oder zu privat war, weshalb Fröwein sie nicht für das Buch berücksichtigt hat. Um die Identität jener Fahrer (und es waren ungeplanterweise tatsächlich ausschließlich männliche Fahrer) zu wahren, mit denen Fröwein unterwegs war, hat der Autor die Namen der Protagonisten verändert.

Mehr Wertschätzung

Viele Geschichten sind ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben, zum Beispiel jene des afghanischen Fahrers, der vor zwanzig Jahren nach Wien gekommen ist. „Was der alles in seiner Heimat zurückgelassen und was er auf sich genommen hat, um herzukommen, das hat mich schon sehr berührt. Und trotzdem war er ein total super Typ, der hier sehr glücklich ist.“ Dass man lange Zeit für einen Uber-Job lediglich einen Führerschein benötigte, machte den Job für viele Menschen lange Zeit sehr attraktiv. Durch die neuen Regelungen sind nun zusätzlich auch Taxischein und Deutschkenntnisse nötig. „Dabei sprechen vielen von ihnen eh total gut Deutsch, obwohl das so eine schwere Sprache ist und viele von ihnen erst mit vierzig oder fünfzig hergekommen sind. Das sollte man mehr wertschätzen, weil diese Leute wirklich versuchen, sich zu integrieren und etwas zu leisten“, so Fröwein. Und es waren auch einige Fahrer darunter, die sich sehr gefreut haben, mit Fröwein zu sprechen, um dadurch ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. „Viele von ihnen sind aufgrund ihrer vermeintlich schlechten Sprachkenntnisse beschämt, obwohl sie das gar nicht sein müssten. Die sprechen total gut Deutsch und entschuldigen sich trotzdem, wenn sie mal einen Fallfehler machen. Dabei macht das der Schneckerl Prohaska im Fernsehen bewusst mehrmals pro Sendung.“

Gegenseitiges Verständnis

Und dann erzählt Fröwein noch von einem Eindruck, der sich während seiner Recherche immer mehr verfestigt hat. Nämlich dass viele Fahrer recht einsam sein dürften, obwohl sie stundenlang mit anderen Menschen im Auto sitzen. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Fahrer freuen würden, wenn die Fahrgäste sich ein bisschen mehr für sie interessieren würden. Das würde vielleicht auch dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu erhöhen“, so Fröwein. „Ich habe jedenfalls sehr viel gelernt auf meinen Fahrten. Und egal woher diese Menschen kommen, ob aus Afghanistan, aus der Steiermark oder aus Nordrhein-Westfalen – man sollte sein Gegenüber einfach ein bisschen mehr als Mensch wahrnehmen.“

Am 24. September 2021 liest Robert Fröwein aus seinem Buch im Thalia Wien-Mitte, tags darauf liest er im Jugend- und Kulturzentrum Explosiv in Graz und am 6. Oktober im Café Kaiserfeld in Graz.