Buchhandlung Löwenherz: Jetzt oder nie!

„Wenn wir das jetzt nicht machen, machen wir es nie.“ Die Auszeichnung als Buchhandlung des Jahres und das damit verbundene Preisgeld kamen für Veit Georg Schmidt und Jürgen Ostler gerade richtig, denn schon lange hatten sie mit dem Gedanken gespielt, das Innenleben der Buchhandlung Löwenherz neuzugestalten.

Gestartet haben Schmidt und Ostler ihr Projekt im Herbstlockdown des vergangenen Jahres. „Der Lockdown fing an einem Dienstag an, am Donnerstag kam der Tischler. Der hat die Regale und die neuen Möbel innerhalb von nur zwei Tagen hingestellt. Am dritten Tag wurde dann nur noch ein bisschen nachjustiert“, blickt Schmidt zurück. Am Vortag der Aktion wurde die erste Hälfte der Regale leergeräumt und in Auslieferungswannen, die man sich von Zwischenhändlern ausborgen durfte, eingeschlichtet. „Die Wannen haben wir in der Raummitte zu hohen Türmen gestapelt, die Tischler haben drumherum gearbeitet.“ Während die erste Hälfte der Räumlichkeiten mit neuen Regalen aus Buchenholz ausgestattet wurde, haben Schmidt und Ostler die Bücher der zweiten Hälfte aus den alten Regalen geräumt. Davor, dazwischen und danach wurde noch ausgemalt, es wurden neue Stromleitungen und Lankabel gelegt. „Das alles war eine ziemliche Knochenarbeit“, erzählt Schmidt. Doch der Aufwand habe sich gelohnt, Inhaber wie Kund*innen sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Denn neben den neuen Regalen wurden Tische, Verkaufstresen & Co auch anders angeordnet. Befand sich die Kassa früher gleich links neben dem Eingang, öffnet sich das Innere nach Betreten für die Besucher*innen in einen einladenden weiten Raum.

„Es ist durch den Umbau natürlich kein anderes Geschäft geworden und uns war eine gewisse Kontinuität sehr wichtig. Aber jetzt ist alles ein bisschen klarer definiert und es ist toll, dass auf einmal viel mehr Platz da ist, obwohl wir jetzt mehr Regale und Tische haben als vorher. Und“, schiebt Schmidt noch ein Lifehack für Buchhändler*innen hinterher, „in den Regalen haben wir jetzt viel weniger Schmutz, weil sie nach hinten zur Wand nicht offen sind.“

Die Bücher sollen im Vordergrund stehen

Das ursprünglich geplante neue Farbschema der Regale hätte sich an den Regenbogenfarben orientieren sollen, doch der Plan wurde schnell fallengelassen. „Bücher, die in einem Regal nebeneinanderstehen, sind ja schon per se ziemlich unruhig. Deswegen haben wir uns mit dem Blauton für eine ruhige Farbe entschieden“, so Schmidt. Schließlich sollen die Bücher im Vordergrund stehen, die Regale sollen lediglich dafür sorgen, dass man sich in den fünfzehntausend Büchern auch entsprechend gut aufgehoben fühlt. Neu in den Regalen sind auch hervorgehobene Präsentationsflächen, auf denen die Buchempfehlungen besser zur Geltung kommen.

Dass Schmidt und Ostler den Umbau der Buchhandlung ausgerechnet im November des ersten Coronajahres in Angriff nahmen, sollte auch ein bisschen ein Zeichen dafür sein, dass die Löwenherzen nicht nur vorhatten, unbeschadet durch die Coronakrise zu kommen, sondern dass diese Krise auch als Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung verstanden werden kann. „Für uns war der Umbau generell ein dreifaches Signal“, sagt Schmidt im Gespräch mit Books in Vienna. „Nicht nur ein allgemeines optimistisches Signal in Zeiten von Corona, sondern uns war es auch wichtig, als Buchhandlung bewusst herzugehen und zu investieren, schließlich kämpfen ja viele kleinere Buchhandlungen ums Überleben. Und dann ging es uns auch darum, als lesbisch-schwule Buchhandlung dieses positive Signal zu setzen, denn es gibt immer weniger Buchhandlungen dieser Art im deutschsprachigen Raum. Früher waren es allein in Deutschland neun Buchhandlungen, jetzt sind es nur noch zwei.“ Ein Trend, den Schmidt auch damit in Verbindung bringt, „dass die Mainstreamgesellschaft lesbisch-schwules Leben unsichtbar machen will. Das passiert heute anders als noch vor zwanzig Jahren, als man lesbisch-schwules Leben auf Schmuddelsachen oder Pornografie reduziert hat. Heute sehen wir eine große Umarmung in Richtung Trivialisierung und es gibt viele Mainstreamverlage, die Bücher mit Zuschreibungen wie queer oder anders herausbringen. Das ist sehr oft einfach nur Romance-Junkfood. Und klar, ich gehe auch zwischendurch gerne mal in ein Fast-Food-Lokal essen, aber dieses literarische Junkfood ist nicht das, wovon wir hier in der Buchhandlung auf Dauer leben können“, so Schmidt. Und die vorhandene authentische Qualitätsliteratur in diesem Bereich, auf die sich die Buchhandlung spezialisiert hat, werde leider nicht immer mit einer lesbisch-schwulen Buchhandlung assoziiert.

Hemmungslos Dinge ausprobieren

Dank des geglückten Umbaus und der Treue der Stammkund*innen fällt die Corona-Zwischenbilanz von Veit Schmidt zum jetzigen Zeitpunkt trotz der schwierigen Rahmenbedingungen halbwegs versöhnlich aus. „Der Mehraufwand und die geschmälerte Rendite gingen uns natürlich extrem an die Knochen. Aber die zurückliegenden Monate waren eine Zeit, in der man hemmungslos Dinge ausprobieren konnte“, sagt Schmidt, der sich natürlich bewusst ist, dass dies eine sehr subjektive Perspektive ist. Ideen konnten entwickelt oder spontan auch wieder verworfen werden. „Man steckte nicht in diesem schlimmen professionalisierten Perfektionswahn drin.“

Ausprobieren wird die Buchhandlung am 14. Oktober auch, wie eine Lesung unter Coronabedingungen ablaufen kann. „Die Lesung mit Christopher Wurmdobler trauen wir uns zu machen, weil Christopher aus Wien ist und wir sowohl mit dem Autor als auch mit dem Czernin-Verlag ein gutes Einvernehmen haben. Sollte es aufgrund der Coronasituation also spontane Änderungen geben müssen, können wir das flexibel handhaben. Eine Lesung mit einem auswärtigen Autor wäre derzeit zu unkalkulierbar“, erklärt Schmidt. Nachsatz: „Wir probieren das jetzt einfach mal. Auch das ist ja ein positives Learning aus den vergangenen Monaten. Als wir in den ersten Coronalockdown gingen und wir den Laden schließen mussten, hatte ich keine Ahnung, wie wir das liquiditätstechnisch überstehen sollen. Auch damals mussten wir viel probieren. Und selbst wenn am Ende etwas Anderes herauskommt, so kommt doch immerhin irgendwas dabei heraus.“

Im Fall der Buchhandlung Löwenherz in der Berggasse eine fesche und rundum erneuerte Buchhandlung, die definitiv einen Besuch wert ist.

Christopher Wurmdobler liest am 14. Oktober 2021 (19:30 Uhr) in der Buchhandlung Löwenherz aus seinem neuen Buch Ausrasten. Alle Infos zur Veranstaltung findet ihr hier.

get in contact: Buchhandlung Löwenherz – Berggasse 8, 1090 Wien – www.loewenherz.atLöwenherz-Podcast – Die Buchhandlung Löwenherz auf Facebook

Buchempfehlungen von Veit Georg Schmidt:

  • Tote foltern nicht ist ein schwuler Krimi aus dem Quer-Verlag von Roland Gramling. Krimitechnisch ist das Buch eines der besten Krimis. Er hält so viele Handlungsstränge in einer unglaublichen Leichtigkeit zusammen, die ich höchst erstaunlich finde.“
  • Für ihr Land von Helmi Schausberger ist ein grandioser historischer Roman über die Frauenbewegung und die darin sehr präsenten lesbischen Frauen während des irischen Osteraufstandes von 1916.“
  • Porträt von Jürgen Bauer ist ein absolutes literarisches Highlight, in dem der Protagonist – ein schwuler Jurist, der es in einem Ministerium fast bis zum Sektionschef schafft – selbst nie zu Wort kommt. Stattdessen erzählen die drei wichtigsten Menschen in seinem Leben. Ein Buch, das alles kann, richtig gute Literatur.“