Poesiegalerie: Wow, sowas haben wir in Wien!

Eine irre Atmosphäre mit Autor*innen, Verleger*innen und Besucher*innen, die Lyrik wirklich lieben. Das hat Autor Udo Kawasser bei seinen Auftritten bei der Leipziger Lyrikbuchhandlung kennen- und schätzengelernt. „Wow, so eine Veranstaltung sollten wir auch in Wien haben“, dachte sich der gebürtige Vorarlberger damals. Gesagt, getan. Er gründete kurzerhand die Poesiegalerie, die in dieser Woche zum vierten Mal stattfindet.

Die mehrtätige Lyrikbuchhandlung wurde 2012 vom Verlagsnetzwerk hochroth ins Leben gerufen, um der Lyrik im Rahmen der Leipziger Buchmessewoche mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. An mehreren Abenden lesen Autorinnen und Autoren seither aus ihren Werken, die Verlage stellten ihre jeweilige Jahresproduktion aus. „Das Spannende an der Leipziger Veranstaltung ist, dass da jeden Abend zwischen zwanzig und ein Uhr mehr als fünfzehn Autor*innen in kurzen Slots von zehn Minuten vor Verleger*innen, Kolleg*innen und Lyrikliebhaber*innen lesen. So etwas wünschte ich mir auch für Österreich“, erzählt Kawasser im Gespräch mit Books in Vienna.

©Poesiegalerie

Kawasser setzte sich mit Protagonist*innen der heimischen Lyrikszene in Verbindung, zum Beispiel mit Ralph Klever, und ihm wurde schnell klar, dass es sehr viel Unterstützung für eine solche Veranstaltung in Wien geben würde. „Da die Lyrik in allen Bereichen an Boden verloren hatte, bin ich gleich mit einem Riesenplan zur Förderung der Poesie auf allen Ebenen bei der Stadt Wien und beim Bund vorstellig geworden. Die haben sich wahrscheinlich gedacht, der spinnt, der Kawasser, aber lassen wir ihn einmal ein wenig machen.“ Er blieb am Ball und organisierte 2018 kurzerhand die erste Veranstaltung in Eigenregie und mit Minibudget. Die teilnehmenden Verlage zahlten einen geringen Beitrag für Raum und Technik, die Autor*innen erklärten sich bereit, ohne Honorar zu lesen. „Ich bin den ganzen Leuten, die die Idee damals so positiv aufgenommen und unterstützt haben, sehr sehr dankbar. Nur dadurch war es möglich, eine so wunderbare Lyrikveranstaltung durchführen zu können.“ Es folgten, gemeinsam mit Peter Clar und Monika Vasik, die Vereinsgründung und damit einhergehend auch öffentliche Förderungen, die dazu beitrugen, dass die Poesiegalerie heuer zwischen 7. und 9. Oktober in den Räumlichkeiten der IG Architektur in der Gumpendorfer Straße zum bereits vierten Mal über die Bühne gehen kann.

Erstmals mit Kinderprogramm

Eröffnet wird heuer am Donnerstag mit einer von Günter Vallaster kuratierten transmedialen Performance, bis 23:30 Uhr folgen insgesamt vierzehn Kurzlesungen. Unter all jenen Besucher*innen, die bis zur letzten Lesung von Peter Clar und Markus Köhle bleiben, werden abschließend die von den Verlagen an diesem Tag ausgestellten Bücher verlost. Der Freitag steht unter anderem im Zeichen des zwanzigsten Todestages von Christian Loidl. Am Samstag würdigen Autorinnen und Autoren die heuer im Juni verstorbene Friederike Mayröcker. Insgesamt sind heuer sechzig Lesende, zwanzig Verlage und zehn Ausstellende mit von der Partie. Und erstmals wird es Samstagnachmittag ein eigenes Kinderprogramm (7-11 Jahre) geben, das von Michael Hammerschmid, Elisabeth Steinkellner und Georg Bydlinksi gestaltet wird. Damit die dreitägige Veranstaltung auch in Zeiten von Corona durchgeführt werden kann, greifen die Veranstalter*innen auf ihr schon im Vorjahr bewährtes Coronaschutzkonzept zurück.

Loulou Omer bei ihrer Performance im Rahmen der Poesiegalerie 2020 ©Poesiegalerie

Neben der jährlichen Veranstaltung („unser Leuchtturm“) hat sich die Poesiegalerie in den vergangenen vier Jahren generell zu einer Bühne für Lyrik aus und über Österreich weiterentwickelt. Auf der Website wird zum Beispiel jeden Tag ein Gedicht veröffentlicht, regelmäßig werden relevante Werke rezensiert. Workshops für und mit Lyriker*innen, um diese miteinander in Austausch zu bringen, waren bereits in Planung, die Durchführung wurde dann aber wegen Corona verschoben. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Künsten soll gefördert werden, „Poesie ist ja nicht nur das geschriebene Wort. Gedichte können auch vertont, getanzt oder verfilmt werden“, sagt Kawasser, der selbst auch als Tänzer und Choreograph tätig ist.

„Viel Lyrik-Expertise abhandengekommen“

All diese Aktivitäten sollen dazu beitragen, die Lyrik wieder stärker ins Bewusstsein zu holen und für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar zu machen. „Die Lyrik war immer schon eher am Rand unterwegs, aber in den letzten Jahrzehnten ist sie aus Buchhandlungen, aus dem Unterricht und dem Feuilleton fast verschwunden“, bedauert Kawasser. „Fred Seitinger mit seiner Buchhandlung Yellow ist einer der erwähnenswerten Ausnahmen im Bereich der Buchhandlungen. Aber selbst auf Österreichs Germanistikinstituten beschäftigen sich die meisten Professor*innen lieber mit Prosa als mit Lyrik. Ein Forschungsschwerpunkt Lyrik dürfte dort eher karrierehemmend sein.“ Ganz generell sei in den vergangenen dreißig Jahren die Lyrik-Expertise abhandengekommen, stellt Kawasser nüchtern fest. „Früher haben die Literaturredakteur*innen und Buchhändler*innen die Werke von Günter Eich, Karl Krolow, H.C. Artmann oder Ilse Aichinger gekannt. Das hat sich leider ab Ende der 1980er geändert, als die Verlage im großen Stil ihre Lyrikprogramme quasi eingeköchelt haben“, lautet Kawassers Befund. Verantwortlich dafür sei eine Transformation bei vielen Verlagen, weg von der rein verlegerischen Programmgestaltung, hin zu kaufmännischen Aspekten sowie zur Gewinnmaximierung. „Das gibt die Lyrik aber selten her“, gibt sich Kawasser realistisch. „Wagenbach hat mit Erich Fried vielleicht noch Geld gemacht, aber sonst muss man Lyrik fast immer querfinanzieren.“

©Poesiegalerie

Dass seine Bemühungen langsam fruchten, macht sich für Kawasser nicht nur am gestiegenen Interesse von Schriftsteller*innen und Verlagen an Österreichs größtem Poesiefestival bemerkbar, sondern zum Beispiel auch daran, dass die Poesiegalerie in der Vorwoche mit dem Alexander-Sacher-Masoch-Literaturpreis ausgezeichnet worden ist. „Lediglich das öffentliche Interesse hinkt noch ein bisschen hinterher. Aber da braucht es halt einfach ein bisserl Beharrlichkeit“, resümiert Kawasser abschließend.
Wer nicht darauf warten will, dass Tageszeitungen, ORF & Co eines Tages die lyrischen Wow-Momente wieder besprechen und berücksichtigen, hat ab diesem Donnerstag die Möglichkeit dazu. Alle Infos zum Programm findet ihr unter www.poesiegalerie.at.