„Ich bin ein Textbastler“

Während andere Jugendliche im Bus auf dem Weg zur Schule ein bisschen Schlaf nachgeholt haben oder schnell noch die Mathe-Hausübung abgeschrieben haben, nutzte Martin Peichl als Schüler die Zeit für andere Dinge: Er las sich mit einem Freund gegenseitig die am Tag zuvor geschriebenen Fantasytexte vor. „Wolfgang Hohlbein war damals unsere Droge. Mit zwölf oder dreizehn Jahren haben wir dann angefangen, unsere eigenen Fantasyromane in karierte A4- oder A5-Hefte zu schreiben. Wir haben sogar extra eigene Umschläge gebastelt, damit das ein bisschen so ausschaut wie ein Buch“, erzählt Peichl dreiundzwanzig Jahre später im Gespräch mit Books in Vienna in einem Café am Mittersteig im vierten Bezirk.

Debütroman Wie man Dinge repariert

Dieser Tage erscheint nun Martin Peichls Debütroman Wie man Dinge repariert in der Edition Atelier. Laut Verlag ist ihm mit seinem Roman ein „sympathisches Porträt einer Generation, die sich weigert, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen“ gelungen. Eine Erwartungshaltung, die Peichl, wie er freimütig zugibt, durchaus ein bisschen nervös mache. „Beim Schreiben war es mir nur zum Teil bewusst, dass man das Buch vielleicht auch als Generationenporträt lesen könnte. Aber ich habe nicht so die ideale Interpretation für das Buch“, erklärt Peichl. Ohne Interpretation und auch mit freiem Auge sichtbar ist hingegen, dass Peichl sich in seinem Roman mit seiner eigenen Generation auseinandersetzt. „Natürlich greift man beim Schreiben immer auf die Phase zurück, in der man sich gerade selbst befindet und es gibt einige autobiografische Splitter im Buch“, so Peichl. Besagte Splitter vermischen sich jedoch mit anderen biografischen Geschichten oder Lebenserfahrungen, „es gibt im Buch also nicht eins zu eins eine Person wie den Martin Peichl.“

In Wie man Dinge repariert geht’s um das Leben eines Großstädters in seinen Dreißigern, der seinen Roman fertigschreiben will. Doch das Leben kommt ihm immer wieder dazwischen, sowohl die eigenen Beziehungen als auch die Hinterlassenschaften seines verstorbenen Vaters. Wie man Dinge repariert, weiß man übrigens auch nach der Lektüre des Buches nicht unbedingt. „Es ist eigentlich ein Buch über das Gegenteil, nämlich wie man Dinge sehr effektvoll nicht repariert. Der Protagonist glaubt zwar manchmal zu wissen wie es geht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es wirklich so ist“, sagt Peichl.

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Martin Peichls Debütroman erscheint am 28. Februar 2019 in der Edition Atelier


Seine Elterngeneration – und somit auch die Elterngeneration des Protagonisten – sei noch davon geprägt gewesen, dass man alles reparieren könne und auch sollte. „Das wurde auf die Beziehungsebene übertragen, man hat sich noch nicht so leicht von seinem Partner getrennt“, so Peichl. Dies habe sich dann aber spätestens mit seiner eigenen Generation geändert. „Uns wurde stets vermittelt, dass man Dinge lieber neu kaufen soll, als sie reparieren zu lassen, da die Neuanschaffung billiger sei. Daraus entwickelte sich eine Generation, die genau dieses Prinzip dann auch auf die Beziehungsebene umgelegt hat. Eine Generation, die zum Beispiel das erste Mal auf Online-Dating zurückgreifen konnte und bei der Austauschbarkeit ein ganz großes Thema ist.“

Die LeserInnen auch ein bisschen fordern

Das Schreiben steht bei Martin Peichl in enger Verbindung zur Leseperformance. Im Jahr 2016 las er im dezentral zum ersten Mal vor Publikum aus seinen Bierdeckelgedichten, „das hat mir sehr getaugt“. Peichl kam auf den Geschmack, nutzte jede Lesegelegenheit, die sich ihm bot. „Wenn man regelmäßig liest, bekommt man ein ganz gutes Gespür dafür, wie manche Stellen funktionieren. Und das Publikum reagiert natürlich nicht immer so, wie man es sich erwartet hat. Ich habe meine Texte dann immer und immer wieder geändert, ich bin ein richtiger Textbastler.“ Insofern war der gedruckte und somit ab einem gewissen Zeitpunkt unveränderbare Roman eine größere Herausforderung für ihn. Trotzdem finde sich der Performancegedanke in Form von „durchrhythmisierten Texten“ auch in so manchem Kapitel von Wie man Dinge repariert. Die einzelnen Kapitel müssen übrigens nicht in jener Chronologie gelesen werden, in der man sie im Buch vorfindet. „Man kann auch einfach irgendwo in die Geschichte hineinspringen und die Chronologie durcheinanderbringen. Diese variable Form entspricht ein bisschen meiner postmodernen Prägung.“ Peichl will die LeserInnen in die Geschichte miteinbeziehen, „ihnen ein bisschen Spielraum geben und sie auch ein bisschen fordern“.

Seine eigenen grafischen Fähigkeiten muss Peichl dagegen nicht mehr fordern. Dreiundzwanzig Jahre, nachdem er seine Schulhefte mit selbstgemachten Buchumschlägen verziert hat, übernimmt das nun Jorghi Poll von der Edition Atelier für ihn. Künftige Lesungen in einem Schulbus will Peichl jedoch nicht ausschließen. Dass ihm in diesem Fall weit mehr Menschen zuhören würden, als eine Handvoll Jugendlicher, davon kann man wohl ausgehen.

Die Buchpräsentation von Wie man Dinge repariert findet am 28. Februar 2019 im Tanzcafe Jenseits statt. Eintritt frei.

get in contact: Website von Martin Peichl – Autorenporträt auf der Edition Atelier-Website – Martin Peichl auf Facebook – Martin Peichl auf Twitter – Martin Peichl auf Instagram

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