Die Grätzlbuchhändlerin mit den Zuckerln

Wer sich über die Grätzlbuchhandlung in der Lainzer Straße vorab informiert, die/der stößt online unweigerlich auf Bewertungen von UserInnen. Da ist dann zum Beispiel von der „besten Buchhändlerin, die ich je kennengelernt habe“ die Rede, andere UserInnen loben die „kompetente und supernette Inhaberin“ sowie die „wunderbare Enklave der Literatur“.  Positive Bewertungen in den Sozialen Medien kann sich in Zeiten wie diesen natürlich jeder an der nächsten virtuellen Ecke besorgen. Doch wenn eine Kundin besagter Buchhändlerin gar eine selbstgemachte Gemüsesuppe mit Backerbsen vorbeibringt, dann ist das Interesse des Bloggers geweckt. Und so machte sich Books in Vienna im Februar 2019 auf den Weg nach Lainz, um die Dame hinter der Buchhandlung kennenzulernen: Petra Hofer.

graetzlbuch06Die gebürtige Deutsche kam 1998 nach Wien und arbeitete anschließend lange Jahre als Sortimentsleiterin in einer Buchhandlung in der Inneren Stadt. Aufgrund veränderter Rahmenbedingungen hörte sie eines Tages in der Buchhandlung auf und wechselte in ein Hutgeschäft. Was auf den ersten Blick vielleicht seltsam erscheinen mag, machte für Petra Hofer absolut Sinn. „Ich habe in dem kleinen Hutgeschäft irrsinnig viel darüber gelernt, wie kleiner Handel funktioniert. So als ob das Leben schon damals gewusst hätte, dass ich später mal eine eigene Buchhandlung haben werde. Aber an solche Dinge glaube ich ja eigentlich nicht“, beteuert Hofer im Gespräch mit Books in Vienna. Ihre ehemaligen Kundinnen und Kunden aus der Buchhandlung kamen auch weiterhin mit der Hoffnung auf die ein oder andere Buchempfehlung zu ihr ins Hutgeschäft. „Und gleichzeitig gaben sie mir Tipps, wo gerade irgendwo ein Ladenlokal frei wurde“, erzählt Hofer. Und so stieß sie eines Tages auf ein kleines Schreibwarengeschäft in der Lainzer Straße, das seit über hundert Jahren an dieser Stelle existierte. Die Vorbesitzerin war bereits 74 Jahre alt und wollte aufhören. Neben Schreibwaren versorgte die Dame ihre KundInnen auch mit aktuellen Bestsellern.

Geschäft mit Potenzial

Petra Hofer erkannte schnell das Potenzial des Geschäfts, die nächstgelegenen Buchhandlungen in Mauer und Ober St. Veit lagen ein gutes Stück entfernt. Die belebte Kreuzung von Jagdschlossgasse und Lainzer Straße mit dem angrenzenden Kardinal-König-Haus versprach ein gewisses Maß an Laufkundschaft und zwei große Gymnasien gibt es obendrein im näheren Umfeld. „Ich habe damals erstmal einen Monat so weitergemacht wie meine Vorgängerin, um den Leuten zu zeigen, dass ich jetzt da bin und um zu schauen, was die Leute wollen. Und da habe ich schnell gemerkt, dass insbesondere den älteren Leuten die Schreibwaren noch sehr wichtig sind.“ Und so wandelte sich das Schreibwarengeschäft mit Büchern zu einer Buchhandlung mit Schreibwaren.

graetzlbuch03Seit Juni 2013 residiert Hofer mit ihrer Grätzlbuchhandlung nun also in der Lainzer Straße 141. Entstanden ist ein bibliophiler Greißler. „Das ist wie in einem Dorf, man muss inhaltlich überzeugen und die Gegebenheiten aufnehmen. Und dann, wenn man quasi zum Dorfbild gehört und die Leute um einen besorgt sind, entstehen ganz viele positive Dinge.“ Die Sorgfalt ihrer KundInnen drückt sich zum Beispiel in Form von selbstgemachter Marmelade oder eben einer warmen Gemüsesuppe aus. Im Gegenzug hält Hofer Zuckerln für ihre KundInnen parat, „da strahlen vor allem die älteren Damen immer wie Kinder.“ Gespräche mit KundInnen oder auch das Zuckerlangebot, all das habe viel mit Wertschätzung zu tun, die sie ihren KundInnen zukommen lassen will. „Ich versuche, die Leute ernst zu nehmen. Dasselbe gilt bei der Beratung. Ich will den Menschen ja nicht einfach irgendein Buch aufdrücken, sondern ein Buch, das tatsächlich zu den Menschen passt.“

„Man kann hier gut diskutieren“ 

Mit ihrer Buchhandlung führt Petra Hofer einen an den Standort angepassten klassischen Nahversorger, „aber natürlich kann und muss man dem Geschäft inhaltlich seinen Stempel aufdrücken.“ Das merkt man zum Beispiel, wenn man bei ihr ein Buch von Thilo Sarrazin erstehen möchte. „Den kaufe ich nicht ein und ich bestelle ihn auch nicht, weil ich nicht will, dass dieser Mensch auch nur einen Cent an mir verdient“, so Hofer energisch. Diskussionen mit KundInnen bleiben dann natürlich nicht aus, diese scheut Hofer aber nicht. Das mache diesen Standort eben auch aus, „man kann hier gut mit Leuten diskutieren, darf dabei nur nicht belehrend auftreten.“

graetzlbuch05Die Literatur für ihre Kundinnen und Kunden wählt Hofer mit Bedacht aus, wobei sie mit aktuell gehypten Büchern nur bedingt etwas anfangen kann. „Ich versuche auch abseits der Bestsellerlisten in die Programme von kleineren Verlagen zu schauen. Flüchtiges Glück von der Edition Atelier ist so ein Beispiel“, sagt Hofer. Sie selbst lese „querbeet, hauptsache es ist gut gemacht“. Dann könne es auch vorkommen, dass sie ein Buch immer wieder liest. Krieg und Frieden nennt sie in diesem Zusammenhang („ich liebe weite Teile der russischen Literatur weil die gesellschaftlichen Verhältnisse dort sehr spannend dargestellt werden“) oder Deutschstunde von Siegfried Lenz („immer wieder ein Genuss“). Ihre so genannten Buchlieblinge besuche sie immer wieder „wie gute Freunde “.

Geschichte und Sprache müssen zusammenpassen

Daneben entdeckt sie „unglaublich gerne“ neue AutorInnen, die sie jedoch inhaltlich überzeugen müssen. „Nur weil es vielleicht gerade eine junge gehypte österreichische Autorin gibt, heißt das ja leider nicht per se, dass ihr Buch gut ist“, so Hofer. Geschichte und Sprache müssen für sie zusammenpassen, Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen von Philipp Weiss sei dafür ein gutes Beispiel. „Das ist ein sprachliches und haptisches Vergnügen und wenn man sich auf die Konfusion des nicht-linearen Lesens einlässt, erschließt sich einem ein literarisches Projekt der Extraklasse.“

graetzlbuch04Wenn man sich mit Petra Hofer über Bücher unterhält und mitbekommt, wie sie mit ihren KundInnen umgeht, dann merkt man schnell, dass die guten Online-Bewertungen auf einem realen Kern beruhen. Dass hier jemand mit Herzblut bei der Sache und bei ihren KundInnen ist. Und was sagt sie selbst dazu? „Ach, man spürt sehr schnell, wo man mit einem Kunden oder einer Kundin hingehen kann. Das ist ein gemeinsamer Weg und wenn das Vertrauen erstmal da ist, dann kauft ein Kunde auch mal ein Buch, das er woanders vielleicht noch nicht mal in die Hand genommen hätte.“

Anlässlich des Österreichischen Vorlesetages liest Petra Hofer (gemeinsam mit anderen VorleserInnen) am 28. März 2019 im Großen Festsaal des Amtshauses Hietzing aus Walter Gronds „Sommer ohne Abschied“.

get in contact: Grätzlbuchhandlung Lainz – Lainzer Straße 141, 1130 Wien – www.graetzlbuchhandlung-lainz.atpetra.hofer@graetzlbuchhandlung.at – Die Grätzlbuchhandlung auf Facebook & Instagram

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